Von wegen ‚Altes Eisen‘

„Macht das Spaß?“ – „JA!“. „Ich höre nichts. Macht das Spaß?!“ – „JA!!“. Zehn durchtrainierte Männer grölen lautstark ihre Zustimmung auf die Frage des Trainers. Eilig begeben sie sich aus dem Sprint in den Liegestütz, absolvieren 20 Stück davon – anschließend folgen 20 Sit-Ups. Die Luft ist warm und feucht vom Schweiß der Trainierenden. Dieser rinnt ihnen bei jeder Wiederholung vom Gesicht. Nach dieser Übungsfolge stehen alle auf und atmen drei Mal tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Die Augen bleiben dabei geschlossen.

Es ist Donnerstag 19 Uhr. In der Mitte dieser nach Luft ringenden Meute von Sportlern steht eine gedrungene, aber breitkreuzige Gestalt im schwarzen Paffen-Pullover und grauem Scheitel. Der prüfende Blick aus den eisblauen Augen schweift zwischen den Männern umher. Peter Schmager ist Ex-DDR-Meister im Boxen und lehrt dies zwei Mal die Woche in einem Boxclub am Steintor. Der 75 Jährige genießt großes Ansehen und Respekt im Studio, bei den Trainierenden und am ganzen Steintorviertel. Schon immer war er in der Boxszene aktiv, trainierte sogar Meister, wie Wladimir Klitschko und ist berüchtigt für sein intensives Ausdauertraining. Ein Sportler durch und durch, sogar bis ins hohe Alter.

„Na, Herr Doktor“, spricht er den muskulösen, tätowierten Glatzenträger Marco an, „du machst noch mal 10 weitere, damit da mal was in diese kleinen Spaghetti-Ärmchen reinkommt“. Sofort sinkt Marco auf den Boden, drückt sich weitere zehn Mal in die Höhe und steht danach wieder errötet vor dem Trainer. Es herrscht völlige Disziplin – alle Sportler stehen kreisförmig in der Halle mit diversen Sandsäcken und dem großen Boxring in der Ecke. Das schrille Quäken der Ringuhr schallt durch den Raum und beendet die Pause.

„Handschuhe an, Männer. Immer zwei an ein Gerät, ihr wisst was kommt“. Sofort eilen alle zu ihren Sporttaschen, streifen die dicken Boxhandschuhe über und begeben sich in Zweierteams an die Sandsäcke. Einer hält ihn fest, der andere schlägt 30 Sekunden pausenlos dagegen. „Und… ZEIT!“. Trainer Schmager gibt damit das Startsignal und in der nächsten Sekunde prasselt ein Gewitter von Schlägen auf die Säcke nieder. Wie eine Maschinengewehrsalve rollt das Donnern durch die Halle, bricht sich nur an der großen Glasscheibe des Eingangsbereiches, an dem bereits Neugierige ihre Hälse recken.

Nach einem erneuten „Zeit“ weicht das Tosen einem kollektiven Schnaufen und Stöhnen. Kurz Luft holen, dann tauschen die Partner. Das ganze läuft drei Mal. Die quäkende Ringuhr wird aber ignoriert – zu groß ist die Konzentration auf die Signale des eigenen Körpers.

Es folgt eine Übung, die den Männern alles abverlangt. Die Partner stehen sich gegenüber, der eine spannt die Bauchmuskeln an – der andere spickt sie mit schnellen Schlägen mittlerer Härte. 20 Sekunden, dann wird gewechselt. Augen und Zähne zusammengepresst, lässt der Passive die Schläge auf seine Körpermitte über sich ergehen. Abhärtung ist das Stichwort. „Ja, Männer, das ist gut! Bauchmuskeln hart wie Kruppstahl, das braucht ihr! Damit fängt man Schläge ab, nicht mit so ´ner Wampe da!“. Angestrengtes Lachen in der Gruppe, danach wieder krampfhaftes Atmen. Erneut folgen drei tiefe Atemübungen.

Allen steht der Schweiß auf der Stirn. Eine Spannung liegt förmlich in der Luft. Was man aber nicht sieht, sind Männer, die sitzen, liegen oder sich sonst irgendwie bequem ausruhen – bis auf einen. „Thomas, wie stehen wir da?“, fragt Peter den 18-jährigen Bankazubi lautstark, der sich auf die Fensterbank zum Trinken niedergelassen hat. Dieser schnellt sofort auf die Beine, doch zu spät. Energisch fliegt der Trainer heran und versetzt dem schmächtigen Hobbysportler einen leichten Stoß gegen die Schulter. „Das ist doch kein Auftreten. Du vermittelst deinem Gegenüber Schwäche, der lacht dich doch aus. Rücken gerade, Brust raus, Bauch rein und tief atmen. Wie die deutsche Eiche – beständig, stark, unumstößlich! Hast du das verstanden?!“. „Jawohl!“, ruft Thomas in militärischer Deutlichkeit, aufgerichtet und angespannt. „Gut! Dann bedanken sich jetzt alle beim Kollegen von der Sparkasse für weitere 20 Liegestütze. Runter mit euch!“. Und wieder das kräftezehrende Emporstemmen des eigenen Körpers für die zehn Sportler. Peter Schmager steht als einziger, prüft erneut kritisch die Ausführung der Übung.

