Wer fliegt, wer bleibt?

Langsam wird es ernst: Die EM rückt näher, das Fieber bei Spielern und Fans steigt. Bis Ende des Monats muss Jogi Löw seinen endgültigen Kader bekanntgeben. Für vier Kicker des 27-köpfigen vorläufigen Aufgebots endet das EM-Abenteuer dann, bevor es angefangen hat.

Im Trainingslager in Ascona müssen sich ab dem 24. Mai alle beweisen, um dabei zu sein. „Wir haben noch keinen Streichkandidaten im Blick, alle wurden mit fester Überzeugung nominiert“, stellte Löw zwar bei der Pressekonferenz klar, die im Rahmen der Kaderveröffentlichung gehalten wurde. Doch natürlich gibt es Tendenzen, wen es treffen könnte. Interact nimmt einmal alle Akteure unter die Lupe und schätzt ihre Chancen auf eine EM-Teilnahme ein.

TOR

Manuel Neuer (30 Jahre, 64 Länderspiele/0 Tore): Die völlig unumstrittene Nummer 1 im deutschen Kasten. Der Bayern-Keeper hatte mit seiner unverwechselbar mutigen Spielweise großen Anteil am WM-Titel 2014, auch bei der EM kann Neuer in engen Spielen das sprichwörtliche Zünglein an der Waage sein und ist daher unverzichtbar.

Gesetzt

Marc-André ter Stegen (24, 5/0): Auch wenn er beim FC Barcelona nur in den Pokalwettbewerben zum Zuge kommt, hat er sich die Nominierung durch konstant gute Leistungen verdient. Der Ex-Gladbacher ähnelt Neuer von allen deutschen Keepern am ehesten in seiner offensiven Spielweise.

Gesetzt

Bernd Leno (24, 0/0): Leno verdrängte 96-Schlussmann Zieler aus dem Kader. Er kämpft nun mit ter Stegen um den Platz hinter Neuer. Nach einer durchwachsenen Hinrunde hat er eine bärenstarke Rückserie gespielt und sich damit wieder in den EM-Fokus gespielt. Wie Neuer und ter Stegen wohl sicher dabei.

Gesetzt

ABWEHR

Jerome Boateng (27, 57/0): Der Abwehrchef. Nachdem er bei den vorherigen Turnieren immer mal wieder in die Außenverteidigung abgeschoben wurde, ist der 27-jährige nun klarer Innenverteidiger Nr. 1. Boateng vereint Tempo, körperliche Robustheit und eine hohe Spielintelligenz und gehört mit Sicherheit zu den stärksten Abwehrspielern des Turniers.

Gesetzt

Mats Hummels (28, 46/4): Der Noch-Dortmunder wird wohl mit seinem künftigen Bayern-Kollegen Jerome Boateng die Defensivzentrale bilden. Hat sich nach einer für ihn persönlich schwachen „Nach-WM-Saison“ wieder gefangen und glänzte diese Spielzeit wieder mit dominantem Auftreten und eleganten Vorstößen á la Beckenbauer.

Gesetzt

Shkodran Mustafi (24, 10/0): War in einem in dieser Spielzeit schwachen FC Valencia noch einer der Stabilisatoren und hat auch in der Nationalmannschaft ein ganz anderes Standing als noch vor zwei Jahren. Wird von Löw als Alternative zu Hummels und Boateng oder im Notfall als Rechtsverteidiger eingeplant, muss sich im Trainingslager aber beweisen, denn konkurrenzlos ist der 24-jährige nicht.

Muss noch zittern

Antonio Rüdiger (23, 9/0): Rüdiger, der sich beim italienischen Topklub AS Rom als Stammkraft etabliert hat, ist noch immer nicht frei von Schwächen. Oft mit dem jungen Boateng verglichen, ist Rüdiger mit seiner Robustheit und Schnelligkeit eine wertvolle Figur neben den langsameren Hummels, Höwedes oder Mustafi. Löw testete ihn mehrmals in einer Dreierkette neben Hummels und Boateng, wo er einen passablen Eindruck hinterließ.

Gute Chancen

Benedikt Höwedes (27, 32/2): Als Linksverteidiger war Höwedes bei der WM 2014 eine wichtige, weil defensiv stabile Säule, wurde seitdem aber immer wieder von Verletzungen heimgesucht. Nun muss er sich hinter Hector einreihen. Sein Vorteil: Der Schalker kann jede Position in der Viererkette zuverlässig bekleiden, deshalb hat Löw ihn nominiert, obwohl er erst seit ein paar Wochen wieder fit ist.

Gute Chancen

Jonas Hector (25, 12/1): Der Kölner ist nach der WM 2014 der Dauerbrenner in der DFB-Elf, er hat sich auf der Linksverteidigerposition festgespielt. Häufig unauffällig, aber zuverlässig – das beschreibt den zurückhaltenden Teamplayer auf und neben dem Platz zutreffend. Das schätzt Löw an ihm.

