„Wer sich selbst beherrscht, der kann auch viel mehr erreichen.“

Man kennt es aus Film und Fernsehen: Jackie Chan erledigt seinen Gegner mit einem präzisen Tritt, Bruce Lee hält seine Feinde gekonnt in Schach. Schreie, rasante Bewegungen und beeindruckende Kampfszenen. Was für viele Hollywood-Fantasie bleibt, lebt und lehrt Kerim Duygu: Er ist Martial-Arts-Profi und unterrichtet im Kampfkunst-Center Hannover alles von Karate über Schwertkampf bis hin zur Meditation. In einem Interview spricht er über Antrieb, Erfolg und Respekt.

In dem, was Sie tun, sind Sie sehr erfolgreich. Was denken Sie, welche Eigenschaften zeichnen einen guten Kampfsportler aus?

Das geht durch Selbstbewusstsein, durch Selbstbeherrschung und man muss motiviert sein für das, was man erreichen möchte. Durch gezieltes Training kann man viel erreichen. Es hängt viel vom Trainer ab, aber auch von den Schülern. Ist er beweglich, ist er sehr aufmerksam, kann er das, was er lernt, gleich umsetzen, ist er ehrgeizig?
Es kommt drauf an, was er für Fähigkeiten hat. Ich versuche immer, mich weiterzuentwickeln. Man soll niemals sagen „Ich bin der Beste!“ sondern immer weiter machen und sich immer weiter entwickeln.

Sie haben nicht nur eigene Erfolge zu verzeichnen, Sie trainieren auch seit zehn Jahren Ihre Schüler in verschiedenen Disziplinen. Was ist das Wichtigste, was Sie ihnen vermitteln möchten?

Es geht, gerade bei Kindern, um Sicherheit und Selbstbewusstsein, aber auch um Disziplin, Koordination und Beweglichkeit, Toleranz und Gemeinschaftssinn. Da geht’s um Kontrolle, um Körperbeherrschung und um Respekt. Bevor man mit dem Finger auf die Leute zeigt und sagt ‚Du bist doof, du bist hässlich, du bist fett, du bist dick!‘, sag ich immer zu meinen Schülern: ‚Ihr müsst erstmal mit dem Finger auf euch zeigen!‘
Es geht darum, untereinander einen sehr respektvollen Umgang zu pflegen. Kampfsport ist einfach eine Charakterschule für das ganze Leben.

In der Kampfkunst gibt es viel Körperkontakt, viel Kraft, viel Schlagabtausch. Laien interpretieren das oft als Gewalt, hat es tatsächlich etwas damit zu tun?

Absolut gar nichts. Das sind immer diese Vorurteile. Kampfsport, allein das Wort, das macht viel aus. Aber es geht gar nicht darum. Man kämpft mit sich selbst! Man tut was für den Körper, stärkt das ganze Immunsystem. Wenn man trainiert, darf man nur für den Körper und den Geist da sein. Wer sich selbst beherrscht, der kann auch viel mehr erreichen. Dann ist man entspannter und bereit für andere Herausforderungen. Und das verstehen halt viele falsch. Das ist einfach nicht Kampf, um andere platt zu machen oder jemanden k.o. zu hauen, sondern man kämpft gegen sich selbst. Das ist nicht nur Draufhauen. Da gehört viel mehr dazu.

Haben Sie manchmal auch Schüler hier, die einfach nur lernen wollen, drauf-zuhauen? Wie geht man damit um?

Eine gute Atmosphäre ist sehr wichtig. Randale-Macher und Schläger haben bei uns nichts zu suchen. Aber an muss auch motivieren, positiv sein. Natürlich sind einige ein bisschen pubertär. Manche sind hyperaktiv. Ich arbeite mit Jugendlichen, die sehr aggressiv und gewalttätig sind oder im Gefängnis waren, in der Schule schlechte Noten haben oder rausgeflogen sind. Und nach ein paar Wochen werden die ruhiger. Ich versuche, denen nicht die Ohren langzuziehen, sondern ich lass sie richtig trainieren. Die sind dermaßen kaputt, dass die keine Energie mehr haben, draußen jemanden blöd anzumachen, weil die den ganzen Stress bei mir gelassen haben. Und nachher gehen sie glücklich nach Hause.

Diese Entwicklung zu beobachten und die Erfolge der Schüler zu begleiten – was ist das für ein Gefühl?

Natürlich habe ich auch Schüler, die erfolgreich sind und das mach mich sehr, sehr, sehr stolz. Aber man muss nicht nur bei den Meisterschaften irgendwas erreichen. ‚Aus meinem Sohn haben sie einen Mann gemacht!‘ oder ‚Meine Tochter ist selbstbewusster, die hat gute Noten!‘, das ist wirklich eine gute Bestätigung. Das reicht. Das ist wirklich, warum ich das mache, weil ich was erreiche. Wenn ich was vermittele, wenn ich was geben kann, das macht mich wirklich glücklich.

Von Leonie Gebhard

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