Thema Flüchtlinge – ein Schulleiter spricht Klartext

Jürgen Steltner ist Schulleiter der Berufsbildenden Schule in Stadthagen und hat in seiner Position täglich mit dem Thema Flüchtlinge zu tun. Im Interview erzählt er von seinen Einschätzungen zur aktuellen Flüchtlingssituation im Land – und an seiner Schule.

Inwieweit bemerken Sie als Schulleiter den Flüchtlingsstrom, den wir aktuell in Deutschland erleben?

Sehr zwiespältig. Gesamtpolitisch in Europa und von der humanistischen Seite her sind wir sicher aufgefordert zu helfen und die Grenzen nicht dicht zu machen. Auf der anderen Seite halte ich den Standpunkt, den Frau Merkel einnimmt, dass wir ungehindert alle Grenzen aufmachen, für eine politische Fehlentscheidung. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass unsere Gesellschaft noch immer durch den Faschismus aus den 30er und 40er Jahren geprägt ist.

Helmut Schmidt hat mal gesagt: ‚Das Biest des deutschen Faschismus und Rassismus ist nicht tot, es schläft nur. Und wenn wir nicht aufpassen dann wacht es wieder auf‘. Ich sehe eine große Gefahr darin, dass die deutsche Gesellschaft diesen Zustrom aus verschiedenen Gründen irgendwann nicht mehr akzeptieren wird. Und die zunehmende Höhe der Anschläge auf Flüchtlingsheime ist ein Indikator dafür.

Ich merke auch im Kreise der Familie und der Mitarbeiter hier an der Schule, dass sich die Art der Kommentare bezüglich dieser Flüchtlingsströme verändert und von Tag zu Tag aggressiver wird. Das nährt meine Angst, dass die deutsche Gesellschaft in der nächsten Zeit an einem Wendepunkt ankommt. Sollte das noch ein oder zwei Jahre so weitergehen, sehe ich Gefahr für die deutsche Demokratie.

Stellt das Thema Flüchtlinge Sie und Ihre Mitarbeiter vor besondere Herausforderungen?

Ja natürlich, das ist dieser Dualismus von dem ich gerade sprach. Auf der einen Seite möchte man helfen. Schließlich haben wir auch eine entsprechende Verpflichtung dazu. Auf der anderen Seite gibt es auch an dieser Schule eine wachsende Tendenz an Lehrkräften die sagen: ‚Nein, wir machen nichts‘, ‚wir wollen die hier nicht im Haus haben‘ oder ‚wir wehren uns dagegen‘.

Auch verdoppelt sich hier in Schaumburg die Zahl der Flüchtlinge alle vier Wochen. Wir gehen davon aus, dass wir bald kein Personal mehr haben werden, um diese Schülerinnen und Schüler entsprechend zu versorgen.

Heißt das, es gibt auch Klassen, die ausschließlich Flüchtlingskinder haben?

Die jungen Leute, die zu uns kommen, sind im Schnitt 17,18,19, 20 Jahre alt. Das heißt sie sind gerade noch schulpflichtig oder haben schon eine Berufsausbildung angefangen und sind dann mit ihren Familien oder allein geflüchtet. Sie kommen mit absolut keinen Sprachkenntnissen hier her, und mit einer ungeheuren Bandbreite an verschiedenen Ausbildungen. Wir haben einen ganzen Teil der alphabetisiert werden muss, sprich diese Schülerinnen und Schüler können weder lesen noch schreiben. Und wir haben einen ganzen Teil von Leuten mit Abitur, Hochschulstudium bzw. abgebrochenem Hochschulstudium. Die sitzen dann alle zusammen in einer Sprachlernklasse und versuchen die deutsche Sprache zu lernen. Dann gibt es bei uns noch das Fach ‚Lebenskunde‘ wo wir versuchen, den jungen Leuten Dinge wie Briefkästen oder Hausnummern zu erklären – das ist Vielen völlig unbekannt.

Hier treffen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander. Zum Glück ist es im Unterricht und hier im Hause bisher relativ friedlich abgelaufen. Es hat bis jetzt keine ethnischen oder gewalttätigen Konflikte gegeben. Zwar gibt es an unserer Schule schon religiöse Konflikte – dann aber meistens mit Schülern, die schon länger hier sind und keine Sprachprobleme haben. Zusammengefasst haben wir also zwei Problemfälle: Zum einen Lehrkräfte finden, die unterrichten können, wollen, sollen. Zum anderen die Menge an Flüchtlingen, die wir bald wahrscheinlich nicht mehr verkraften können. Da müsste dann das Kultusministerium weitere Mittel freigeben.

Und inwieweit gehen Sie in dem Zusammenhang auf neue Lehrkräfte zu?

