Porno wird Club-tauglich

Die Hauptstädter haben ein neues Hobby – vulgär und schamlos geht es zur Sache. Der Spaß heißt Porno-Karaoke. Ob witzige Dialoge oder Lustschreie – jeder Teilnehmer auf der Porno-Couch kann seiner Phantasie freien Lauf lassen.

„Die haben Irgendwas genommen und sind drauf hängen geblieben“, so werden die beiden Moderatoren und Veranstalter des Abends, Sebastian und Meisel, auf die Bühne gerufen. Sebastian begrüßt das Publikum: „Sabbernde, Milfs, Gays, Normalos, Freaks und Super-Freaks! Für alles was jetzt passiert, heute hier in den nächsten 2 Stunden, möchte ich mich im Vorhinein entschuldigen. Der Zutritt ist auf eigene Gefahr.“ Sebastian trägt eine rote Zirkusdirektor-Jacke, eine knallblaue Hose, ein rotes Barett auf dem Kopf und eine Sonnenbrille auf der Nase. In seinem Hosenschlitz hängt ein hautfarbenes nacktes Hühnchen aus Gummi. Er hat seine braunen, schulterlangen zerzausten Haare zu einem Zopf gebunden. Meisel ist mit rhythmischen Bewegungen an einer Gummipuppe zu Gange. Auf dem Kopf trägt er eine schwarze Feinstrumpfhose, aus der offenen Hose ragt der weiße behaarte Bierbauch hervor, die Socken sind bis zu den Knien hoch gezogen. Minutenlang gibt er stumpfsinniges Stöhnen zum Besten, dann zieht er plötzlich seine Hose runter und streckt den Zuschauern seinen Hintern entgegen. Das Publikum johlt.

Seit zwei Jahren veranstaltet die Agentur „Hektik Events“ jeden Monat im „Cosmic Kaspar“ in Berlin-Mitte das Spektakel Porno-Karaoke. 90-sekündige Ausschnitte aus Pornos sind auf stumm geschaltet und müssen von den Teilnehmern auf der „Porno-Couch“ synchronisiert werden. Heute werden nur Retro-Pornos aus den 60er bis 80er Jahren gezeigt. Die insgesamt 70 bis 80 Gäste im Publikum entscheiden per „Applausometer“ über den Gewinner jeder Runde, der sich über Freibier freuen darf.

Zur Einstimmung flimmert der animierte „Schlangemann-Porno“ über die Leinwand. Die gut gebaute „Ken“-Puppe macht sich mit einem Riesenpenis an „Barbie“ zu schaffen, sein überdimensionales bestes Stück reicht bis auf den Fußboden. Praktisch setzt es „Ken“ im Alltag ein, als Teppichklopfer, Staubsauger oder Tennisschläger. „Oh Schlangemann“, ruft „Barbie“ immer wieder entzückt. Das Publikum lacht schallend über den Humor.
Es ist heiß geworden in der kleinen engen Kellerbar, stickiger Zigarettenrauch hängt in der Luft, es gibt keine Fenster. Das wenige Licht  im Raum entsteht lediglich durch zwei Notausgangslampen und einige rote und weiße Lämpchen, die hinter kleinen geschnitzten Verkleidungen an der Wand hervor strahlen. Die Bühne ist durch dezentes rosa-rotes Scheinwerferlicht schwach beleuchtet. An den schwarzen Wänden hängt  eine Gummipuppe, eine zweite liegt mit dem Rücken auf dem Fußboden. Meisel hat ihr eine grüne Bierflasche zwischen die Beine gesteckt. Auf der Bühne sind beige und braune Sitzkissen verteilt, auf denen es sich 30 bis 40 Zuschauer gemütlich machen. Das restliche Publikum steht dicht gedrängt dahinter. Direkt vor den sitzenden Zuschauern steht die alte braun karierte „Porno-Couch“. Es ist kaum noch Platz auf der Bühne. Der schmuddelige lila Teppich, der den Fußboden bedeckt, lag früher in Sebastians Schlafzimmer und hat für ihn daher einen „wirklich angehauchten Porno-Touch.“

Unter lauten Jubelrufen werden die Teilnehmer von Sebastian und Meisel auf die Bühne gerufen. „Ich bringe Gurken zum Platzen. Sie haben sogar eine Vorhaut, mhhh“, synchronisiert „Irish Cock“ mit hochgestellter piepsiger Frauenstimme. Er hat das Mikro dicht vor die Lippen gepresst, während auf der Leinwand zwei junge vollbusige Blondinen in leichter grüner Unterwäsche voller Freude auf froschgrünen Luftballons hopsen und versuchen, diese zum Platzen zu bringen. Er wirkt entspannt und stützt die Arme locker auf seine weit auseinander gestellten Beine. „Irish Cock“ weiß was er tut, denn er ist seit der Geburtsstunde von „Hektiks Porno-Karaoke“ vor zwei Jahren dabei. „Es war extrem lustig am Anfang und wir fanden es einfach so stumpf und vulgär. Das ist genau unser Ding. Seitdem haben wir immer mitgemacht, weil es uns so geflasht hat“, lacht „Irish Cock“, der eigentlich Niklas heißt und Politikwissenschaften und Russisch studiert.

