„Verpisst euch in euer Land, ihr Ratten!“

Zeynep T.* ist Studentin in Hannover und verbringt ihre Semesterferien jedes Mal in der Türkei, um ihre Familie und ihren Freund zu besuchen. Sie selbst fühlt sich zwar dem Islam zugehörig, sieht ihren Glauben dennoch sehr locker an. Obwohl sie die eigentlichen Stereotype, die manche über Muslime haben, nicht erfüllt, hat sie trotzdem immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen.

In wie weit lebst du deinen Glauben aus?

Ich sehe mich dem Islam komplett zugehörig, aber ich denke das Wichtigste in der Religion ist es, ein gutes Herz zu haben und ein guter Mensch zu sein. Das besagt der Islam auch in erster Linie. Der Islam hat bestimmte Pflichten, die er vorschreibt, aber im Koran steht ebenfalls drin, dass man als Muslim niemals gezwungen ist, etwas zu tun. Islam ist kein Zwang, sondern eine Religion, der man aus Liebe zu Gott nachgehen sollte. Ich trage kein Kopftuch und bete auch nicht fünf Mal am Tag. Ich versuche aber in der Zeit von Ramadan einen Monat lang zu fasten, denn ich glaube daran, dass ich nach dem Tod für diese Tat belohnt werde.

Hast du schon einmal mitbekommen, dass andere Leute dich als stereotypisch Muslimin oder Türkin abgestempelt haben?

Das habe ich schon einmal in der Grundschule erlebt. Da wurde ich immer als „die Türkin“ bezeichnet und wurde auch teilweise ausgeschlossen von den Anderen. Im Sinne der Religion habe ich persönlich so etwas noch nicht erlebt. Ich kenne aber Leute aus meinem Bekanntenkreis, die oft als stereotypische Muslime abgestempelt werden, weil sie Kopftuch tragen. Aufgrund ihrer Bedeckung, werden sie oft benachteiligt und in der Gesellschaft nicht so akzeptiert, wie andere Frauen. Ich habe auch gehört, dass diese bedeckten Damen mit immer wieder vorkommenden, kritisierenden Blicken von anderen Menschen zu kämpfen haben.

In der Türkei ist diese Situation derzeit sogar schlimmer zu beurteilen, denn durch die Regierung Erdogans haben sich zwei Teile in der Türkei gebildet. Einmal der Teil, der komplett der Religion nachgeht und für Erdogan stimmt, und einmal der Teil, der gegen ihn ist und eher sozialdemokratisch lebt. Ich habe in der Türkei schon oft erlebt, dass Frauen mit Kopftuch als typische Muslimin abgestempelt wurden und sogar damit auch ausgeschlossen wurden. Diese Situationen nehmen derzeit rasant zu.

Wie finden es denn deine Verwandten, dass du kein Kopftuch trägst?

Alle sind damit einverstanden und finden das sogar gut. Unsere Familie ist nicht streng gläubig. Sie glauben zwar an Gott und an den Koran, aber sie richten ihr Leben nicht nach der Religion aus. Meine Eltern beispielsweise würden niemals wollen, dass ich mich bedecke. Und bei meinen Verwandten ist dies ebenfalls der Fall. Ich habe paar Verwandte, die bedeckt sind, aber die mischen sich auf keinen Fall bei mir ein und sagen dazu nichts.

Sind dir schon einmal Vorurteile aufgrund deiner Herkunft oder Religion  entgegengetreten?

Schon sehr oft. Beispielsweise habe ich schon von sehr vielen die Frage gehört: „Darfst du überhaupt ein Freund haben? Ich dachte, man darf das als Muslimin nicht“, aber das ist von Familie zu Familie unterschiedlich. In dem Islam ist es eigentlich verboten, vor der Ehe einen Freund haben, das stimmt. Aber in der heutigen Zeit ist das unumgänglich und es ist auch normal, eine Beziehung zu haben.

Viele denken auch, dass das Leben in der Türkei sehr schwer oder streng sei, weil es ein muslimisches Land ist, aber das ändert sich auch von Stadt zu Stadt. Immer wenn ich meinem Umfeld davon erzähle, dass ich später in der Türkei leben möchte, bringen sie hervor, dass sie denken, dass das Leben dort sehr streng sei und ich mich bestimmt dann bedecken müsste. Aber das sind nur Vorurteile und entsprechen nicht der Wahrheit.