Gesetzt

Emre Can (22, 5/0): Der Deutsch-Türke agiert beim FC Liverpool eigentlich als zentraler Mittelfeldspieler, wird von Löw mangels Alternativen aber als Rechtsverteidiger eingeplant. Dort konnte Can in fünf Länderspielen zwar nur bedingt überzeugen, seine Flexibilität und die Problemposition auf den defensiven Außen sind jedoch sein Trumpf. Löw hat jedoch mit Rudy, Kimmich oder Mustafi durchaus andere Möglichkeiten, wenn Can nicht überzeugt.

Gute Chancen

Sebastian Rudy (26, 10/0): Rudy ist ebenso wie Can Sechser, wird aber von Löw rechts hinten aufgestellt. Auf dieser Ausweichposition machte sich der Hoffenheimer aber immer wieder erstaunlich gut. Mit hoher Ballsicherheit und einem gesunden Offensivdrang hat sich Rudy sogar zu einem Anwärter auf die Startelf entwickelt.

Gute Chancen

MITTELFELD

Bastian Schweinsteiger (31, 114/23): Der Kapitän ist der wohl größte Härtefall im DFB-Kader. Löw weiß genau, wozu ein fitter Schweinsteiger fähig ist, sein bärenstarker Auftritt im WM-Finale 2014 dient als Maßstab. Das Problem: Der in die Jahre gekommene Mittelfeld-Leader war in dieser Saison nie wirklich fit und wird bis zum EM-Start nur höchst unwahrscheinlich bei 100% sein. Löw muss entscheiden: Riskiert er einen angeschlagenen Schweinsteiger durch das Turnier zu schleppen, nur um darauf zu hoffen, dass er in den entscheidenden Spielen wieder das Zepter schwingt?

Muss noch zittern

Toni Kroos (26, 64/11): Kroos hat sich in Schweinsteigers Abwesenheit zum neuen Mittelfeld-Chef aufgeschwungen. Bei Real Madrid kann der mit spielerischen Weltklasse-Qualitäten gesegnete Ex-Bayer ob seiner defensiven Ausrichtung oft nicht sein großes Offensivpotenzial ausschöpfen. Beim DFB hat er diese Chance. Ist absolut gesetzt und könnte einer der Stars des Turniers werden.

Gesetzt

Sami Khedira (29, 58/5): Wird wohl zumindest zunächst gemeinsam mit Kroos die Doppelsechs bilden und ist im Kader definitiv gesetzt. Sein Wechsel zu Juventus Turin hat dem 29-jährigen gutgetan, trotz mehrerer Blessuren war er mit seiner körperlichen Präsenz und einer neu entdeckten Torgefahr ein Schlüsselspieler beim italienischen Meister.

Gesetzt

Joshua Kimmich (21, 0/0): Bisher ohne Länderspielerfahrung. Beeindruckend, wie der 21-jährige in seiner ersten Saison beim FC Bayern ohne Bundesliga-Erfahrung eine mehr als gute Rolle spielte. Sein Vorteil: Er ist Sechser, spielte beim FCB aber meist in der Innenverteidigung und wird auch als Rechtsverteidiger gehandelt. Technisch beschlagen und taktisch exzellent geschult gelingt es Kimmich, ohne viel Eingewöhnungszeit seine Leistung zu bringen.

Gute Chancen

Julian Weigl (20, 0/0): Der Überraschungskandidat steht wie Kimmich bei null Länderspielen. Verdient hat er sich seine Nominierung durch eine verblüffend starke Saison beim Vizemeister aus Dortmund. Der Sechser kämpft vermutlich mit Kimmich um einen Kaderplatz, beide profitieren auch vom Ausfall von Weigls Teamkollegen Gündogan. Schafft es Schweinsteiger nicht, steigen die Chance des „Ballbesitzmonsters“ natürlich. Wenn doch, wird er es schwer haben.

Streichkandidat

Mesut Özil (27, 72/19): Er gehört seit der WM 2010 zu den festen Größen des Teams und dürfte auch mit großer Sicherheit nach Frankreich mitfahren. Als Topvorbereiter der Premier League hat er in dieser Saison auch seine Leistungsschwankungen wieder in den Griff bekommen. Dass der Deutsch-Türke mit seiner feinen Technik und den ihn auszeichnenden genialen Momenten spielentscheidend sein kann, hat er oft genug bewiesen.

Gesetzt

Marco Reus (26, 29/9): Der Dortmunder hatte 2014 Riesenpech, als er sich im letzten Test vor der WM schwer verletzte. Diesmal brennt er selbstverständlich darauf, seinen ersten internationalen Titel zu holen. Auch wenn der torgefährliche Flügelflitzer schon bessere Spielzeiten hingelegt hat als diese, ist er ein heißer Startelf-Kandidat für die linke Seite und daher fix im Kader.

Gesetzt

Andre Schürrle (25, 50/20): Hatte als Edeljoker einen großen Anteil am WM-Titel, wo er als spritziger, abschlussstarker Einwechselspieler immer Schwung brachte. Gerade diese Qualität macht ihn zu einem recht sicheren Kandidaten für den endgültigen Kader, obwohl er eine äußerst durchwachsene Saison mit dem VfL Wolfsburg hinter sich hat. Denn ein Schürrle auf der Bank ist eine Waffe, auf die Löw nur ungern verzichten wird.

