Über die Grenzen hinaus: Crossborder Journalism

Merkel trifft die G7 in Kanada, die Fifa freut sich auf die WM-Einnahmen aus Russland und der deutsche Volkswagen wird in den USA verklagt – die Welt ist global geworden und Politik, Wirtschaft, ja selbst Kriminalität operieren längst weltweit. Der Journalismus kann und darf dabei nicht untätig zusehen: Die Zahl der Journalisten, die über Ländergrenzen hinweg zusammen arbeiten, steigt stetig. Und die Pioniere des Crossborder Journalism haben eine erstaunlich große Durchschlagkraft.

Das Langzeitprojekt „The New Arrivals“ hatte eins zum Ziel: Vorurteile gegenüber Flüchtlingen aufzeigen und -brechen. In monatelanger Zusammenarbeit der renommierten Medienhäuser Spiegel Online, der britischen Tageszeitung The Guardian, der französischen Le Monde und der spanischen El País trafen im vergangenen Jahr internationale Reporter Flüchtlinge an Europas Grenzen, in Flüchtlingsheimen und in ihrem neuen Zuhause. 500 Tage berichteten die Journalisten über Flucht, Heimat und Hoffnungen der flüchtenden Menschen. 25 Menschen wurden innerhalb der Projekts porträtiert.

Dafür wurde „The New Arrivals“ von den Jury des „Drum Online Media Awards“ als bestes Reporterteam des Jahres 2018 ausgezeichnet. SPON-Redakteurin Eva Thöne und Fotografin Maria Feck wurden zudem für ihre Geschichte über die junge Syrerin Ruua Abu Rashed und ihren Traum vom Medizinstudium in Deutschland mit dem Kausa Medienpreis in der Kategorie Projekte ausgezeichnet. Beide Autorinnen begleiteten die Familie Abu Rashed über eineinhalb Jahre lang, berichteten über ihre Anfänge in Deutschland und ihre Erlebnisse in Syrien.

„Wir konnten ausgeruhtere Geschichten produzieren“
Interview mit der New Arrivals-Fotografin Maria Feck

Marie Feck, Jahrgang 1981, ist freie Fotografin und Multimediajournalistin. Zusammen mit der SPON-Redakteurin Eva Thöne leitete sie das Langzeit-Projekt „The New Arrivals“, das in Zusammenarbeit mit den internationalen Medien The Guardian, Le Monde und El País entstanden ist. Für das Projekt steuerte sie die zahlreichen Fotos und Videoaufnahmen bei und stellte den Kontakt zur syrischen Flüchtlingsfamilie Abu Rashed her.

Wie ist das Projekt „The New Arrivals“ entstanden?
Die Grundidee stammt vom EJC (European Journalism Centre), sie haben das Konzept entwickelt. Dann wurden die einzelnen Redaktionen angeschrieben und das Team fand sich. In der Anfangsphase waren meine schreibende Kollegin Eva Thöne und ich noch nicht dabei, sondern unsere Chefs haben das angestoßen und das Team in der Redaktion zusammengestellt.

Wie lief die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Medien bei „The New Arrivals“ ab?
Wir hatten am Anfang vor, viel mehr gemeinsame Projekte zu machen. Zum Beispiel wie es einem Flüchtling in Deutschland, England, Frankreich, Spanien ergeht. Wie sieht die Krankenversorgung aus? Und so weiter. Da hätten wir mehr machen können. Gerade haben wir ein gemeinsames Videoprojekt veröffentlicht. Im Video erzählen Flüchtlinge aus allen vier Ländern, was typisch für das Land ist, was sie mögen, nicht mögen, wie sie es sich vorgestellt haben. Das hat gut funktioniert. Dann ging es vor allem darum, Artikel der anderen zu übernehmen. Das hat nur bedingt funktioniert. Aber wir haben durchaus immer Geschichten gefunden, die in irgendeiner Weise für das deutsche Publikum interessant waren, weil wir hier ähnliche Dynamiken oder Situationen haben, wie zum Beispiel Abwanderung im ländlichen Raum, der durch Geflüchtete neu bewohnt wird.

Ist ein Projekt wie „The New Arrivals“ anspruchsvoller und zeitaufwendiger als „normale“ Hintergrundartikel?
Zeitaufwendiger würde ich aus meiner Perspektive nicht sagen. Aber wenn man wie meine Kollegin auch noch in den allgemeinen Redaktionsalltag eingebunden ist, wird es stressig. Was schön war, ist eigentlich, dass wir durch das Budget die Möglichkeit hatten ausgeruhtere Geschichten zu produzieren. Also uns Zeit zu nehmen für Recherchen und nicht das „Schnell-schnell“ des Onlinebetriebs bedienen mussten. Was aufwendig ist sind dann die ganzen bürokratischen Aspekte so eines Stipendienprojekts.