Alles was wir in den letzten zwei bis drei Monaten an Flüchtlingen beschult haben, haben wir auch in den letzten zwei bis drei Monaten an Lehrkräften eingekauft – es wird die letzte pensionierte Lehrkraft wiederbelebt. Wir haben etwa Kooperationsverträge mit der Volkshochschule oder mit der Schülerhilfe. Das heißt eine Organisation, die eigentlich Schülern Nachhilfe gibt, stellt uns Deutschlehrer zur Verfügung. Mit unserem eigenen Lehrerstammpersonal wären wir schon seit einem Jahr überfordert gewesen.

Wir haben ganz andere Schulformen hier, die wir nicht einfach schließen können, nur um Flüchtlinge zu beschulen. Das würde einen Aufstand geben. Es gibt schon viele Eltern oder Betriebe, die sagen ‚Der normale Unterricht leidet, weil ihr Flüchtlinge beschult‘. Da kann ich leider nicht widersprechen – denn es ist tatsächlich so. Wenn die Zahl der Flüchtlinge weiter steigt, müssen wir die Notbremse ziehen. Dann müssen andere Schulformen geschlossen werden. Und das führt dann dazu – wie an der Parallelschule ‚IGS‘ – dass die ersten Klagen von Eltern auf dem Tisch liegen, die sagen ‚meine Tochter kriegt keinen Englischunterricht mehr, weil der Englischlehrer Deutsch für Ausländer macht‘. Das ist eine sich immer stärker zuspitzende Problematik.

Gibt es denn keine Möglichkeit, die Flüchtlinge mit den ’normalen‘ Schülern zusammen zu bringen?

Wir haben bereits ein Modell dafür. Das Problem hier im Landkreis ist nur, dass viele Flüchtlinge in ehemaligen Bundeswehrkasernen oder in geschlossenen Schulen untergebracht sind. Damit ist es für Außenstehende schwer, an sie heran zu kommen. Das Modell was an einigen Schulen und bei uns seit einigen Wochen besteht, sieht sogenannte ‚Schülerpatenschaften‘ vor. Das heißt Schüler aus der Oberstufe oder von den Fachoberschulen übernehmen Patenschaften zu Sprachschülern die wir hier haben, sodass dort Kontakte entstehen und wir dadurch versuchen, die Flüchtlinge aus der Isolation zu holen.

Inwieweit bemerken Sie das veränderte Verhalten Ihrer ‚Stammschüler‘ gegenüber den Flüchtlingskindern?

Da habe ich noch keine Rückmeldungen – das Modell ist dafür noch zu neu bei uns. Es gibt vielleicht zehn solcher Patenschaften. Das werden wir erst in den nächsten Wochen und Monaten sehen. Die jungen Leute aus der Fachoberschule haben aber wenig Berührungsängste und weniger Vorurteile als manch Älterer.

Und wie sieht es von der Flüchtlingsseite aus? Wie erleben Sie als Schulleiter das Verhalten der Flüchtlinge, die hier an die Schule kommen?

Bis jetzt gibt es noch keine Disziplinar- oder Gewaltproblematik. Wir haben das Glück, dass wir als Berufsausbildende Schule den Sprachschülern nicht nur Sprache und Lebenskunde anbieten können. Die Schüler haben hier auch die Möglichkeit sich in den Werkstätten oder in der Gastronomie einzubringen. Diese jungen Leute sind – das habe ich im gastronomischen Bereich selbst gemerkt – sehr aufgeschlossen. Wir hatten letztes Jahr eine Truppe aus acht oder neun Schülern, die dort gearbeitet haben. Da war alles bunt gemischt: Syrer, Marokkaner oder aus Eritrea. Und es war erstaunlich, wie gut die miteinander funktioniert haben – übrigens teilweise wesentlich lernwilliger und höflicher als manch deutscher Schüler. Bis jetzt sind die Lehrkräfte angetan von der Arbeitswilligkeit, von der Höflichkeit derer, die bis jetzt da gewesen sind.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Wir müssen versuchen die vorhin angekündigten Massen irgendwo unter zu bringen. Zwar sind wir eine große Schule mit nicht ganz 2.000 Schülern – und haben ein relativ großes Gebäude – aber wir haben eben auch eine ganze Menge an anderen Schulformen, die alle im Haus untergebracht werden müssen. Bis jetzt haben wir drei Sprachförderklassen. Im Januar kommt dann die vierte – und es ist abzusehen, dass wir bald die fünfte haben. Engpässe sind da abzusehen – aber da muss sich dann vielleicht auch mal der Schulträger, also der Landkreis Schaumburg, etwas einfallen lassen.

Vielen Dank für das Interview Herr Steltner.

Von Julia Anders

Foto Jan Isaak

[ssba]