Was für Außenstehende nach unbarmherzigem Drill aussieht, nennt man hier „Alte Schule“. Schmager trainierte schon früh in Boxclubs Ost-Berlins und kennt es nicht anders. Bis zu fünf Tage die Woche absolvierte er anstrengende Einheiten aus Technik-, Ausdauer- und Kraftelementen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten – mit 18 Jahren wurde er bereits DDR-Meister im Weltlergewicht. Das Feuer hat er seitdem nie verloren. Als 75-Jähriger macht er vor allen Athleten noch immer eine gute Figur und lässt Ungläubige die Augen aufreißen, wenn er einarmige Klimmzüge macht. Durch seine Passion für körperliche Ertüchtigung kommt es, dass der Boxsport nunmehr in der dritten Generation der Familie fortgeführt wird.

„Männer, ihr wisst, dass wir hier oft auch mal ein Späßchen machen und dumme Sprüche an der Tagesordnung sind, ABER ich sage euch immer wieder: Disziplin muss sein. Ohne Disziplin läuft nichts im Sport, läuft nichts im Beruf und schon gar nicht zuhause bei den Frauen.“, erklärt Peter der Runde erröteter Männer, die noch von den Liegestützen aus der Puste sind. Diese tragen ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Besonders Thomas ist froh über die Einstellung des Trainers. Fordern und fördern, lautet das Konzept von Schmagers Einheiten.

Auch Marco weiß um die Qualitäten seines Mentors. Obwohl er schon über zwei Jahre mit Peter trainiert, ist er doch jedes Mal erschöpft, wenn die Uhr kurz vor acht zeigt. Dienstags und donnerstags ist er dabei, jede Woche. Er schließt die Augen und atmet kräftig durch. Ein letztes Sammeln für den Abwärmteil des Trainings. Es wird sich noch einmal angestrengt – alles gegeben. Gleich ist es geschafft.

Zum Abschluss gibt es noch eine Runde Gymnastik, um die Gelenke geschmeidig zu halten. Die zehn Trainierenden stehen im Kreis und jeder demonstriert eine Übung von der 20 Wiederholungen absolviert werden. Kniebeugen, Sit-Ups, Hampelmänner und andere Grundübungen werden hier reihum kollektiv ausgeübt. Bei jeder Übung zählen alle laut herunter; das schafft Gemeinschaftsgefühl, denn alle leiden gleich. Wer vorzeitig aufgibt wird von den andren angespornt auf den letzten Metern noch einmal alles zu geben. Denn das Kollektiv will fit bleiben und sich verbessern – alle gemeinsam.

Anschließend der Entspannungsteil. Alle legen sich an Ort und Stelle auf den Rücken, schließen die Augen und konzentrieren sich auf ihre Atmung. Peter spricht in ruhiger Tonlage von Entspannung, wann ein- und ausgeatmet werden soll und lässt ansonsten die Stille der Halle stehen. Die Anspannung weicht, fort ist der körperliche Stress, die Muskeln erschlaffen und das Herz schlägt langsamer. Nach fast fünf Minuten Meditation folgt eine Danksagung vom Trainer an alle Athleten und kollektiver Applaus erfüllt die Halle. Nachdem jeder wieder auf den Beinen steht, reichen sich alle die Hände und bedanken sich für das gute Training. Auch Thomas und Marco reichen sich die Hand. Sie haben heute alles gegeben und sind stolz auf sich.

In der Umkleidekabine ist nun ein Haufen erschöpfter Männer zu beobachten, die kaum noch ihre T-Shirts über den Kopf ziehen können. Es wird gescherzt und gelacht – auch mit dem Trainer. Am Ende ist hier jeder gleich. Der Bankkaufmann, der Mechatroniker, der Student und auch der Rentner.

Denn etwas verbindet sie alle: die Liebe zum Boxsport, das Gefühl der Gemeinschaft und der Traum auch mit 75 noch „hart wie Kruppstahl“ zu sein.

Von Dennis Schmitt

 

[ssba]