Was ist eigentlich „Onlinejournalismus”?

Wenn von webbasierten Medienangeboten gesprochen wird, ist häufig die Rede von „Onlinejournalismus“. Sowohl Wissenschaftler als auch Medienleute prägen mit diesem umgangssprachlichen Begriff häufig Debatten. Dabei haben Soziale Netzwerke, mobile Endgeräte und interaktive Technologien längst das Gesicht des Journalismus grundlegend verändert und neue journalistische Möglichkeiten geschaffen.


„Online” ist ein viel zu weiter Begriff. Zu einer Zeit, in der man sich im Wesentlichen um Desktop-Publishing kümmern musste, konnte man „online“ noch verallgemeinern. Aber heutzutage kann man ja nicht mal mehr einfach nur von „Desktop“ und „Mobil“ sprechen. Der Journalist Wolfgang Blau, ehemaliger Digitalchef des britischen Guardian, berichtete bereits 2014 auf einer Tagung, dass der Guardian anhand der gesammelten Nutzerdaten eindeutig auswerten kann, dass sich alleine innerhalb der mobilen Leserschaften wieder neue Welten auftun. So hatten z. B. die I-Phone-App-Leser des Guardian, im Gegensatz zu den Android-App-Lesern, eine stärkere Präferenz für Nachrichten als zu bunte Themen. Beide App-Leserschaften jedoch zeigten im Vergleich zur mobilen Browser-Leserschaft eine viel größere Präferenz für Nachrichtenjournalismus als zum non-nachrichtlichen Journalismus. Auf dem Tablet verhielten sich diese Leser dagegen eher wie Tageszeitungsleser: abends primär lange Sessiontimes, große Lesetiefe, viele Texte, viele Videos und eine starke Präferenz für Kulturjournalismus. Das alles kann man nicht mal unter dem Begriff „Mobiljournalismus“ zusammenfassen und schon gar nicht kann man diesen Mobiljournalismus zusammen mit dem Desktop-Publishing unter „Onlinejournalismus“ erfassen.

Dann sind da aber auch noch die Sozialen Medien. Laut einer Bitkom-Studie aus 2011 wird Facebook nicht nur als einflussreiches Informationsangebot geschätzt, es wird auch tatsächlich zur Information über das tagesaktuelle Geschehen genutzt und stellt eine wichtige Quelle für die politische Meinungsbildung dar. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass Facebook intensiv daran arbeitet journalistische Werke als „instant article“ direkt auf ihrer eigenen Plattform zu veröffentlichen, müssten wir zum Mobiljournalismus und Desktop-Publishing auch noch „Social-Journalism“ hinzuziehen. Auch die neuen Möglichkeiten, spezielle Livestream Applikationen zu nutzen, um aktuelle Videos öffentlich frei zugänglich zu machen, können als webbasiert bezeichnet werden könnten. Dabei haben wir bisher „nur“ von den Publikationsmöglichkeiten geredet.

Müssen wir nun das Rad neu erfinden?

Jede Mediengattung hat ihre eigenen Spezifika, die beachtet werden müssen. Der durchschnittliche Onliner ist 42 Jahre alt. Leser, die auf dem Tablet ihre Nachrichten lesen, sind im Schnitt über 45 Jahre alt, mobile Leser durchschnittlich unter 35. In den USA beziehen junge Menschen um die 20 inzwischen ihren Informationsgewinn hauptsächlich aus Newslettern, Snippets aus Pushnachrichten, Twitter und Infos ihrer Freunde in sozialen Netzwerken. Die Zielgruppe muss im Blick behalten werden. Die gleichen Texte sowohl in den mobilen Apps, auf der Facebookseite und auf der Website zu veröffentlichen, wäre also, als würde man versuchen, Radionachrichten gleichzeitig auch im Print und im Fernsehen zu veröffentlichen.

Das ist aber noch nicht alles. Die Lesegewohnheiten ändern sich auch je nach Bildschirmgröße. Einen mobilen Leser muss man noch mehr als alle anderen in den ersten Zeilen überzeugen. Ein Leser entscheidet sich innerhalb weniger Sekunden, ob er bereit ist, weiterzulesen oder nicht. In diesen Sekunden liest er das, was er sehen kann, er scrollt nicht. Da muss das, was auf dem kleinen Mobilbildschirm in dem Moment angezeigt wird, überzeugen. Social-Media-Beiträge dagegen sollten knapp und verständlich sein. Sie werden häufig beim Durchscrollen quergelesen. Besonders erfolgreich ist hier, wer den Leser direkt mit einbindet. Partizipativer Journalismus ist dabei das Stichwort. Auf Tablets wiederum funktionieren gerade an Wochenenden vormittags sogenannte Longreads – die Geschichten in der Langform.

Andererseits kann man jetzt auch nicht behaupten, dass das Rad (bzw. der Journalismus) neu erfunden wurde. Es steht außer Frage, dass die Presse in demokratisch regierten Ländern die Aufgabe hat und zukünftig haben wird, Öffentlichkeit herzustellen. Auch sollten sie unterschiedliche Meinungen abbilden, um den politischen Willensbildungsprozess der Bürger zu fordern und zu fördern. Der Journalismus übernimmt die bedeutungsvolle Aufgabe im Dienste der Gesellschaft und macht aktuelles, relevantes Wissen einer breiten Leserschaft öffentlich zugänglich. In der heutigen Zeit kann jeder, der einen Computer bedienen kann, auch einen Blog schreiben. Dort kann er dann selbst geschriebene Fachartikel veröffentlichen kann, ganz gleich welche Kompetenz er auf diesem Gebiet besitzt oder wie dieses Wissen erlangt wurde. Daher sind Journalisten heute als Kritik- und Kontrollagenten der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse noch viel wichtiger geworden. Sie stehen zwar regelmäßig durch die neuen Interaktionsmöglichkeiten, welche sich stetig wandeln, vor neuen Herausforderungen, aber professionelle Routinen behalten im digitalen Zeitalter nach wie vor ihre Relevanz. Dazu gehören insbesondere die Recherche und Prüfung von Fakten, die Interpretation und Analyse von Informationen sowie das angemessene Aufbereiten und Veröffentlichen von Neuigkeiten. Ganz gleich, ob wir hier von Mobil, Desktop oder den sozialen Netzwerken sprechen.

Man kann also nach wie vor von „Journalismus“ sprechen. Jedoch müsste die Vorsilbe „Online“ aufgespalten werden. Die „neuen“ Medien sind seit über zwanzig Jahren präsent und entwickeln sich immer weiter. Eine Entschleunigung dieser Innovationswelle ist nicht in Sicht. Es wird Zeit, starre Denkmuster sowohl in der Fachwissenschaft als auch in den Branchendebatten abzulegen und sich auf einen stetigen Wandel einzulassen. Denn er wird uns die nächsten Jahre weiter begleiten.

Von Jessica Preuss

Foto: Lara Sagen

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