Was ist eigentlich unser Auftrag?

Ein Hörspiel „nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse“: Das Staatstheater Hannover inszeniert „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, eine eigenwillige Theatervariation über Joseph Conrads Roman „Heart of Darkness“ und Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now!“.  

Es ist finster. In einem Lichtkegel erscheint eine Frau mittleren Alters. Schwarze Jeans, weißes Hemd, barfuß. Hosenrolle: Vor dem Hamburger Landgericht verteidigt sich Ultimo Michael Pussi, Fischer und diplomierter Pirat der Hochschule Mogadischu, gegen den Vorwurf, einen deutschen Frachter überfallen zu haben. Da die internationalen Gewässer leergefischt worden seien, sei er zu dem Überfall gezwungen gewesen. „Wie Sie wissen, und wie auch der deutschen Presse zu entnehmen war, bin ich ein schwarzer Neger aus Somalia. Der Einfachheit spreche ich jetzt Deutsch mit Ihnen. Bitte, das müssen Sie verstehen, das macht vieles viel einfacher. Zu meiner Person kann ich Folgendes sagen: Ich wurde geboren in der Regenzeit, unter einem Baum.“

In dem Hörspiel „die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz suchen zwei Bundeswehrsoldaten, Oliver Pellner und Stefan Dorsch, im „Dschungel“ Afghanistans den Oberstleutnant Deutinger, um ihn zu liquidieren. Dieser ist nämlich in der Wildnis wahnsinnig geworden und hat zwei Kameraden getötet. Unterwegs treffen sie auf den italienischen Kommandanten Lodetti, der den Abbau des seltenen Rohstoffs Coltan überwacht, sowie auf den „eingeborenen“ Händler Bojan Stojkovic, der mit Spirellinudeln, Luftmatratzen oder auch Spannbetttüchern handelt. Afghanistan? Somalia? Jugoslawien? Heute, gestern, morgen? Kategorien weiten sich, bis nichts mehr passt. Oder alles.

Milena Fischer ist bei ihrem Regiedebüt mit wenig Ausstattung ausgekommen. Das Bühnenbild wurde recht einfach gehalten. Wenige Scheinwerfer und Lautsprecherdurchsagen setzen gezielte Akzente. Die Bühne, das Schauspielerquartett sowie die Zuschauerreihen sind mittig durch einen schwarzen Gazevorhang unterteilt. Rechts agieren Philippe Goos und Mathias Spaan, die vorwiegend Pellner und Dorsch darstellen. Links schlüpfen Katja Gaudard und Sophie Krauß in unterschiedliche Rollen, etwa des Ultimo Pussi oder auch des Stojkovic. Alle vier sind streng schwarz-weiß gekleidet. Auf der ansonsten leeren Bühne befinden sich wenige Holzpaletten, die zeitweilig die Funktionen eines Bootes, Podestes oder auch Tisches annehmen. Die Bilder entstehen in den Köpfen des Publikums: einerseits durch die lebendige Spielweise der Schauspieler, anderseits durch gezielt eingesetzte, auf der Bühne produzierte Geräusche mit Utensilien wie Wasserflaschen, Glühbirnen, Büchern, etc.

„Die Leute sehen was im Fernsehen und glauben es einfach und meinen dann zu wissen, dass der Hindukusch ein Gebirge ist“, verkündet Soldat Pellner. „Ich aber war da, ich bin den Hindukusch hochgefahren. Es ist ein dunkler, langsam fließender Strom.“ Also paddeln die zwei Soldaten den Hindukusch hinauf, immer tiefer in die lächerliche Finsternis hinein. Dorsch fragt sich: „Was ist eigentlich unser Auftrag?“, während sich die Zuschauer fragen „Was wissen wir eigentlich von wem?“ Zwischen Historie und aktuellem politischen Geschehen verwürfelt Lotz Kolonialgeschichte und Formen moderner Ausbeutung, seltene Erden in unseren Handys mit dem Zufall der Gewalt. Die Krisen der Welt werden ebenso austauschbar wie Orte, Zeiten und Personen.

Die Uraufführung in September 2014 in Wien wurde bereits mit Preisen ausgezeichnet: deutschsprachiges Stück des Jahres, Inszenierung des Jahres und Bühnenbild des Jahres. Autor Lotz unterstreicht, dass es sich bei seinem Text um ein Hörspielskript handele. Deshalb seien bei der Umsetzung auf einer Bühne Veränderungen ratsam.

Während die Hamburger Inszenierung Zusammenhänge zu Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft durch Verlesung sowohl echter als auch fiktiver Nachrichten herstellt und gegen Ende des Stückes die Sinnlosigkeit des Tötens betont, wird „die lächerliche Finsternis“ in Hannover zum weltumspannenden Absurdistan. Gewalt und Banalität in Ex-Jugoslawien, am Hindukusch oder auch in Somalia verschwimmen mit den leergefischten Meeren und der Jagd nach seltenen Rohstoffen zu einem global-fiktiven Krisengebiet.

Nach einem starken Anfang verliert sich die Handlung in Verwirrungen, doch will die Inszenierung durch ihren Hörspielcharakter jene schwer fassbaren Grenzen überwinden, die durch den schwarzen Gazevorhang ständig augenfällig sind. Die hannoverschen Schauspieler rufen laut über die Bühne, um auch auf der anderen Seite gehört zu werden. Wird die Grenze am Ende fallen? Wird es Antworten auf Fragen geben, die niemand wirklich kennt?

Von Jessica Preuss

Foto: Lara Sagen

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