Verrückt nach Ha(r)fen

Sie ist gut 30 Kilogramm schwer, etwa 1,80 Meter hoch und meistens gut gebaut: Die Konzertharfe zählt mit ihren Ausmaßen zu den größten und schwersten Instrumenten. Für Assia Cunego ist sie Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Mit ihrer „harpACademy“ schuf sie 2012 das europaweit einzige Internat für Harfenisten. Sechs Jahre später steht die Musikerin vor den Überbleibseln ihres Lebenstraums. Dennoch hält sie an ihrer Vision von einer individuellen musikalischen Ausbildung fest. 

Die hämmernden Geräusche im Hintergrund durchbrechen hin und wieder die idyllische Atmosphäre, die sich einem beim Blick durch das Panoramafenster bietet. In der Ferne lassen dunkle Silhouetten den Schiffsverkehr auf der Weser erahnen. Trotz des schönen Wetters sind die sandigen Flächen am Strand an diesem Morgen leer. Lediglich ein paar Vögel haben sich dort hin verirrt und tanken bei einem Sonnenbad Energie für den Tag. „Ich habe mich damals sofort in den Blick verliebt“, schwärmt Assia Cunego. In ihrem Arbeitszimmer, das sich zusammen mit Küche und Wohnzimmer einen großen Raum teilt, stapeln sich Umzugskisten. „Tut mir leid für das Chaos, das die Handwerker zurzeit anrichten“, entschuldigt sie sich.

Dort, wo Cunego sich einst mit der harpACademy ihren größten Traum erfüllte, sind die Bauarbeiten voll im Gange. Das ehemalige Internat für musisch begabte Kinder und Jugendliche aus aller Welt wird zurzeit in ein Wohnhaus umgebaut. Inmitten des Renovierungsszenarios ragen die beiden Harfen in der rechten Wohnzimmerhälfte nahezu majestätisch in die Höhe. Eigentlich besitzt Cunego drei von den hölzernen Instrumenten. Doch die dritte Harfe, die sie ihren „Porsche“ nennt, befindet sich in Tallinn. Seit 2016 arbeitet und lebt Cunego in der estnischen Hauptstadt. Dort hat sie eine Stelle als Professorin an der Estnischen Musikakademie (Estonian Academy of Music) angenommen und spielt als Solo-Harfenistin im Symphonieorchester mit.

Wo bei anderen Menschen der Fernseher oder das Bücherregal den Platz im Wohnzimmer einnehmen, stehen bei Cunego ihre Harfen. Foto: Milena Schwoge

Urlaub nur mit der Harfe

Während der „Porsche“ aufgrund seiner edlen Handverarbeitung nur im Konzertsaal zum Einsatz kommt, verlassen die Harfen in Deutschland das heimische Wohnzimmer in der Regel nicht. Auf der einen üben die Studenten, denen Cunego Unterricht gibt und ihnen bei der Vorbereitung für wichtige Wettbewerbe hilft. Allerdings nimmt sie nur fortgeschrittene Harfenisten auf. „Für Anfänger fehlen mir einfach Begabung und Geduld“, gibt sie zu. Auf der anderen Harfe probt Cunego selbst. Fünf bis sechs Stunden pro Tag widmet sie allein dem Instrument, trainiert ihre Fingerfertigkeit und sorgt dafür, dass das Holz immer in Bewegung bleibt. Der neugierige, musternde Blick zu ihren Instrumenten bleibt von der Musikerin nicht unbemerkt. „Ich bin heute Morgen noch gar nicht zum Spielen gekommen. Deswegen fühle ich mich nicht ganz so wohl“, gesteht sie.

