Wie werde ich Fußballfan?

Johanna Stein geht der Frage nach „Wie werde ich eigentlich Fußballfan?“

Mist. Wenige Tage vor der EM in Frankreich merke ich, dass mein Fußballwissen seit der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren nicht gerade an Umfang gewonnen hat. Aber ich will nicht wieder stillschweigend im Biergarten sitzen, während um mich herum alle ihr Expertenwissen zum Besten geben. Es hilft nichts, ich muss meine freien Tage vor dem ersten Deutschlandspiel einem umfangreichen Sportstudium opfern.

Ich fange mit dem einfachsten an: Fanartikel. Quasi die Kombination aus etwas Schönem (Shoppen) und etwas weniger Schönem (Fußball). Man muss sich ja erst einmal rantasten. Ausgestattet mit Trikot, schwarz-rot-goldener Schminke und selbstverständlich der allerbesten Erfindung seit es Kraftfahrzeuge gibt – dem Deutschlandfahnenaußenspiegelüberzieher – mache ich mich an die eigentliche Arbeit.

Ich widme mich den Regeln. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage, dass Fußball nicht die Sportart mit dem komplexesten Regelwerk ist. Gut für mich. Kurz nochmal nachgelesen, was Abseits bedeutet. Das sollte reichen.

Weiter geht’s mit der deutschen Mannschaft. Kimmich, Weigl, Sané? Nie gehört. Sind ja auch neu, merke ich. Der Rest kommt mir sogar bekannt vor. Wenn auch hauptsächlich dank Mercedes- und Nutella-Werbung. Ich lese mir die wichtigsten Spielerprofile durch und versuche, die landläufigen Meinungen zu Jogis Kader herauszufinden. Podolski dabei – buh. Reus nicht dabei – buh. Und das erfährt er auch noch an seinem Geburtstag. Der Arme. In Hannover außerdem ganz wichtig: Zieler nicht dabei – Doppel-Buh.

Jetzt sind eigentlich nur noch die Gegner von Bedeutung. Polen, Ukraine, Nordirland – die Vorrunde klingt machbar. Nicht nur für Laien wie mich. Die großen Favoriten sind neben dem Weltmeister natürlich Spanien und England, aber auch unsere Nachbarn aus Belgien und der Gastgeber. Auch Spiele gegen Österreich, Kroatien und die Türkei sollte man anscheinend nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Perfekt vorbereitet mache ich mich auf zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft. Ich sitze mit meinen Freunden im Biergarten, das Spiel beginnt. Ich hole tief Luft – bereit eine fundierte, objektive, dennoch natürlich kritische Analyse der ersten Spielzüge loszulassen, die alle Möchtegern-Bundestrainer aus den schwarz-rot-goldenen Socken haut. Doch bevor ich überhaupt anfangen kann, werde ich unterbrochen. „Gib doch ab!“, motzt einer. „Aber bei dieser Mittelfeldkonstellation und in Anbetracht der Defensivtaktik der Gegner ist es wirklich sinnvoller …“, setze ich an. „Bist du blind? Scheiß Schiri!“, schimpft da schon ein anderer. Ich bin fassungslos. Nüchterne Analyse scheint hier fehl am Platz. Mein ganzes Fußballstudium – umsonst.

Fan sein kann man wohl einfach nicht lernen.

Von Johanna Stein

Foto: Lara Sagen

[ssba]