Niklas ist einer der typischen „Mitte-People“, wie Sebastian und Meisel ihre Zuschauer und Teilnehmer aus „Berlin-Mitte“ humorvoll beschreiben – abwechslungsreich und bunt gemischt aller Altersklassen. Der Großteil ist zwischen 20 und 35, alle in Jeans, T-Shirt  und Turnschuhen leger gekleidet. Die meisten sitzen gemütlich im Schneidersitz auf den Kissen, einige angelehnt auf einer kleinen Couch auf der rechten Seite der Bühne. Fast alle halten ein gefülltes Bier- oder Cocktailglas in ihren Händen. Tausende bunte Konfetti-Schnipsel – rot, grün, blau und gelb – liegen auf dem Boden oder bedecken Kleidung und Haare der Zuschauer. Meisel hat, freudig wie ein kleines Kind, eine ganze Tüte über die Leute verteilt.
Durch ihn ist die Idee zum Porno-Karaoke überhaupt erst entstanden: „Ich bin nämlich ein Wichser und habe 1000 Pornos angeschaut. Daher kam die Idee, das mal zu synchronisieren. Der Ton von meinem Laptop war ausgefallen, da habe ich 1000 Mal dagegen geklopft, dann musste ich selber stöhnen“.

„Melody“ kann ihren Auftritt kaum erwarten und springt vorfreudig auf die Porno-Couch, auf der sie sich sichtlich wohlfühlt. Die blonde junge Frau Mitte 20 hüpft aufgedreht hin und her. Ihr leichtes Lallen deutet auf einen gewissen Alkoholpegel hin, sie strahlt über das ganze Gesicht, ihre Augen leuchten. Das Publikum zählt von fünf abwärts und der Porno beginnt. „Ihhh ist das eklig. Ist das Honig oder was?“, schmettert sie lauthals ins Mikro. Auf der Leinwand schmiert ein Clown mit roter Perücke und Nase eine nackte brünette Frau mit reichlich Öl ein. „Das ist Silikon. Das ist Klebstoff Baby, das gefällt dir in zwei Stunden besonders“, erwidert Moderator Sebastian mit verzerrter künstlicher Stimme, die wie eine alte Hexe klingt. Er synchronisiert auf Wunsch der Zuschauer den farbenfrohen Clown. Das Publikum bejubelt die lustige Aussprache. „Kleeeeebstoff, mhhh glack glack glack glack glack. Lalalala“, gibt Sebastian zum Besten, während der Clown die Pobacken der Frau immer wieder aneinander klatscht. Dann folgt ausgiebiges Stöhnen. „Melody“ ist zum ersten Mal dabei. Ihre Aufregung auf der Bühne hält sich dank ausreichend Whiskey-Cola in Grenzen, gesteht sie überdreht und kichernd.

Der Alkoholpegel steigt. In dem rauchigen Keller wird es heiß, das Publikum hat zunehmend Schweißperlen auf der Stirn. Ein Tablett mit grünem Pfefferminz- und dunkelrotem Kirschschnaps wird herumgereicht. Die Zuschauer prosten den Moderatoren lauthals zu.

Dann kommt der „Commander“ auf die Bühne: blonde Haare, rot-schwarz kariertes Hemd, dunkelblaue Jeans und Turnschuhe. Lässig und entspannt lässt er sich auf die Couch fallen. Er synchronisiert einen Mafia-Boss mit „Vokuhila“-Frisur, Schnauzbart, Sonnenbrille und Koks-Tütchen in der Hand. Hemmungslos und mit stark berlinerischem Akzent legt er los: „Du schmeckst richtig gut, so nach Pflaume. Oh und du bist ja schon ganz feucht.“ Seine Mafiabraut „Priscilla“, im Porno mit blonder Dauerwelle und glänzender roter Lackunterwäsche, erwidert etwas schüchtern und mit leicht verhaltener Stimme: „Ne, das ist Muschi-Schweiß“, während es im Porno auf der Leinwand schon heiß hergeht. Das Publikum kann sich vor Lachen kaum noch halten. „Muschi-Schweiß macht Zähne weiß, weißte ja. Ich leck‘ dich jetzt mal so richtig sauber.“ Der „Commander“ schaut überzeugt ins Publikum und genießt Anerkennung für den Witz, der durch ein lautes „Applausometer“ gewürdigt wird. Eigentlich heißt er Philipp und ist genauso wie „Melody“ zum ersten Mal dabei. Eine Schamgrenze habe er nicht, berichtet er nach seinem Auftritt stolz.

Von Antonia Eller

 



 

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