Wenn Cunego in den Urlaub fährt, nimmt sie ihre Harfe meistens mit. „Wenn man ein Instrument so sehr liebt, vermisst man es und kann nicht mehr ohne. Die Harfe ist sozusagen meine andere Hälfte“, sagt sie. Eine Woche erholt sich Cunego. In der zweiten Urlaubswoche probt sie, um den Rückschritt der ersten Woche wieder aufzuholen. Wenn sie einen Tag nicht geübt hat, fällt das in der Regel nur ihr selbst auf. Nach zwei Tagen merken es dann oft auch die Freunde, nach drei Tagen das Publikum – so wird der Leistungsdruck in Harfenisten-Kreisen umschrieben. Wie das Körper und Seele belasten kann, hat Cunego schon häufig erlebt. In den 15 Jahren ihrer Karriere hat sie rund 1800 Solo-Konzerte gegeben, 120 Stück pro Jahr – aus Spaß und Leidenschaft, aber auch, um sich und ihren Lebenstraum damit finanziell abzusichern. Trotz ihrer Professur an der Estnischen Musikakademie muss die Harfenistin sich und ihr Talent immer wieder aufs Neue beweisen. „Wenn das Niveau nicht mehr stimmt, kann man jederzeit gekündigt werden“, weiß sie. Das Musikgeschäft ist an der Stelle rigoros.

Eine Professorin ohne Studenten

Obwohl Cunego seit knapp zwei Jahren in Estland als Professorin arbeitet, hatte sie bisher noch keine Studenten unter sich. Seit ihrem Einstieg hat niemand die dortige Aufnahmeprüfung geschafft. Nach einem 20-Minuten langen, freien Programm müssen die Bewerber Stücke mit einem bestimmten Schwierigkeitsgrad zum Besten geben. Cunegos kritischem Auge entgeht jedoch nichts. „Die Harfenwelt ist klein. Ich möchte mir meinen Ruf nicht verderben, denn letztendlich stehe ich als Ausbilder auf dem Papier. Deswegen wähle ich meine Meisterschüler sehr genau aus“, gibt sie zu bedenken.

Durch den schwarzen, eng anliegenden Bleistiftrock wirkt ihre ohnehin schon zierliche Person noch schmaler. Die dezenten Komponenten ihres Outfits spiegeln sich auch in der zurückhaltenden Persönlichkeit der 35-Jährigen wieder. Sie nimmt am Küchentisch Platz und greift zur Kanne mit dem dampfend heißen Tee. Früher hat Cunego hier oft gefrühstückt bevor sie sich wieder den Studenten widmete. Doch das hat sich geändert. Inzwischen ist sie mehrere Wochen am Stück in Estland und kommt nur gelegentlich für einige Tage nach Sandstedt. In der kleinen Ortschaft im niedersächsischen Landkreis Cuxhaven hat die gebürtige Italienerin damals eine neue Heimat gefunden. Es ist der Ort, an dem sie sich ihren Lebenstraum erfüllt hat. Es ist aber auch der Ort, an dem sie zusehen musste, wie ihr Lebenstraum scheiterte. Seit sie ihre Professur an der Hochschule Tallinn angenommen hat, hatte Cunego keine Zeit mehr für ihr Projekt in Sandstedt. Das konnte sie sich wiederum nur durch die Arbeit in Estland finanzieren, da die harpACademy als gemeinnütziger Verein ausschließlich über Spenden und Schülerbeiträge getragen wurde – eine Zwickmühle für die Harfenistin. Durch ihre häufigen Abwesenheiten konnte sie ihren Traum schlussendlich nicht mehr länger aufrechterhalten. Hinzu kamen neue Gesetze für private Einrichtungen, die der Musiklehrerin zunehmend Steine in den Weg legten.

Trotz der negativen Ereignisse freut sich Cunego jedes Mal, wenn sie wieder vor dem Panoramafenster in ihrem Arbeitszimmer steht und auf die Wellen der Weser blickt. „Das ist mein Urlaub. Hier habe ich meinen Mann, meinen Blick und meine Ruhe“, sagt sie.

