„Rap ist ein Integrationsmotor sondergleichen“

Jan Böhmermann, Kollegah, Moritz Bleibtreu, Macklemore und Unzählige mehr: Roozbeh Farhangmehr, besser bekannt als Rooz Lee, hatte sie alle vor der Kamera. Als Reporter für das bekannte Onlinemagazin „Hiphop.de“ hat er nahezu jeden deutschen Rapper interviewt. Außerdem lädt er sich für seinen eigenen YouTube-Kanal prominente Gesichter abseits der Rap-Branche ein.

Mit seiner chaotisch-humorvollen Interviewführung schaffte er es in der Szene zu einem Kultstatus, millionenfach geklickten Videos und knapp 260.000 „Likes“ auf Facebook. Im Interview spricht der gebürtige Iraner, der Sozial- und Kommunikationswissenschaften studiert hat, über die ewig andauernde Flüchtlingsdebatte, seine eigene Flucht, die wahren Sprachvermittler Deutschlands und warum er sich wünscht, dass die Menschen in einhundert Jahren über uns lachen werden.

Als du sechs Jahre alt warst, ist deine Familie aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Inwieweit lässt sich die damalige Situation mit der nach wie vor aktuellen Flüchtlingsthematik vergleichen?

Saddam Hussein war damals der Machthaber im Irak und verübte Angriffe auf den Iran. Da meine Familie relativ nahe an der Grenze lebte, war schnell klar, dass wir fliehen müssen. Der Unterschied zur heutigen Situation in beispielsweise Syrien war, dass wir in den Osten Irans hätten fliehen können, da nicht das ganze Land betroffen war. Jedoch wusste niemand, wie sich der Krieg entwickelt. Zudem wäre mein sehr pazifistischer Vater als Soldat rekrutiert worden. Ich floh mit meiner Mutter und meinem Bruder 1986 nach Deutschland, was bis heute ein hohes Ansehen im Iran genießt. Wir entschieden uns ohne sonderliches Wissen über die damalige Länderteilung für Westdeutschland und landeten schließlich in Essen. Mein Vater war bereits ein Jahr zuvor geflohen, um dem erwähnten Militär zu entgehen. Es dauerte einige Monate, bis wir ihn wiederfanden.

Du bist hauptsächlich in der deutschen Rapszene zu Hause, die inzwischen extrem erfolgreich und multikulturell ist. Inwiefern kann Rap auf unsere Jugend integrativ wirken?

Rap ist ein Integrationsmotor sondergleichen. Kein Politiker oder Deutschlehrer konnte der Jugend die deutsche Sprache jemals so nahe bringen wie Kollegah, Kool Savas und Co. Die etlichen Wortspiele erfordern eine gewisse Intelligenz und die Fans, von Hauptschule bis Gymnasium, sind motiviert, die sprachlichen Bilder zu verstehen. Außerdem spornen Rapper die jungen Leute aus ihrer Heimat an, es in Deutschland schaffen zu wollen.

 „Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen, mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?“ – In einem Videobeitrag hast du gesagt, dass diese Textzeile von K.I.Z aus dem Song „Boom Boom Boom“ die Flüchtlingsdebatte überflüssig macht. Warum?

Im Grunde spricht diese Zeile für sich. Niemand verlässt seine Heimat, um Drogen zu verkaufen. In erster Linie wollen die Flüchtlinge ihr Leben verbessern. Man muss dazu sagen, dass die meisten der nach Deutschland flüchtenden Syrer keine armen Menschen sind. Die können sich die Flucht leisten. Es gibt durchaus Leute, die sich als Flüchtlinge ausgeben, während ihres Asylverfahrens kriminell werden und bei einer möglichen Ablehnung des Antrags in das nächste Land ziehen. Die betreiben quasi Zeitarbeit. Das lässt sich allerdings nicht pauschalisieren.

Wagen wir einen kleinen Ausblick: Das Flüchtlingsthema wird sich ungewiss weiterentwickeln. Denkst du, es wird uns auch öffentlich beschäftigen?

Die Flüchtlinge stehen so schlecht da wie schon lange nicht mehr, obwohl der Großteil von ihnen nichts dafür kann. Das betrifft generell die Leute mit Migrationshintergrund in Deutschland. Ich bin seit Jahrzehnten ein Teil dieser Gesellschaft und darf nicht einmal die Verspätungen der Bahn kritisieren. Dann heißt es: „Geh‘ doch in dein Land zurück!“ Wir dürfen uns auf keinen Fall dem Druck der rechten Bewegungen hingeben. Entsprechende Gesetzesänderungen würden die Freiheit aller beschränken. Wenn man über derartige Ansichten nachdenkt, kann ich nur hoffen, dass die Menschen in einhundert Jahren über uns lachen werden. Darüber, dass wir uns wegen Grenzen und beanspruchten Ländern umgebracht haben. Das ist nicht mehr zeitgemäß, weshalb ich mit einem Zitat von Albert Einstein abschließe: „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Von Jonas Lindemann

Beitragsbild: http://hiphop.de/node/279525

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