Weihnachtsglanz, Budenzauber und ganz viel Leidenschaft

In der Luft liegt der Duft von frisch gebrannten Mandeln, Kinder singen freudig „Jingle Bells“ und die Altstadt verwandelt sich in eine grüne Oase aus Tannen: Der hannoversche Weihnachtsmarkt hat seine Tore geöffnet. So vielfältig wie die Attraktionen sind auch die Akteure des Weihnachtsmarktes. An den zahlreichen Ständen arbeiten sie tagein und tagaus, stimmen die Besucher auf das Fest der Liebe ein und teilen mit ihnen ihre unterschiedlichen handwerklichen Künste und kulinarischen Spezialitäten. Eines verbindet sie miteinander: die Leidenschaft für ihre Arbeit.

„Susi, machst du uns noch einen?“, tönt es aus der Menge am Stand. Die leeren mit Engeln und Sternen verzierten Tassen prallen auf den Tresen. Es ist ein früher Donnerstagabend und die Gäste haben Durst. Susi, eine zierliche ältere Frau mit rauchiger Stimme, macht sich sofort auf den Weg. Sie kennt die Wünsche ihrer Kundschaft in- und auswendig, wie sie sagt. Der hannoversche Weihnachtsmarkt ist so etwas wie ihr Revier. Als „Glühwein-Susi“ hat sich Susanne Arnold dort längst einen Namen gemacht. Seit fast einem halben Jahrzehnt verkauft die Wirtin auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein, den sie am Stand direkt vor den Augen ihrer Gäste in einem großen Kessel zubereitet. „Kaum zu glauben. Ich habe hier damals mit Anfang 20 zum ersten Mal Glühwein verkauft“, sagt sie und blickt sie zurück. Ein hartes Geschäft, aber für Susi zugleich auch pure Leidenschaft. „Bei mir gibt es nichts aus dem Kanister oder Tetra Pak“, verkündet sie stolz bevor sie schon von den nächsten Gästen herüber gewunken wird. Italienischer Landwein gemischt mit einer Kombination von Sternanis, Nelken, Zimt, Zucker und Orangenscheiben geben ihrem Glühwein den süßen und fruchtigen Geschmack, den ihre Gäste schätzen.
„Na Mädels, alles fit im Schritt?“, hört man Susi kurz danach lachend rufen. Vor ihr steht eine Gruppe von älteren Damen, die ihrem jährlichen Ritual nachkommen und die Wirtin auf dem Weihnachtsmarkt besuchen. Man kennt sich. Zeit für Klönschnack. „Bei mir am Stand ist alles sehr persönlich. Mir ist der Kontakt zu den Kunden sehr wichtig. Sie sollen sich wohl fühlen und vernünftige Getränke bekommen“, sagt die 65-Jährige. Dann beginnt die muntere Gesprächsrunde über Gott und die Welt, den neuesten Tratsch und die Weihnachtszeit bis der Nächste wieder ruft, „Susi, machst du uns noch einen?“.

„Hyvää Joulua kaikille“, heißt es zur selben Zeit an einer anderen Stelle des Weihnachtsmarktes wenn Riikka Tuomi ihre Gäste auf Finnisch mit den Worten „Frohe Weihnachten wünsche ich euch“ begrüßt. Innerhalb von nur wenigen Minuten führt ein „länderübergreifender Spaziergang“ vom historischen Markt ins finnische Weihnachtsreich. Für Riikka ist es der erste Besuch in Hannover. Und der sei ursprünglich so gar nicht geplant gewesen. „Meine Freundin hat mich spontan angerufen und gefragt, ob ich im Dezember schon etwas vorhabe. Sie macht das hier schon seit vielen Jahren und ich dachte mir, warum eigentlich nicht?“, erklärt sie. Langeweile kennt Riikka nicht. Spontanität und Flexibilität spielen im Leben der gebürtigen Finnin eine große Rolle. Einen festen Job hat sie nicht, aber dafür eine außergewöhnliche Lebensphilosophie. „Ich nehme das, was kommt“, sagt sie. Seit fünf Jahren verbringt sie die Winter in Lappland, wo sie auf einer Farm mit Rentieren arbeitet. Dieses Jahr wird sie allerdings Weihnachten seit Langem mal wieder zuhause in ihrer finnischen Heimatstadt Hämeenlinna in der Nähe von Helsinki verbringen. Allein schon bei dem Gedanken an das gemeinsame Weihnachtsfest mit ihrer Familie fangen ihre Augen das Leuchten an. „In Finnland hat jede Familie ihren eigenen Ablauf für die Festtage. Oftmals beginnt der Heiligabend mit einem Saunagang am Morgen“, sagt sie. Ein sehr beliebtes Weihnachtsgericht in ihrer Heimat sei der Flammlachs, den sie derzeit auf dem hannoverschen Weihnachtsmarkt verkauft.

