Ohne Heim kein Heimweh?

Wonach hat ein Obdachloser Heimweh? Christian Müller hat weder Job noch Wohnung und beschreibt seine Sehnsucht nach Heimat. Der 52-Jährige erzählt seine Geschichte und erklärt, wie der Wunsch nach Freiheit sein Heimweh bestimmt.

„Es gibt Orte, wo ich mich heimisch fühle, wo mein Herz sagt: Hier kannst du es gut aushalten.“ Das Männerwohnheim in Hannover, in dem Christian Müller lebt, gehört nicht dazu. Es ist Herbst. Der 52-Jährige geht in kurzer Hose und T-Shirt über den Innenhof des Geländes, vorbei an einer Gruppe von Mitbewohnern. „Mir fehlt auf vier Ebenen der Bezug zu den Leuten hier. Ich trinke keinen Alkohol, ich rauche nicht mehr, nehme keine Drogen und hatte noch nie Probleme mit der Polizei.“ Freudlos zeigt er im Vorbeigehen auf die Fenster seiner Wohnung.

Im Heim bekommen die Bewohner 140 Euro Taschengeld und werden mit Essen versorgt. Müller hat hier ein Dach über dem Kopf und ein Bett, ein Zuhause ist es aber nicht geworden. „Frühstücken, irgendwelchen Kram machen, Mittagessen kochen, vielleicht mal schlafen.“ So beschreibt er seinen Alltag. Er sei unterfordert und eingeengt, sagt Müller: „Und wenn ich mich nicht wohl fühle, bin ich nicht zu Hause.“

Müller wohnt seit drei Jahren in dem Heim, davor hat er in Köln gelebt. Neun harte Monate auf der Straße, wegen einer gescheiterten Geschäftsidee. Er atmet tief ein und erinnert sich an diese Zeit: „Es war nicht einfach. Ich hatte mir ein paar Tankstellen gesucht und gefragt, ob ich da ab und zu mal duschen kann.“ Mit seinem letzten Geld fuhr Müller nach Hannover und wurde an das Wohnheim vermittelt. „Auf dem Bett lag ein kleines Beutelchen mit Gummibärchen“, erinnert er sich. „Wie dieser kleine Beutel einen zum Heulen bringen kann, ist schon irre.“ Mitgefühl kannte er von der Straße nicht mehr.

Seine Eltern und sein Bruder sind bereits verstorben. Aus seinem früheren Leben sind ihm nur zwei Freunde geblieben, einer in Köln und einer im Saarland. Müller besucht die beiden sooft es nur geht. Er genießt die Zeit außerhalb des Heims: „Ich sage immer: Augen, Nase, Lunge durchlüften – ganz wichtig.“

Christian Müller wünscht sich einen Job und „ein geregeltes Einkommen, das es einem ermöglicht, am Wochenende mal abzuhauen.“ Er möchte wieder Freiheit leben und erleben, es ist das Heimweh nach Selbstbestimmung, das ihn oft um den Verstand bringt: „Ich musste mir keine Gedanken machen über den Füllstand des Kühlschranks, den Füllstand des Tanks und den Füllstand des Bankkontos. Es war immer was da.“

Von Timo Poltrock

Foto: Julia Schaefer

[ssba]