Von Heimatliebe zu Fremdenhass

Nationalsozialistische Gruppierungen werben immer stärker um Nachwuchs. Jugendliche von nicht einmal 16 Jahren grölen Naziparolen bei Rechten-Demos. Unter dem Vorwand der „Heimatliebe“wird Fremdenhass geschürt. Was zieht junge Menschen in das rechtsextreme Milieu?

„Die Sau rauslassen, sich besoffen in die Hose pissen, Menschen, die anders sind, ohne Schutz krankenhausreif schlagen, seinen Hass rausbrüllen, „Mein Kampf“ lesen und dabei onanieren“– der Soziologe Wolfram Stender beschreibt die Nazi-Szene als einen Hort des Elends. Stender ist Experte für Antisemitismus und Rassismus und Professor an der Hochschule Hannover. Für ihn gibt es nicht „den einen“ Faktor, der zum Einstieg in die rechte Szene führt: „Der Neonazismus ist auf gar keinen Fall nur ein Ossi-Problem, und auch nicht nur ein Problem perspektivloser Jugendlicher“, warnt der Hannoveraner vor der Bildung von Stereotypen.

Wichtig sei vor allem das soziale Umfeld, also Familie, Freunde und Gleichaltrige. Findet ein Jugendlicher bei rechtsradikalen Gruppen den Zuspruch und den Zusammenhalt, den er in der Familie vermisst, werde es gefährlich. Anfällig seien vor allem diejenigen, die dazu neigen, sich anzupassen: „Vereinfacht gesagt: je konformistischer, desto anfälliger“. Um „normale“ Jungs und Mädchen im Schulalter für sich zu gewinnen, greifen rechtsextreme Gruppen – wie auch die NPD – mehr und mehr zum Internet. Über soziale Netzwerke spannen die Strippenzieher ein riesiges Netz an Profilen und Seiten, die zunächst unter einem Vorwand harmlos daher kommen. So wirkt beispielsweise die Facebook-Seite „Deutschland gegen Kinderschänder“ nicht so, als stecke rechtes Gedankengut dahinter. Im Gegenteil – wer spricht sich schon gerne für Sexualstraftäter aus? „Nazis imitieren unter anderem bewusst den Gestus linker Jugendkulturen, um an junge Leute zu kommen“, erläutert Stender die Anwerbe-Strategien nationalsozialistischer Akteure.

Der Hochschulprofessor beobachtet außerdem, dass sich der Neonazismus mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft drängt. Als Beispiel nennt er die Pegida, die erschreckend großen Anklang auch bei gebildeten Bürgern fand: „Die ‚Patrioten und Heimatliebenden‘ marschierten da Seite an Seite mit organisierten Neonazis“. Dass die Hagida-Demonstranten in Hannover mittlerweile keine Chance mehr haben sind, sieht Stender als „hart erkämpft“. Hannover habe inzwischen eine Zivilgesellschaft, die fremdenfeindlichen und antidemokratischen Bewegungen erfolgreich entgegentrete. Doch Stender bringt es auf den Punkt: Auch das sei nicht mehr als ein kleiner Schritt nach vorne in einem bundesweiten Kampf gegen „organisierten Menschenhass“.

Von Tobias Kurz

[ssba]