Zwischen Beton und Blechbüchsen 

Wenn für andere der Feierabend beginnt, geht ihre Arbeit erst los: Eine Nacht mit der Autobahnmeisterei Hannover 

19:16 Uhr. Dirk nippt gedankenverloren an einem Kaffeebecher. Er sitzt im Aufenthaltsraum seiner Dienststelle und bereitet sich auf seine zweite Schicht vor. Seine Augen wirken trüb, unter ihnen zeichnen sich erste dunkle Schatten ab. Den Morgen hat der Bauwart aus Garbsen damit verbracht, alles für die Nacht vorzubereiten. Er hat die

Autobahnmeisterei Hannover

Kooperationsfirmen beaufsichtigt, ihre Arbeit kontrolliert, Rechnungen überprüft und ans Amt weitergegeben. Nach zwei Stunden Mittagspause auf dem Sofa, liegen nun weitere fünf Arbeitsstunden vor dem 52-Jährigen – dieses Mal im Außendienst. Etwa zweitausend Quadratmeter Asphalt im Bereich des Kreuzes Kirchhorst auf der Bundesautobahn A 37 – dem Zubringer zum Stadtgebiet und zur Messe Hannover – sollen in den kommenden drei Nächten gefräst werden. „Das schlaucht schon ganz schön an einem. An Schlaf ist da nicht wirklich zu denken“, gibt Dirk zu. Mehrmals im Jahr ist er nachts unterwegs, muss bei Unfällen sofort reagieren.  Noch ein kurzer Blick auf die Uhr, dann nimmt er mit einem kräftigen Zug den letzten Schluck Kaffee. Seine orange-blaue Schutzjacke hängt schon griffbereit über der Stuhllehne.
Er wirkt ruhig, fährt zügig. In seinem Auto läuft das Radio. Plötzlich kippt die Stimmung, die Routine bricht. Das Handy klingelt. Es ist Bauleiterin Ahrens – mit schlechten Nachrichten:  Der Verkehrssicherer der Absperrfirma hat vergessen, den Bereich für die Bauarbeiten abzusperren. Dort, wo heute Nacht gefräst werden sollte, läuft der Verkehr nun normal weiter.  „Das ist doch Mist!“, sagt Dirk. „Dadurch bricht der ganze Zeitplan auseinander!“. Mit der einen Hand umklammert er fest das Lenkrad, mit der anderen gestikuliert er wild vor der Fernsprechanlage.

„Dann müssen wir die Bereiche tauschen. Heute circa 600 Meter machen und morgen dann das Stückchen davor“, murmelt er vor sich hin. Frau Ahrens willigt ein.

20:39 Uhr. Es rauscht. Auf der angrenzenden, freiliegenden Fahrbahn rasen die PKWs und LKWs an den Sicherheitspfeilern vorbei. Vor knapp vierzig Minuten hätten die Fräsarbeiten beginnen sollen. Auf der Baustelle versammeln sich die Straßenwärter der Kooperationsfirma zur Krisensitzung im Kreis um Bauleiterin Ahrens. Sie hält den Entwurf für die heutigen Fräsarbeiten in den Händen. Es herrscht ein wirres Durcheinander. Dirk übernimmt die Koordination. „Wir machen das so, dass wir das auch schaffen“, wirft er ein. Die Bauarbeiter warten auf ein Startzeichen, stehen mit den Händen in den Hosentaschen auf dem Asphalt, rauchen eine Zigarette nach der anderen.

Währenddessen fährt Dirk nochmal los. Er will überprüfen, ob die Vorwarner richtig geschaltet sind. An der Abzweigung von der A7 zur A37 stellt er das orangene Warnlicht an und parkt das Einsatzauto am Seitenstreifen. Das nächste Problem: ein LED-Vorankündigungspfeil leuchtet nicht. „Dann muss der Bauleiter halt nochmal los fahren und das in Ordnung bringen“, sagt er. Etwa 500 Meter vor der Baustelle steht ein weiteres Schild mit einem blinkenden Baumann. „Macht das nicht Sinn, den schon auf 60 zu nehmen? Morgen am besten auch. 80 ist doch viel zu wenig.“ Dirk diskutiert mit seinem Chef. Die beiden einigen sich. Sie übermitteln den Hinweis an die Betriebszentrale an der Glocksee, die Geschwindigkeit wird begrenzt. „Die meisten Autofahrer rasen so oder so durch die Baustelle. Da können wir noch so viele Warnschilder aufstellen“, sagt Dirk. Wie ist sein Verhältnis zu den Autofahrern? Wird seine Arbeit von ihnen wertgeschätzt? „ Ach was. Entweder hupen sie, zeigen einem einen Vogel oder schmeißen einem irgendwelche Blechbüchsen an den Kopf“. Er schüttelt verständnislos den Kopf und fügt hinzu: „Eigentlich machen wir die Autobahn für die fertig, damit sie auch unbeschadet von einem Ort zum anderen kommen und sich nicht durch Schlaglöcher einen Schaden am Auto holen.“

21:50 Uhr. Es wird langsam dunkel. Noch immer stehen die Maschinen. „Erst wenn die Sperre steht, kann gefräst werden“, sagt Dirk. Er läuft den Straßenrand entlang, lässt die Baustelle nicht aus den Augen. Dann ist es soweit:

Das ratternde Geräusch des rotierenden Schneidewerkzeuges ertönt. Die Fräsmaschine läuft. Es riecht nach flüssigem Klebstoff und Abgasen. Während sein Chef nach Schadstellen in den freigelegten Asphaltschichten schaut, schnappt sich Dirk ein Laufrad und misst die Länge und Breite der Fräsfläche. Alle 100 Meter stoppt er, nimmt ein Stichmaß, um die tatsächliche Länge mit den Vorgaben abzugleichen. „Dadurch können wir genauer messen. Das ist später für die Abrechnung wichtig“, erklärt er.

Kurz vor Mitternacht. Dirk dreht sich noch ein letztes Mal um, blickt zurück auf den frisch gefrästen Asphalt. Ist er zufrieden mit dem heutigen Fortschritt auf der Baustelle? „Ja, sicher. Wir haben ja alles an Länge geschafft, was wir wollten. Zwar nicht das, was wir ursprünglich machen wollten, aber das holen wir dann morgen nach“. Dann öffnet er die Wagentür, schmeißt seine Schutzjacke auf den Rücksitz. Die Bauarbeiten werden noch bis spätestens morgens um sechs Uhr dauern – dann müssen die Straßen wieder für den Berufsverkehr freigegeben sein. Auch für Dirk wird dann wieder der Wecker klingeln. „Schäden ablaufen und sanieren kann ich auch morgen noch“, sagt er, lacht und fährt los.

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Von Milena Schwoge
Fotos: Miriam Brunner

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