Schritt für Schritt – Eine Routineoperation verändert ein Leben.  

Horst Werner Straßburg steht im Licht durchflutetem Wohnzimmer seiner Doppelhaushälfte in Hude und starrt ziellos auf den nagelneuen schwarzen Rollator, an dem er sich festhalten muss um nicht umzufallen Er kann es immer noch nicht fassen. Nach vier Monaten in der Reha ist er weiterhin auf Hilfsmittel angewiesen. Geräte die ihm dabei helfen, wieder zu gehen. Mobil zu sein. Unter der Treppe steht noch der Sportwagen unter den Rollstühlen. Metallic braun mit Chromrädern. Eine scharlachrote Krücke lehnt ebenfalls daneben.  

Das Gefühl für seinen Körper fehlt ihm. Es ist einfach weg. Seine Beine wollen nicht mehr, wie er will. Ein missglückten OP am Spinalkanal, schädigte seine Nerven. Die Operation dauerte nur eine halbe Stunde, ließ ihn aber um Jahre altern.

Die Spinale Stenose bezeichnet eine Verengung des Wirbelkanals und tritt häufig im Bereich der Lendenwirbelsäule auf. Viele ältere Menschen sind davon betroffen. So wie Werner, der mit seinen 81 Jahren genau in diese Altersspanne fällt. Er muss seine Beine jetzt förmlich zwingen ihn zu tragen. Letztes Jahr um diese Zeit war noch alles anders. Es gab kleinere Wehwehchen, aber wenn er jetzt länger sitzt und dann aufstehen will, muss er sich mit den Händen abdrücken und schwingt dabei immer wieder vor und zurück. Um genügend Schwung zu bekommen um aufzustehen. Wenn er es geschafft hat sich aufzustellen, müssen sich seine Gliedmaßen erst eingewöhnen und er bleibt einige Minuten auf einer Stelle stehen. Die Arme von sich gestreckt um das Gleichgewicht zu halten. Wie ein Trapezkünstler, der 10 Meter über den Boden auf einem Drahtseil balanciert. Nur das er kein Trapezkünstler ist und auf dem harten Boden der Realität keinen Halt findet.

„Es ist schon vorgekommen, dass ich umgefallen bin weil meine Beine weggeknickt sind und ich eine Stunde auf dem Boden lag weil ich es nicht geschafft habe, wieder von alleine hochzukommen“, sagt Straßburg und streicht sich dabei abwesend über seine raspelkurzen weißen Haare. Frau und Stieftochter sind vormittags unterwegs und er will nicht bemuttert werden, will auch was alleine schaffen. Werner stellt sich selber Aufgaben am Tag, bei dem ihm niemand helfen soll. Er räumt den Frühstückstisch eigenständig ab. Außerdem darf niemand anderes den Geschirrspüler ausräumen. Er stellt Tassen und Gläser dabei auf seinem Rollator ab, und geht dann im Schneckentempo zu den verschiedenen Schränken die über zwei Räume verteilt sind.

Es gibt gute und schlechte Tage. Tage an denen er nur auf dem Sofa liegt und den ganzen Tag döst weil er von den Schmerzmitteln so müde wird. Aber auch Tage an denen er drei Stunden mit dem Familienhund unterwegs ist. Langsamer als früher. Aber er schafft es, dem auch etwas in die Jahre gekommenen Labrador zu folgen.

Ob er jemals wieder ohne Probleme und Schmerzen gehen kann, weiß niemand genau. Werner lässt sich förmlich auf das Sofa plumpsen und starrt weiter nach draußen. Er ballt die Hände, presst sie unter seine Augen und baut mit den Fäusten einen Damm gegen die Tränen.

Von Julia Fehn

[ssba]