Warum aufgeben nicht immer schlecht ist

„Wir haben es dir ja gesagt“ oder „Kann ich mir für dich gar nicht vorstellen.“ Das sind zwei der Sätze, die junge Menschen nicht hören wollen, wenn sie sich entscheiden, einen neuen Berufsweg zu wählen. Meist ist es nicht der Mangel an Entschlossenheit, der die Entscheidung erschwert. Hauptsächlich ist es die Angst vor den Reaktionen der Familie und dem sozialen Umfeld.

Schon in unserer Jugend wird von uns erwartet, dass wir uns auf einen Beruf festlegen. Nicht nur auf irgendeinen, sondern vorzugsweise sofort auf den einen, den wir für den Rest unseres Lebens ausüben möchten. Die riesige Auswahl an Bildungswegen, sei es Studium, Berufsausbildung, Abendschule oder Fernstudium, wird allseits hochgelobt. Für jeden sei was dabei. Dass das zu regelrechten Identitätskrisen bei der jungen Bevölkerung führen kann, will keiner glauben. Denn wer wortwörtlich die Qual der Wahl hat, weiß meistens gar nicht, wo er anfangen soll zu suchen. Was sind meine Interessen? Welche Talente habe ich? Da muss sich jeder erst mal selbst orientieren. Frei nach dem Motto: „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“ Letztlich landet manch einer beim Berufsberater, schließt die Augen und zeigt mit dem Finger auf den nächstbesten Beruf.

Wir dürfen gerade mal legal Auto fahren, Alkohol trinken und Verträge abschließen, wenn von uns schon eine Entscheidung verlangt wird, die wegbereitend für den Rest unseres Lebens ist.

In einer Gesellschaft, in der jede dritte Ehe scheitert, scheint es nicht verwunderlich, dass vor allem junge Menschen wählerisch sind. Vor allem, wenn es um eine lebenslange Bindung mit dem Beruf geht. In einer Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) wird deutlich, dass 48 Prozent der Auszubildenden nach ihrer Ausbildung in einen anderen Beruf wechseln. Davon orientieren sich 16 Prozent komplett neu – Tendenz steigend.

Zu Beginn der Ausbildung ahnte Sabrina, dass sie sich falsch entschieden hatte.

Eine junge Frau, die das Glück hat, ihr Talent erkannt zu haben und auch weiß, damit gescheit umzugehen, ist die 23-jährige Sabrina. Nach ihrer Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten entschloss sie sich zu einem Neustart. Bereits zu Beginn der Ausbildung ahnte sie, dass sie sich womöglich falsch entschieden hatte. Doch ein Abbruch kam für Sabrina nicht infrage. Stattdessen beendete sie ihre Ausbildung erfolgreich und holt nun an einer Berufsoberschule ihr Abitur nach. Dort fasste sie einen Entschluss: Jahrelang hatte sie in ihrer Freizeit für Familie und Freunde Torten gebacken und verziert. Jetzt wollte sie nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Konditorin beginnen. „Ich bin froh, dass man in Deutschland die Möglichkeit hat sich um zu entscheiden und dabei sogar noch finanziell unterstützt wird“, so die Wahl-Hamburgerin.

Die Finanzierung spielt häufig eine wichtige Rolle beim Berufswechsel. So auch bei Lydia. Die 21-Jährige sagte zwei Wochen vor Beginn ihrer Ausbildung zur Tierarzthelferin die Lehrstelle ab. Stattdessen startete sie ein freiwilliges soziales Jahr bei der Lebenshilfe. Vorher gab es lange Gespräche mit der Familie, denn eine Lehre müsste sie selbst finanzieren. „Wer schlägt schon eine Ausbildung für ein FSJ aus?“, fragt sich Lydia heute selbstironisch. Aber das „Bauchgefühl“ sagte ihr etwas Anderes. Nach dem sozialen Jahr folgte eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin, die sie dieses Jahr beendet hat. Heute bezeichnet Lydia es als „eine der besten Entscheidungen meines Lebens“.

„Mir einzugestehen, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, war für mich das Schwerste.“

Die Unterstützung der Familie in solchen Situationen ist besonders wichtig. Allerdings sollte deren Meinung nicht über der eigenen stehen. Denn am Ende müssen wir selbst mit der Entscheidung leben. So reagierte Annas Familie vorerst überrascht, als sie ihnen mitteilte, dass sie das duale Studium beim Finanzamt abbrechen möchte. Die Arbeit hatte mehr mit Büroarbeit und Gesetzen zu tun, als, wie erhofft, mit Mathematik. „Ich habe im Vorfeld einfach nicht gut genug durchdacht, welche Verpflichtungen das duale Studium mit sich bringt und ob das Studium überhaupt zu mir passt“, so die 22-Jährige.

Da sie sich als eher aufgeweckt und neugierig beschreibt, musste sie sich selbst eingestehen, dass ihre erste Berufswahl für sie nicht die richtige war. „Mir einzugestehen, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, war für mich das Schwerste.“ Im Februar 2012 verließ Anna nach sieben Monaten offiziell das Finanzamt.

Um die Übergangszeit bis zu ihrem neuen Studium sinnvoll zu nutzen, absolvierte sie einen Freiwilligendienst in Ghana. Dort hat sie gelernt, sich Zeit zu nehmen und einfach zu genießen. „Es muss nicht immer alles Zack-Zack gehen“, fügt Anna hinzu. Direkt im Anschluss begann sie „Molecular Life Science“ zu studieren – ein rein naturwissenschaftliches Studium. Die Entscheidung zu einem Vollzeitstudium war für sie genau richtig. Heute ist sie glücklich mit dem Studium.

An Annas Beispiel wird klar, dass eine abgebrochene Ausbildung nicht zwangsweise verlorene Zeit sein muss. Die Motivation jedes einzelnen entscheidet letztlich darüber, ob der Berufswechsel erfolgreich ist. So erarbeitete sie sich letztes Jahr aufgrund ihrer guten Leistungen ein Stipendium. Das ermöglichte ihr nun ein zweimonatiges Praktikum in Boston.

Ob jemand eine Berufung sucht oder nur ein Mittel, um seine Rechnungen zu bezahlen, ist jedem selbst überlassen. Aber: Wer aus freiwilligen Stücken den Beruf wechselt, hat laut Bundesinstitut für Berufsbildung kaum negative Konsequenzen zu befürchten. Außer dem Getuschel der Menschen. Und das kommt meistens so oder so.

Von Madeleine Buck

Foto: Lara Sagen

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