Gute Chancen

Thomas Müller (26, 70/31): Unumstrittener Stammspieler und wertvoller Torjäger, dazu Stimmungskanone und Sympathieträger. Müller ist nicht nur sportlich unersetzbar, sondern auch ein Charakter, der dem gefürchteten „Turnierkoller“ vorbeugt und Euphorie und Spaß vermitteln kann. Kurzum: Eine EM ohne Müller wäre ein herber Schlag für die DFB-Elf.

Gesetzt

Lukas Podolski (30, 127/48): Hat genauso wie Müller einen hohen Wert für den Mannschaftsgeist und ist als turniererfahrener Spieler sicherlich eine Bereicherung. Sportlich ist der Offensivmann von Galatasaray Istanbul jedoch seit längerem umstritten. Löw gibt sich allerdings nach wie vor überzeugt von Podolski und macht den Eindruck, als wolle er nicht auf seinen langjährigen Schützling verzichten.

Gute Chancen

Karim Bellarabi (26, 10/1): Eine verdiente Nominierung für den Leverkusener, der nach schwankenden Leistungen im ersten Halbjahr einen furiosen Endspurt hinlegte. Ein Mann, der für Überraschungsmomente sorgt und mutig in Eins-gegen-Eins-Duelle geht, wo er seine Dribbelstärke ausspielen kann. Löw weiß, dass solch ein Spieler gerade als Joker wertvoll sein kann, jedoch muss sich Bellarabi gegen hochkarätige Konkurrenz durchsetzen und ist keineswegs gesetzt.

Muss noch zittern

Julian Brandt (20, 0/0): Das Mittelfeldtalent wirbelte gemeinsam mit Bellarabi, nachdem er aber lange Zeit sein Potenzial nicht abgerufen hatte und daher als große Überraschung dabei ist. Noch vor wenigen Monaten hätte niemand einen Cent darauf verwettet, dass Brandt es in den vorläufigen Kader schafft. Daher wäre eine vorzeitige Abreise des 20-jährigen nicht wirklich eine Sensation.

Streichkandidat

Julian Draxler (22, 17/1): Auch Draxler wird sich in Ascona beweisen müssen, denn eine astreine Bewerbung war seine Premierensaison beim VfL Wolfsburg nicht. Teils auch durch Verletzungen kam der Ex-Schalker nicht so recht in den Tritt und ließ seine große Klasse zu selten aufblitzen. Hat aber sicherlich einen Bonus gegenüber den jungen Brandt und Sané.

Muss noch zittern

ANGRIFF

Leroy Sané (20, 1/0): Der Hype um den Schalker Youngster ist ein wenig abgeebbt, auch weil er von seinem Trainer Andre Breitenreiter eine kleine Auszeit erhalten hatte und insgesamt in der Rückrunde weniger spektakulär agierte. Das Riesen-Potenzial des 20-jährigen ist dennoch unverkennbar und das hat Löw auch erkannt. Ob er Sané aber schon zur EM mitnimmt, darf zumindest bezweifelt werden. Chancenlos geht der Flügelspieler aber nicht in das Trainingslager.

Streichkandidat

Mario Gomez (30, 62/26): Der einzige „echte“ Stoßstürmer im vorläufigen Kader. Gomez hat in der Türkei wieder zu alter Stärke gefunden und seinen Verein Besiktas Istanbul als Torschützenkönig zur Meisterschaft geschossen. War aber lange Zeit raus aus dem DFB-Team. Seine internationale Erfahrung und seine Position sprechen definitiv für den 30-jährigen.

Gute Chancen

Mario Götze (23, 50/17): Der WM-Held hat enttäuschende Jahre hinter sich. Bei den Bayern kommt er nicht über die Rolle als Ergänzungsspieler hinaus, seine Karriere ist – auch durch einige Verletzungen – ins Stocken geraten. Aber: In der Nationalmannschaft konnte er meist überzeugen und bekam von Löw als „falsche Neun“ immer wieder das Vertrauen. Daher ist es unwahrscheinlich, dass er nun einen Korb bekommt.

Gesetzt

Der Interact-Tipp: Es ist sehr wahrscheinlich, dass es die Youngster Weigl, Brandt und Sané trifft, deren Nominierung – ebenso wie beim flexibleren Kimmich – wohl vor allem ein Zeichen für die Zukunft sein soll. Der vierte Streichkandidat wird da schon spannender. Dabei hängt vieles an Schweinsteiger, der nicht rechtzeitig genesen könnte. Das Überangebot in der Offensive lässt jedoch den Schluss zu, dass es dort noch jemanden treffen könnte. Bellarabi und Draxler müssen dort noch zittern. Von den Defensivakteuren dürften alle an Bord bleiben.

Doch spannend bleibt es sowieso, denn der Bundestrainer hat sicher nicht das letzte Mal bewiesen, dass er immer für Überraschungen gut ist.

Von Tobias Kurz

Foto: Lara Sagen

[ssba]