Ist man deiner Meinung nach immer noch vollwertige Muslimin, auch wenn man sich nicht an alle Regeln aus dem Koran hält?

Ich denke, bei sehr vielen Menschen ist es so, denn man kann sich niemals komplett an alle Regeln halten. Es gibt zwar bestimmte Regeln, die man erfüllen sollte, wenn man an den Islam glaubt: beispielsweise verbietet unsere Religion uns, zu klauen, zu lügen und anderen Menschen Schaden hinzuzufügen. An diese Sachen sollte man sich halten. Daran, dass man vor der Ehe nicht mit dem gegengesetzten Geschlecht zu nahe kommen soll und dass man sich mit einem Kopftuch bedecken soll, kann man sich meiner Meinung nach nicht wirklich halten. Aber z. B. das Fasten oder beten sollte man eigentlich durchführen.

Ich kann es nicht wirklich beurteilen, ob man trotzdem vollwertige Muslimin ist, auch wenn man diese Sachen nicht macht. Meiner Ansicht nach kann das nur Gott beurteilen. Ich kann nur sagen, dass man versuchen sollte, sich soweit wie möglich daran zu halten. Aber auch wenn man es nicht tut, ist man dem Islam zugehörig, solange man den Wunsch und die Liebe in sich hat, an die Religion zu glauben.

Denkst du, dass sich das Ansehen von ausländischen Mitbürgern nach der Flüchtlingskrise geändert hat?

Ich denke schon und verstehe das auch vollkommen. Die Menschen entwickeln dadurch eine unbewusste Ausländerfeindlichkeit, weil sie sich in ihrem eigenen Land durch die vielen Flüchtlinge aus dem Ausland gestört fühlen. Und das wiederrum führt dazu, dass sie ebenso auch eine Abneigung gegenüber ausländisch aussehenden Mitbürgern entwickeln. Diese Abneigung wird meiner Meinung nach immer größer und der Rassismus wächst. Das sieht man alleine schon daran, dass eine rechtsorientierte Partei Mitglied im Parlament geworden ist.

Und diese Situation strahlt sich leider auch auf die ausländischen Mitbürger aus, die schon seit Jahren in Deutschland leben, auch auf mich oder meine Familie. Letztens in der Bahn habe ich mit einer Freundin türkisch geredet und ein älterer deutscher Mann hat laut in der Bahn geschrien: „Verpisst euch in euer Land ihr Ratten, überall nur noch Ausländer“.

Denkst du, dass viele Deutsche ein falsches Bild von Muslimen haben?

Viele Deutsche wissen den Hintergrund von dem Islam nicht und sehen ihn als eine Art Zwang an. Der Islam ist aber kein Zwang, sondern ein Glaube, der mit Liebe zu Gott ausgelebt werden sollte. Viele Deutsche denken, dass man nicht frei ist, wenn man an den Islam glaubt und dass einem die Freiheit genommen wird, aber das stimmt nicht.

Aber ich denke, der Grund hierfür sind auch größtenteils die Medien, die den Islam meistens negativ darstellen. Es gibt auch viele Deutsche, die oft mit Türken oder Muslimen zusammen oder befreundet sind, die denken anders und sind vertrauter mit dem Islam. Aber die Deutschen, die weniger mit Muslimen zu tun haben, sind vorurteilhafter gegenüber ihnen. Im Großen und Ganzen haben sie meiner Ansicht nach ein falsches Bild von den Muslimen. Meistens wird auch gedacht, dass Muslime oder Türken oft kriminell sind. Ich habe schon oft erlebt, dass bei einer Nachricht in der Zeitung das Wort „Muslim“ im negativen Zusammenhang verwendet wurde beispielsweise bei meinem Diebstahl. Aber wenn ein Deutscher kriminell war, wird es nicht betont, dass er oder sie deutsch ist. Ich verstehe diese Situation nicht. Das ist vielleicht eine Kleinigkeit, aber solche Kleinigkeiten führen dazu, dass Menschen eine negative Haltung gegenüber Muslimen entwickeln.

Ich will nicht sagen, dass Muslime unschuldig sind. Aber man sollte die Menschen nicht unterteilen in Muslim und Nicht-Muslim. Wenn jemand schlecht ist, ist es der Mensch, der schlecht ist, und nicht die Religion.

*Name von der Redaktion geändert

von Annina Meyer

[ssba]