Würden Sie noch einmal an so einem Projekt mitarbeiten?
Ja, würde ich. Man sollte dann aber noch mehr die gemeinsame Arbeit an Themen fokussieren und sich öfter auch in Persona treffen. Das war immer ergiebiger für das Team und die Arbeit als Skype-Konferenzen.

„The New Arrivals“ ist nur ein Beispiel für einen neuen Trend im Journalismus: Die internationale Zusammenarbeit von verschiedenen Medien – auch als Crossborder Journalism bezeichnet. Er zeichnet sich dadurch aus, dass Journalisten aus verschiedenen Ländern zusammen ein Thema recherchieren, dass in den Ländern aktuell ist, wie im Falle von „The New Arrivals“ die Flüchtlingskrise. Die Informationen werden zusammen gesammelt und geteilt, kontrolliert und gegebenenfalls ergänzt, um sie für ihre jeweiligen Zielgruppen zu veröffentlichen.

Berühmtestes Beispiel für Crossborder Journalism sind die Panama Papers, die 2016 aufdeckten, welche Prominenten, Politiker und Banken über Offshore-Firmen der panamaischen Briefkastenfirma Mossack Fonseca & Co. versuchten finanzielle Geschäfte zu verschleiern. An der einjährigen Recherche waren über 100 Medien aus 80 Ländern beteiligt und werteten 2,6 Terabyte Daten aus. Ähnliche Ereignisse deckten die Paradise Papers auf, bei denen 13,4 Millionen ausgewertete Dokumente die Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung von Kunden der Offshore-Dienstleister Appleby und Asiaciti Trust belegen. Zu diesen Kunden zählten große Konzerne wie Apple, Facebook oder Nike, aber auch Politiker und Prominente. Die Panama Papers als auch die Paradise Papers wurden unter der Leitung des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) veröffentlicht. Das globale Netzwerk mit Sitz in Washington besteht aus mehr als 200 Journalisten und 100 Medienorganisationen, die sich auf über 70 Länder verteilen.1997 wurde das ICIJ vom amerikanischen Journalisten Chuck Lewis als Projekt einer Non-Profit-Organisation gegründet, das grenzüberschreitende Kriminalität, Korruption und Machtmissbrauch durch öffentliche oder private Institutionen aufdecken sollte. Im Februar 2017 hat sich das Netzwerk von der Non-Profit-Organisation gelöst und ist nun eine eigenständige gemeinnützige Medienorganisation, die sich über Spenden finanziert.

Crossborder Journalismus ermöglicht Journalisten – wie der Name schon sagt – ihre eigenen Grenzen zu überschreiten, den Horizont zu erweitern und mit Kollegen aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Denn die ausländischen Teammitglieder kennen ihr eigenes Land und Kultur am besten, sprechen die Sprache und sind damit in der Recherche Auslandskorrenspondenten weit überlegen, die nie über einen externen Blick auf die Begebenheiten in anderen Staaten hinauskommen können.

Während zudem bei den meisten deutschen Journalisten weiterhin der Grundgedanke der Konkurrenz Vorrang hat (“Ich habe die bessere Story, den schnelleren Newsfeed…”), wird bei Crossborder Journalismus die Zusammenarbeit ganz groß geschrieben. Vor allem, wenn es um immense Datenmengen und aufwendige Recherchen geht, ist eine internationale Zusammenarbeit sinnvoll. Grenzüberschreitend werden Informationen und Kompetenzen ausgetauscht – und erhalten so mehr Durchschlagskraft als zuvor. Wenn Politik, Wirtschaft und selbst die Kriminalität mittlerweile weltweit organisiert ist, warum sollte es der Journalismus nicht auch sein? Die meisten Geschichten, über die Journalisten berichten, enden nicht an den Landesgrenzen. Im Gegenteil: Entscheidungsstrukturen erstrecken sich oft über mehrere Staaten. Crossborder Journalismus ermöglicht es endlich, komplexen Situationen nachzugehen und die Mächtigen dieser Welt zur Rechenschaft zu ziehen. Mit einer weltweiten Veröffentlichung werden zudem viel mehr Menschen erreicht, als es ein einzelnes Medium könnte. Durch die gegenseitige Kontrolle und Ergänzung der Ergebnisse steigt außerdem die Qualität. Und zuletzt werden anfängliche Ideen während der Recherche von den verschiedenen Journalisten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Diese Vielfalt führt häufig zu den besten Ergebnissen.

Auch SPON-Journalistin Eva Thöne sah viele Chancen in der internationalen Zusammenarbeit bei ihrem Projekt The New Arrivals.

So gelingt dein journalistisches Crossborder-Projekt:

1. Mit einer guten Idee fängt alles an: Neben aktuellen Anlässen sind auch Ereignisse, die in mehreren Staaten stattfinden (etwa in Zusammenhang mit Handel oder Kriminalität), denkbar. Auch Geschichten, die zwar zeitgleich in mehreren Ländern geschehen, aber keinen direkten Zusammenhang haben, oder Ereignisse, die mit internationalen Organisationen wie der EU, NATO oder WHO zu tun haben, können ein Anlass sein.

