#ÜberdosisOnline

Per Mausklick zum Vollzeitschurken: Flucht in ein upgegradetes ICH

Der 25-jährige Markus R. ist süchtig nach Online-Rollenspielen und steht dazu. Nur am Rechner, in seinem abgedunkelten Zimmer, kann er sein Fernweh nach der virtuellen Welt befriedigen. „Azeroth“, eine Fantasy-Welt aus „World of Warcraft“: DAS ist sein Zuhause. Das Gefühl, welches Markus verspürt, wenn er einmal nicht mit dem Internet verbunden ist, „gleicht einem kalten Entzug“, so Markus, „als würde man einem Drogenabhängigen seinen Stoff nehmen.“

Ein Tag ohne die Gamingwelt kommt für ihn nicht mehr in Frage. „Es ist ein Teil von mir geworden“, sagt Markus. Er ist rund um die Uhr online. Nur gezwungenermaßen verlässt er seine Festung. Den Kontakt zur Außenwelt meidet er so gut er kann. Er bekommt Hartz IV. Außerdem streamt Markus täglich seine Schurken-Abenteuer auf „Twitch.Tv“ (eine Internetseite, die Videospiele überträgt). „Ich habe eine treue Community aufgebaut.“

Sobald Markus auf seinem Stammplatz thront, einem Tisch mit 27 Zoll Display darauf, ist er nicht mehr „länger er selbst“, sondern ein Blutelfenschurke. Bewaffnet mit zwei Dolchen sagt er seinem Fernweh den Kampf an. Erst dann kann er Urlaub vom wirklichen Leben nehmen.

Stolz berichtet der 25-Jährige von seinen Erfolgen in der virtuellen Welt. In Azeroth ist er wie ausgewechselt, hier kennt er weder Angst noch Unsicherheit. „Problemlos kann ich auf meine Mitspieler zugehen und mich mit ihnen unterhalten.“

Er zieht sogar das virtuelle Leben dem realen vor, weil er dort von seinen Mitspielern akzeptiert und geschätzt wird. Kein Mobbing, kein Ausgrenzen, kein unsichtbarer Schleier, wie damals zu seiner Schulzeit. An dieser Stelle betont der Gamer ganz besonders: „Nicht das Spiel hat mich verändert, sondern meine Mitmenschen. Die täglichen verbalen Angriffe haben aus dem anfänglichen Spaß am Spiel regelrecht eine Sucht provoziert.“

Die Anonymität gibt ihm Sicherheit. Eine neue Identität. Er wünscht sich, er könnte so sein wie sein Spieleheld: ein starker, selbstbewusster, mutiger Charakter. „Sein Wunschselbst“. Eine Veränderung an seiner derzeitigen Lebenssituation ist für Markus derzeit noch keine Option. „Zu stark ist mein Fernweh. Außerdem habe ich das erste Mal im Leben Freunde gefunden.“ Im wirklichen Leben fehle ihm der „Reset-Button“, der alles noch einmal auf Anfang setzt.

Von Pascal Wolters

Foto: Theresa Orosz

[ssba]