Vielleicht ein bisschen zu viel…

Anlässlich ihres Umzugs feierten drei Studenten eine WG-Party. Im Rahmen einer Reportage beschreibt der einzig nüchtern gebliebene der drei Bewohner den Abend aus seiner Perspektive.

Die Sonne erklimmt langsam die ersten Häuserfassaden, in der Küche stapeln sich hunderte Plastikbecher. Manche von ihnen sind, wie so ziemlich jeder Besucher auf der Party, voll, andere sind, wie ebenfalls fast jeder Gast, ungebraucht. Auf dem Balkon sinnieren die letzten Raucher über den Sinn des Lebens, während in dem zum Dancefloor umfunktionierten Zimmer zwei Hartgesottene versuchen, das Tanzbein zu schwingen – Der klebrige Boden scheint ihnen jedoch Bleifüße zu verleihen. Vielleicht waren 40 Leute doch ein bisschen zu viel…

Es ist 14 Uhr. Nach einem überstandenen Seminar treffen wir (die drei Bewohner einer WG) uns in einem Baumarkt. Nachdem meine Fantasie einen Monat zuvor mit mir durchgebrannt war und ich auf Facebook die „geilste Party aller Zeiten“ angekündigt hatte, sehen wir uns nun gezwungen das durchzuführen, wovor es jedem von uns dreien nur so graut. Während die anderen beiden den Baumarkt nach lustigen Party-Gadgets  durchstöbern, kreisen sich meine Gedanken darum, wie ich mein Bett vor  „ungewolltem Schmutz“ schützen könnte. Mein Blick fällt auf eine neun Quadratmeter große Plastikplane, die sich letztendlich neben einem Lichterschlauch und drei Neonröhren in unserem Einkaufswagen wieder findet. Auch wenn, mit dem Erwerb der Plane, das wichtigste Puzzleteil einer legendären Party gesichert ist, gilt es noch weitere Erledigungen zu tätigen. Getreu dem Motto gehen wir erstmal zu Penny und stellen fest, dass es hier keine Bierkästen gibt. Unverrichteter Dinge führt unser Weg zurück in die Wohnung, wo nun der letzte Feinschliff stattfindet: Neonröhren werden aufgehängt und der Lichterschlauch installiert. Während die anderen in einem anderen Einkaufsmarkt nach dem Getränk der guten Laune suchen, umhülle ich meine Matratze mit der Plastikplane. Damit dem scheinbar zahlreich bestehenden Kinderwunsch einiger Partybesucherinnen nicht in meinem Zimmer Folge geleistet wird, fixiere ich meine Tür zusätzlich mit Schnüren an der Wand. Wie sich später herausstellen sollte, ein kluger Schachzug. Ein wenig später kehren die Bier-Suchenden zurück – mit Erfolg: Vier Kästen Bier und zahlreiche Sixpacks warten darauf, in den ersten Stock getragen zu werden. Leider muss ich ausgerechnet jetzt auf Toilette.

Weil ich einer Eskalation entgegen wirken möchte, erkläre ich meinen Mitbewohnern nun von meinem verrückten Vorhaben: Heute bleibe ich abstinent – Kein Alkohol. Während das Gelächter immer noch nicht abgeklungen ist, folgt die erste Überraschung des Abends: Das erste Klingeln erfolgt nicht durch einen wütenden Nachbarn, sondern durch die ersten Gäste. Noch irritiert vom Geschehen realisiere ich kaum, dass es anscheinend im Minutentakt klingelt und sich ein Strom von Gästen bildet, der in die schon jetzt viel zu volle Wohnung strömt. Das ganze erinnert mich an einen Wasserstrahl, der trotz gefüllter Badewanne nicht auszuschalten ist. Gedanken, wie man diesem schier unendlichen Strom Einhalt gebieten könnte, werden durch Verärgerung gestoppt: Tatsächlich finden sich auch ungeladene Subjekte in der Wohnung.

Da sich schlechte Laune am besten bei frischer Luft ablegen lässt, gehe ich auf den Balkon. Wider meiner Erwartungen sorgen zahlreiche Raucher nicht gerade für frische Luft. Außerdem sehe ich mich gezwungen, nach kurzer Zeit, wegen Überfüllung, die Tür zu schließen. Ähnlich voll ist es auf der anderen Seite der Wohnung. Auf dem „Dancefloor“ tummeln sich unzählige Angetrunkene. Ein von mir installiertes Stroboskop läuft auf Hochtouren. Auf meiner ewigen Suche nach Ruhe führt mich mein Weg auf die Toilette. Auch hier riecht es alles andere als gut, aber wenigstens ist man  alleine. Einziges Manko: Dank des kräftigen Basses, der neu angeschafften Anlage, hat man ausgerechnet auf dem WC den Eindruck, dass das Haus  jeden Moment einstürzen könnte.

Noch größer als die Panik ist in diesem Moment allerdings die Verwunderung: Wie können die Nachbarn um 2 Uhr Nachts mit diesem Lärm Leben? Sind sie etwa schon längst tot?

Für Erheiterung sorgt ein anschließendes Treffen mit einem scheinbar Betrunkenen. Ähnlich wie ich, einige Stunden zuvor, ist der Gast erstaunt über das schlechte Versteck der Zahnbürsten von den anderen beiden Mitbewohnern. Er habe sich damit Essensreste aus den Zahnzwischenräumen entfernt. Meine Laune sinkt jedoch, als er zugibt, soeben in den Briefkasten uriniert zu haben. Angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit fasse ich nun einen Plan: Die Party wird in drei Schritten beendet. Zunächst verbreite ich das Gerücht eines entzürnten Nachbars. Plötzlich wird die Musik leiser. Einige Gäste verschwinden wie von Geisterhand. Schritt Zwei: Der Nachbar fordert angeblich einen sofortigen Abbruch der Party, ansonsten stelle er den Strom ab. Tatsächlich ist die Ausführung des letzten Schrittes, welcher einen Griff in den Sicherungskasten bedeutet hätte, nicht mehr Nötig.

Nur noch 5 Scheintote verbringen den frühen Morgen in der Wohnung, eine sehr nette Besucherin hilft mir beim Aufräumen beziehungsweise beim Entrümpeln. Auch wenn das Prozedere mehrere Stunden dauert, freut es mich, dass fast alle Gäste die Party tatsächlich gut fanden.

Von Jon-Lukas Matz

 

[ssba]