Der Blick auf die Weser hilft Assia Cunego, inmitten des Leistungsdruck Ruhe zu finden. Foto: Milena Schwoge

Baden im Klang

Italienerin ist Cunego nur auf dem Papier. Dabei hat die Musikerin bis zu ihrem 18. Lebensjahr dort gelebt und in ihrem Geburtsland auch die Harfe kennen und lieben gelernt. Als sie einen ihrer zwei älteren Brüder von der Musikschule abholte und sah, wie eine Lehrerin Harfe spielte, geschah es. „Mama, Papa. Ich möchte auch Harfe spielen“, verkündete sie kurz darauf stolz. Ihre Eltern hielten das anfangs noch für eine Schwärmerei, doch Cunego ließ nicht locker. Auch als beide ihr vorschlugen, stattdessen Klavier zu lernen, schon allein weil das Instrument in der Anschaffung sehr viel billiger sei, verharrte das damals noch kleine Mädchen. „Mich hat der Klang der Harfe fasziniert. Wenn die Musik im Raum schwingt, ist es wie eine andere Welt, in der man mitschwingt. Ein unbeschreibliches Gefühl, das schwer in Worte zu fassen ist. Im Orchester fühlt es sich an, als würde man ein Bad voller Klänge nehmen“, erklärt Cunego.

Mit 15 Jahren, kurz nach dem mittleren Reifeabschluss und dem Ende der Schulpflicht in Italien, entschied sie, dass sie nicht mehr in die Schule gehen wollte. Die Eltern waren von dem Entschluss ihrer Tochter alles andere als angetan, beugten sich jedoch dem Willen der Teenagerin. Sie unterstützten sie finanziell und fuhren sie zum Musikunterricht, doch ihnen fällt es bis heute schwer, in dem Zupfinstrument einen Beruf zu sehen. Cunegos Dickkopf zahlte sich aus. Mit 18 Jahren begann sie ihr Meisterklassenstudium an der Hochschule für Musik in Würzburg nachdem sie zuvor jahrelang Privatunterricht bei diversen Professoren in Italien genommen und ihren Diplomabschluss Harfe mit Auszeichnung erworben hatte.

Um ihrem Ruf als renommierte Harfenistin weiterhin gerecht zu werden, trainiert Assia Cunego mehrere Stunden am Tag ihre Fingerfertigkeit. Foto: Milena Schwoge

Während ihrer Ausbildung war Cunego der Ruf ihrer Lehrer immer wichtiger als die Reputation der Institution dahinter. „Der Stempel, den man am Ende auf dem Papier hat, ist nicht aussagekräftig. Jeder Absolvent hat ein unterschiedliches Niveau“, kritisiert sie. Viele der Meisterschüler litten nach dem Abschluss unter Realitätsverlust. Oft sei die Diskrepanz zwischen der Selbst- und der Fremdwahrnehmung zu groß. „Als ich gelesen habe, dass nur fünf Prozent der Absolventen der Musikhochschule in Hamburg in dem Beruf bleiben, war ich schockiert und habe mir Gedanken zu möglichen Alternativen gemacht“, ergänzt die Harfenistin. 

Ein revolutionäre Idee ohne Revolution

Schon früh reift in ihrem Kopf die Idee von einem System heran, indem Harfenschüler nach ihren unterschiedlichen Fähigkeiten gefördert werden. „Der Unterricht darf nicht nur fachlich ausgerichtet sein, sondern muss auch Psychologie beinhalten. Denn letztendlich geht der Mensch als Ganzes auf die Bühne“, erklärt Cunego. Zwar brachten ihre früheren Lehrer ihr alles an Technik bei, was zum Spielen der Harfe dazu gehört, doch Cunego fehlte die Vorbereitung auf das Leben als Musikerin. Als sie nach dem Studium ihre Karriere als Solistin starten wollte, wurde sie zunächst ins kalte Wasser geschmissen. „Wie muss ich mich managen, wo kann ich auftreten, wie organisiere ich Konzerte und wie transportiere ich meine Harfe?“, fragte sie sich. Antworten darauf musste sie eigenständig finden.

