Plötzlich sehe ich die Welt aus anderen Augen

„Herr Kolldorf, ich kann nicht erkennen, was für Zahlen da stehen.“ Richie ist irritiert. Er runzelt die Stirn, kneift seine Augen immer wieder zusammen, doch verändern tut sich nichts. Eine erklärende Antwort kann ihm der Lehrer nicht geben: „Ich komme gleich zu dir, dann gehen wir die Aufgabe gemeinsam durch.“

Es drehen sich ein paar Schüler um und beobachten ihn neugierig. Richie wendet den Blick nun von der Tafel ab und schaut auf sein Heft. Den Rest der Stunde lässt er den Kopf gesenkt und schaut nicht mehr zurück an die Tafel. Er wusste nicht, dass er dies vielleicht nie wieder tun würde.

„Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Ich habe mich gefragt, wieso ich genau jetzt nicht mehr erkenne was da steht. Wieso das im Unterricht passieren muss, während alle anderen mich beobachten. Die waren ja eh schon neugierig, was aus mir geworden ist, weil ich so lange nicht da war. Ich wollte nur schnell nach Hause. Die Ärzte erklärten mir zwar, dass ich blind werde, aber, als ich dann wirklich das erste Mal eine Veränderung bemerkt habe, war das schon echt eigenartig!“

Der Tag beginnt. Richie sitzt auf dem schwarzen Ledersofa im Wohnzimmer, hat eine Tasse Kaffee in der Hand und tippt mit der anderen auf seinem Oberschenkel fix hin und her. Am Haaransatz ist von einem zum anderen Ohr eine lange Narbe zu erkennen. Sein Blick ist gesenkt. Dann schaut er hoch und seine Augen bewegen sich rasch in unbestimmbare Richtungen.

Mit 14 Jahren ist Richie nach Schulschluss zum Bus gerannt. Er war spät dran und beeilte sich. Der Fahrer übersah ihn und er prallte gegen den Bus. Nach einer Routine-Untersuchung im Krankenhaus schickten ihn die Ärzte mit der Diagnose „Es sei eine Gehirnerschütterung und er müsse sich nur ein paar Tage erholen.“ nach Hause. Nach zwei Tagen ging er mit seinen Geschwistern draußen spielen und kippte um. Eine Blutung war Folge des Busaufpralls und floss ganze zwei Tage durch sein Gehirn. Nach einer heiklen Operation und zwei Monaten im künstlichen Koma, ist die Blindheit eines der Folgeschäden.

Heute ist Mobilitätstraining dran. Richie hat schon vieles ausprobiert. Blindenschulen, Reha-Kliniken, alles Mögliche, das ihm das Blindsein vereinfachen soll. Beim Mobilitätstraining lernt er seine Umgebung besser kennen, er lernt, wie er sich alleine fortbewegen kann, wie er am besten hinfällt oder wie er sich gegen Passanten wehrt.

Bisher gefällt ihm das am besten: „Es macht Spaß und ich kann mich auch mal ohne Mama oder Papi fortbewegen. Das nervt manchmal. Ich bin ja kein Kind mehr.“ Er lacht laut. Er steht auf und geht in sein Zimmer. Die Wege in der Wohnung kennt er gut. „Man gewöhnt sich an alles. Deshalb weiß ich auch, wo alles steht oder wo ich hinmuss.“ Er greift nach seiner Tasche. Die ist schon fertiggepackt. „Das hat Mama vorhin schon gemacht.“

Seine Mutter Agnes, steht im Türrahmen und beobachtet, ob er alles mitnimmt. „Er weiß zwar auch selber, was einzupacken ist, aber ich gehe da trotzdem gerne auf Nummer sicher. Vor allem dann, wenn er allein unterwegs ist.“

Es klingelt. Richie geht zur Tür. Ein Bein zieht er etwas hinter sich her, weil er es nicht mehr richtig strecken oder beugen kann. Diese Behinderung ist auch eine Folge des Unfalls. Allein geht er die Treppe Richtung Straße hinunter. Dort steht ein Taxifahrer und hilft ihm ins Auto einzusteigen.  Diesen Teil lässt ihn seine Familie mittlerweile alleine gehen. Früher war es anders. Früher wurde Richie auf Schritt und Tritt begleitet. „Alle hatten Angst, dass ich irgendwo gegen laufe oder hinfalle. Das durfte nicht passieren, weil mein Kopf seit meinem Unfall total empfindlich ist. Besonders um meine Narbe rum.“

Den Kopf richtet er nach links, als würde er aus dem Fenster schauen. Dann singt er zu der Radiomusik mit. „Na ja, ich freue mich, dass ich jetzt wenigstens schon paar Dinge alleine machen kann und darf. Und sich nicht jeder gleich Sorgen macht wenn ich zum Beispiel duschen gehe. Das hat aber auch echt die 13 Jahre gedauert. So was braucht Zeit.“ Er grinst. Sein Kopf bewegt sich zu der Musik.