Riikka spricht nur gebrochenes Deutsch, das aber für den Verkauf der finnischen Spezialität ausreicht. Die zwölf-Stunden-Tage empfindet sie zwar als anstrengend, aber sie schätzt auch die Freundlichkeit der Hannoveraner und lernt jeden Tag etwas Neues dazu. „Es wird immer gesagt, dass Finnen sehr ruhig sind und man sich nur schwer mit ihnen unterhalten kann. Außerdem assoziiert man Finnland mit schlechtem Essen. Ich möchte den Menschen hier zeigen, dass das nicht wahr ist“, erklärt die 28-Jährige.
Ob sie im nächsten Jahr eventuell wieder als Verkäuferin auf dem hannoverschen Weihnachtsmarkt unterwegs sein wird, weiß Riikka noch nicht. Sie möchte abwarten, was das neue Jahr für sie bereithält. Und wer weiß, vielleicht wartet schon bald der nächste große Auftrag als Kulturvermittlerin auf die reiselustige Finnin.

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Auch für Nils Plogstedt aus Magdeburg ist es die Leidenschaft, die ihn bei seinen Auftritten auf dem Weihnachtsmarkt antreibt. In der Menge auffallen – das ist dem Musiker in seiner Rolle als Spielmann aus dem Mittelalter wichtig. Überhören kann man ihn kaum. Die goldenen Schellen an seinen langen spitz geformten Schuhen kündigen in schon von meterweiter Entfernung an. Nicht selten bleiben die neugierigen Blicke seiner Mitmenschen an seinem außergewöhnlichen Kleidungsstil hängen, wenn er über den Markt spaziert. Unter dem Künstlernamen „Sackwahn“ ist er mit Flöte, Sackpfeife und Platterspiel, einer Art Dudelsack, unterwegs, um – wie er sagt – traditionelles aus dem Mittelalter überliefertes Liedgut mit den Menschen zu teilen. „Es ist einfach eine schöne Alternative zu der Musik von heute. Mir gefällt vor allem die romantische Komponente“, erklärt er. Inmitten der historischen Aufbauten kann sich der Künstler auf dem Weihnachtsmarkt frei entfalten und versucht, mit seiner Musik die Besucher für das Mittelalter zu begeistern. Musik macht der 44-Jährige schon seit etwa 20 Jahren und lässt sich von ihr quer durch Europa leiten. Die Faszination für das Mittelalter sei allerdings erst später gekommen, als ihm Freunde auf dem Dudelsack vorspielten und ihn inspirierten. „Wir Musiker und auch die Standleute hier auf dem Mittelaltermarkt sind wie eine große Familie“, freut er sich und holt seinen Dudelsack hervor.

Mittlerweile ist es dunkel geworden und der Weihnachtsglanz des Marktes strahlt in seiner vollen Pracht. Eine Aufführung hat Nils noch. Dann macht er für heute Schluss, denn auch morgen wartet die Bühne wieder auf den Spielmann und seine Gefährten. Während er nun sein letztes Ständchen gibt, schenkt auch Susi ihre letzte Tasse Glühwein aus und wünscht ihren Gästen eine gute Nacht. Riikka hat es indessen für heute schon geschafft, genießt ihren Feierabend und träumt vielleicht schon vom baldigen Weihnachtsfest mit der Familie in Finnland.

So neigt sich ein ereignisreicher Tag auf dem hannoverschen Weihnachtsmarkt für die drei zu Ende. Doch schon morgen geht der Budenzauber von vorne los.

Von Milena Schwoge

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