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Perspektivenwechsel 1, Perspektivenwechsel 2

Digitalisierung und Religion

Wer einen Blick in den Koran wirft, der wird überrascht. Auf jeder Seite lässt sich mindestens ein QR-Code finden. Einfach einscannen und schon liest eine digitale Stimme die Schriften vor. Ist das zu modern für Religion?

VON MAIKE SKERSTINS UND MILENA SCHWOGE

Ein Blick zurück

Seit Anbeginn der Zeit versucht der Mensch sein Wissen und seine Ansichten mittels Schriften und Bilder der Nachkommenschaft zu hinterlassen. Waren es zur Steinzeit noch einfache Zeichen wie etwa Federn oder Winkel, wurde die Sprache im Laufe der Zeit immer komplexer. Um 1500 vor Christus in Ugarit – ein kleiner Ort an der syrischen Küste – verschmolzen mehrere regionale Schriftarten zu dem Vorreiter unseres Alphabets. Es ist davon auszugehen, dass das ugaritische Alphabet den Grundstein für das phönizische und schlussendlich das europäische Alphabet legte. Die Phönizier erfanden erstmals Buchstaben, die jeweils einem Laut entsprachen. So wurden die umständlichen Hieroglyphen der Ägypter, aber auch die ugaritische Keilschrift ersetzt. Seefahrer und Kaufleute verbreiteten diese bahnbrechende Erfindung in aller Welt. Basierend auf diesen Buchstaben entstanden neue Alphabete, darunter auch das hebräische, griechische und das arabische. Um 1450 ermöglichte Johannes Gutenberg mit seiner Erfindung – dem Buchdruck mit beweglichen Lettern – unzähligen Menschen den Zugang zu Informationen. Er druckte die Bibel in Serie als Bücher noch zu den Luxusgütern zählten.

Die Glaubens-Schnitzeljagd

Die Religion als Vorreiter der Moderne: Ein Blick in die Bibel überrascht ebenfalls. Die dort vermeintlich vorherrschende Steinzeit, der miefige Geruch und das abgegriffene Papier, das sich mehr nach Stoff als Papier anfühlt. Wer nun aber glaubt, dass das Christentum den Einstieg in die Moderne verpasst hat, der irrt. Zwar finden wir noch keine Codes in der Bibel (und das ist keine Anspielung auf den Film), dafür aber Spiele zum Herunterladen im Internet. Der „bibellesebund“  etwa hat sich eine Art Schnitzeljagd ausgedacht. Die sechs QR-Codes zum Ausdrucken werden an verschiedenen Stationen angebracht. Die Kinder suchen diese auf und scannen den Code ein. Ihnen wird daraufhin ein kleiner Teil der Bibel nähergebracht. Als oberstes Ziel gilt es, ein Wort mit sechs Buchstaben zusammenzutragen. Jeder gefundene Code verspricht einen weiteren Buchstaben.

Der ehemalige Gemeindepfarrer Christoph Scheytt aus Ulm (Donau) ist der Meinung, dass alles, was die Verbreitung dieser Inhalte erleichtert, positiv gesehen werden muss.

Gott und das Smartphone

Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch, allen voran der Koran mit seinen QR-Codes. Aber auch die Bibel wird digitaler, denn das sei schließlich die Fortsetzung der Verbreitung christlichen Glaubens, nur eben auf moderne Weise, so Scheytt. Die evangelische Kirche entwickelt zum Beispiel derzeit eine Gesangbuch-App. Die App soll dann sogar in der Lage sein, das Vorsummen einer Melodie zu verstehen, um anschließend den passenden Liedtext herauszusuchen. „Mit der Digitalisierung ist auch ein Potenzial geschaffen, Jugendliche eher für den Glauben zu gewinnen, da sie von klein auf mit digitalen Medien vertraut sind“, meint der ehemalige Pfarrer. Den Beleg dafür findet er auch in der Bibel selbst und zitiert den Missionsbefehl durch Jesus (Markus 16, Vers 15): „Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“

Der Code im Koran

Und weshalb nun dieser QR-Code im Koran? Die junge Muslima Efdal Nur Tugrul von der islamischen Gemeinschaft Jama’at-un Nur e.V. Hannover meint: „Kinder machen das gerne, weil sie sowieso viel mit dem Handy machen. Aber gerade für ältere Personen ist es eine gute Sache, weil die oft Mühe haben, das Gedruckte zu lesen. So können sie sich zurücklehnen und sich die Seiten vorlesen lassen.“

Was wirklich zählt!

Ob nun durch das digitale Angebot mehr Menschen zu einem Glauben finden oder ob es Religionen in Zukunft überhaupt noch geben wird, weil sie als mögliche Nährböden für Konflikte gelten, sei mal dahingestellt. Was es aber zeigt ist, dass die Digitalisierung längst bei all unseren Religionen angekommen ist. Damit haben wir die Möglichkeit, ohne großen Aufwand, auch in unbekannte Religionen einzutauchen. Von der Steinzeit bis heute – was haben wir gelernt? Die Sprache und auch die Art der Kommunikation hat sich seit jeher gewandelt. Eines ist aber abzusehen: Fortschritt in der Kommunikation bedeutet auch immer, mehr Verständnis füreinander.