2. Netzwerke: Trage dich in alle Mailinglisten ein, besuche Konferenzen, tausche Visitenkarten aus. Hilf Kollegen, wenn sie dich darum bitten. Behandle alle mit Respekt.

3. Such dir ein Team: Mach eine gute Vorrecherche. Es ist immer klug, den Kollegen beim ersten Kontakt etwas anbieten zu können – nicht nur Informationen, sondern auch nützliche Kompetenzen. Achte auf eine klare Rollenverteilung und funktionierende Zusammensetzung des Teams. Vertrauen ist sehr wichtig.

4. Nimm dir Zeit bei der Recherche: Hab so wenig andere Projekte nebenbei wie möglich. Achte auf gute Kommunikation. Sei neugierig auf neue Recherchemethoden. Überprüfe alle Informationen selbst. Gib nie den Namen deiner Quelle preis, auch nicht nahestehenden Kollegen.

5. Beachte kulturelle Unterschiede: Selbst innerhalb Europas herrschen große Unterschiede, etwa was den Umgang mit machtvollen Gesprächspartnern angeht. Diskutiere ethische Abwägungen offen im Team.

5. Kümmere dich frühzeitig um die Finanzierung: Neben thematischen und regionalen Förderungsmöglichkeiten gibt es auch Zuschüsse für bestimmte Journalistengruppen oder Recherchemethoden. Auch eine gänzlich freie Förderung ist möglich.

Herausforderungen bei der internationalen Zusammenarbeit

Die Hindernisse, die Journalisten und Redaktion überwinden müssen, wenn sie einer internationale Story auf den Grund gehen, scheinen fast unendlich. Fremde Sprachen, mauernde Behörden, ausländisches Medienrecht, möglicherweise verschiedene Zeitzonen und hohe Reisekosten. Crossborder-Recherchen können zeitaufwändig und teuer sein. Daher geht es vor allem darum, die Methode so präzise wie möglich an die Story anzupassen. Jede internationale Recherche kann viel Zeit, Geld und Nerven sparen, wenn die passenden Werkzeuge des Crossborder-Reporting wohlüberlegt sind.

Crossborder-Journalisten sollten daher vor allem offen für Neues sein und sich nicht von diesen Hürden abschrecken lassen, so Eva Thöne.

Journalisten stehen in ständiger Konkurrenz miteinander. Die Verlage wollen Enthüllungen sehen, und Nachrichten zuerst und vor allem exklusiv veröffentlichen. Das ist schon seit Generationen von Journalisten so. Beim Cross-Border-Journalismus geht es jedoch vor allem darum, voneinander zu lernen und Erfahrungen auszutauschen. Das ist für viele eine neue Erfahrung. Diese Entwicklung aber birgt die Chance, eine Neuinterpretation und Diskussion über Journalismus zu führen, indem man sich ständig neuen Umständen anpassen muss. Eine herausfordernde, aber auch lehrreiche Erfahrung.

Stipendien für Crossborder Journalism

Robert Bosch Stiftung: Reporters in the field
Zwei Mal jährlich vergibt die Stiftung Stipendien an international gemischte Reporterteams, die grenzüberschreitende Rechercheprojekte in Europa realisieren.

Rudolf Augstein Stiftung
Die Stiftung fördert vor allem investigativen Journalismus, sowie die Vernetzung von Journalisten und die Erprobung neuer Geschäftsmodelle.

Bill und Melinda Gates Stiftung: Journalism Grants
Die Stiftung fördert weltweit innovative Berichterstattung, vor allem zu Themen der Entwicklungszusammenarbeit.

European Journalism Centre
Die Stiftung unterstützt neben europäischen Projekten auch Gesundheits- und Entwicklungsjournalismus.

Mehr Lust auf internationale Projekte?
Tobacco Underground – Eine Geschichte zum globalen Tabakschmuggel im Jahr 2008, die mit einer leeren Zigarettenschachtel auf einer Berliner Straße begann.
Lux Leaks – Beim Vorläufer der Panama Papers dokumentieren 80 Journalisten aus 26 Ländern, wie in der Steueroase Luxemburg enorme Summen aus Europa herausgeschleust wurden.
Das Farmsubsidy-Netzwerk – Wer in Europa bekommt wie viel der rund 60 Milliarden Euro Agrarsubventionen? Ein europäisches Netzwerk von Journalisten versucht Licht ins Dunkel zu bringen.
Migrants’ Files – Auf dem Weg nach Europa sterben immer wieder Flüchtlinge. Wie viele sind es wirklich? Das Ergebnis der Datenjournalisten aus 15 Ländern liegt erschreckend weit über den offiziellen Zahlen.

Bildquellen: Pixabay, gemeinfreie Lizenz, keine Namensnennung

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