„Das Taxi bringt mich jetzt zum Treffpunkt mit meiner Trainerin. Heute treffen Frau Laudi und ich uns am Bremer Hauptbahnhof. Es ist immer viel los und die meisten achten nicht auf Blinde. Es ist egal ob ich das Zeichen an meiner Jacke trage oder meinen Blindenstock in der Hand habe. Das sehen die meisten nicht.“

Frau Laudi wartet am Haupteingang und begrüßt Richie mit einer Umarmung. Heute zeigt sie ihm das Bus fahren. Gemeinsam gehen sie den Weg vom Eingang bis zur richtigen Bushaltestelle ab. Sie stoppen an ein paar Punkten, an denen er sich orientieren soll. Dann geht er allein und Frau Laudi beobachtet alles aus dem Hintergrund.

Ganz langsam geht Richie los. Mit seinem Blindenstock tastet er sich seinen Weg frei. Dann stolpert ein Mann über den Stock. Richie zuckt leicht zusammen und bleibt stehen. „Entschuldigung! Das habe ich nicht gesehen!“ Die Augen des Mannes sind plötzlich ganz groß. Er bleibt kurz stehen, geht dann aber vorsichtig weiter. An der Haltestelle wartet Frau Laudi auf ihn: „Das hast du richtig gut gemacht, Richie! Es kann immer mal passieren, dass dir wer in die Quere kommt. Aber behalte einfach deinen Weg. Die anderen passen sich dann schon an.“ Richie atmet etwas schneller und grinst dabei.

„Du nimmst jetzt den Bus und steigst an der ‚Dohlenstraße’ aus. Da wartet dann deine Mutter auf dich, ja?“ „Jo, das kriege ich hin!“ Er geht direkt drauf los. Er hält sich an der Bustür fest und steigt mit einem Bein ein. Das andere hebt er zittrig hinterher. Der Bus ist voll. Eine ältere Dame wird auf ihn aufmerksam und bietet ihm sofort ihren Sitzplatz an. Richie bedankt und setzt sich. Dann holt er tief Luft. Eine Haltestelle vor seiner steht er auf und tastet sich zur Bustür. An der Haltestelle ‚Dohlenstraße’ wartet seine Mutter bereits. Der Bus hält und Richie steigt aus. Agnes nimmt ihn entgegen.

„Siehst du Mama! Ich kann auch ohne dich in die Stadt fahren! Er grinst über beide Ohren und hält sich am Oberarm seiner Mutter fest. Dann gehen sie los. Das Grinsen hält den Spaziergang an. Zu Hause angekommen setzt er sich in einen großen alten Sessel auf dem Balkon. Er schließt die Augen, atmet tief ein. „Das war richtig cool! Das macht mir immer richtig Mut, wenn so was klappt. Ich kann bald ganz alleine unterwegs sein. Dann kann ich zum Beispiel auch mal alleine nach Hannover oder nach Hamburg fahren. Dann muss mich nicht immer jemand bringen.“

Die Hauskatze ‚Milly’ springt auf seinen Schoß und schnurrt. Er streichelt und krault sie. „Zu Anfang war das alles so schwer für mich. Für uns alle! Vor allem dann, wenn man sich noch an so vieles erinnert. Ich habe so viele Bilder im Kopf. Ich erinnere mich zum Beispiel noch ziemlich gut an Farben. An Rot, rote Rosen und rote Luftballons vom Geburtstag! An Gelb. Gelb ist wie die Sonne. Grün ist so grün, wie Rasen der aber im Herbst und Winter braun ist. Das weiß ich noch. Und Blau ist Wasser oder wie der Himmel, wenn wir schönes Wetter haben!“ Er lächelt.

„Und sehr gut erinnere ich mich daran, wie meine Familie aussah. Mama war klein und etwas dicker aber jetzt bemerke ich, dass sie abgenommen hat. Und George, mein Bruder, der war früher einfach mein kleiner Bruder. Jetzt ist er viel größer als ich. Und wesentlicher breiter auch. Von den Muskeln kann er mir ruhig etwas abgeben.“ Er lacht. „Und meine Schwestern sind auch beide größer als ich. Jetzt bin ich der Kleinste hier.“ Er lacht wieder. „Aber der Witzigste bin immer noch ich!“ Wieder tippt er mit den Fingern auf seinen Oberschenkeln hin und her. Während er redet bewegen sich seine Augen wieder rasch.

„Das Kapitel Unfall ist für mich abgeschlossen. Ich habe keinen Grund den ganzen Tag deprimiert zu sein. Ich bin ja trotzdem da und kann so gut es geht alles machen, was ich möchte! Und ich möchte immer immer immer mehr. Ich will DJ werden! Musik liegt mir im Blut und ich habe ein echt gutes Gefühl dafür! Und wer weiß, vielleicht werde ich ja Germanys Next Topmodel 2016.“ Er grinst. …

Von Claudia Auerbach

[ssba]