Um zu verhindern, dass es auch anderen Musikschülern nach dem Ende ihrer Ausbildung so geht, gründete Cunego selbst eine Einrichtung. Mit der harpACademy schuf sie die europaweit erste Harfenschule mit Internat. Bis zu zehn Schüler unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Leistungsniveaus kamen für mehrere Wochen nach Sandstedt, um dort von der renommierten Harfenistin individuellen Unterricht zu bekommen. Cunego und ihre revolutionäre Idee sprachen sich schnell rum. Die gebürtige Italienerin ging in ihrer Rolle als Lehrerin, Coach und Mentorin auf. Sie versuchte, den Schülern zu vermitteln, dass der Beruf eines Musikers mehr umfasst als nur das Beherrschen seines Instruments. „Es müssen am Ende nicht alle Profi werden, aber ein Harfenist sollte zumindest wissen, wo seine Fähigkeiten liegen“, betont Cunego. Nicht jeder sei für das virtuose Dasein auf der Bühne gemacht. Ein Mensch, der im Feuer der Öffentlichkeit nervös wird, hat dafür womöglich andere Stärken. „Vielleicht kann er gut mit Kindern und ist prädestiniert als Ausbilder“, wirft sie ein. 

„Mir ist es wichtig, dass jemand Mut hat, auch mal etwas anders zu machen als es üblich ist.“

Neben der Technik legt Cunego, anders als viele namhaften Institutionen, vor allem Wert auf die Persönlichkeit der angehenden Musiker. „Mir ist es wichtig, dass jemand Mut hat, auch mal etwas anders zu machen als es üblich ist. Oft schließe ich meine Augen und höre einfach zu“, sagt Cunego. Davon, ihren Schülern eine bestimmte Spielweise vorzugeben, hält sie nichts. Dafür bricht die 35-Jährige selbst zu gerne die Norm, indem sie beispielsweise ihre Bewegungen beim Spielen variiert. Mal nimmt sie einen Finger mehr, mal einen weniger, mal dreht sie die Hand komplett. Seitdem sie Teil eines Orchesters ist, fühlt sich Cunego auch innerhalb der Harfen-Welt mehr wertgeschätzt. Auf Fragen wie „In welchem Orchester spielst du denn?“ kann sie nun selbstbewusst antworten statt sich wegen ihrer Solo-Stücke klein zu machen. „Man ist leider nichts, wenn man in keinem Orchester spielt“, bedauert sie. Dabei sind die Solo-Auftritte für die Harfenistin immer eine viel größere Herausforderung gewesen, weil sie für deren Vorbereitung eigenständig verantwortlich ist. „Ich hatte viele Höhepunkte in meiner Karriere. Natürlich ist es ein tolles Gefühl, vor 55 000 Menschen ein Konzert zu geben. Noch bedeutender sind aber die kleinen Schritte, die man selber auf dem Weg zur inneren Reife macht“, sagt sie.

Von ihrem einstigen international erfolgreichen und einzigartigen Projekt ist heute nicht einmal mehr die Internetadresse übrig. Wer die harpACademy googlet, stößt auf das verlorene Verkaufsangebot eines Domänenhändlers. Bis zum Sommer sollen in dem ehemaligen Harfeninternat elf Wohnungen entstehen. Komplett von ihrem Lebenstraum verabschieden möchte sich Cunego dennoch nicht, auch wenn sie nun an einer staatlichen Einrichtung tätig ist. Sie wird weiterhin in Sandstedt wohnen bleiben und bei ihrer Arbeit als Professorin in Estland für die Werte kämpfen, für die sie mit der harpACademy den Grundstein gelegt und vor allem ein Zeichen gesetzt hat: eine individuelle Förderung von musisch begabten Kindern und Jugendlichen, ohne dass dabei deren Persönlichkeit in den Schatten des Leistungsdrucks gerät.

Zum Abschluss noch eine kleine Hörprobe:

Ein Beitrag von Milena Schwoge
[ssba]