Nur der Spaß zählt

Freitag, 10 Uhr, hunderte Menschen strömen auf das Gelände der HDI-Arena am Maschsee in Hannover. Im Sportleistungszentrum um die Ecke ist es bereits laut, überfüllt von Sportlern und Zuschauern der Special Olympics. Boccia-Spieler Ümüt ist in seinem Element. 

Inmitten der Halle auf vier schmalen, hintereinanderliegenden Bahnen, stehen Männer und Frauen in bunten Trikots und lassen Kugeln rollen. Sie spielen Boccia.

Boccia ist die italienische Variante des Boule-Spiels und in Deutschland eher weniger bekannt. Seit 1984 ist Boccia eine anerkannte paralympische Sportart. Dabei geht es, wie beim Freizeitsport Boule, darum, die eigene Kugel möglichst nah an eine kleinere Zielkugel, auch Pallino genannt, zu stoßen. Die Zielkugel der Special Olympics ist weiß und auf dem braunen Boden der 26,5 Meter langen und 4,5 Meter breiten Bahn gut auszumachen. Direkt neben der vordersten Spielfläche steht ein junger, dunkelhaariger Mann. Ümüt spielt seit knapp sieben Jahren professionell Boccia. Er kommt aus Bremen und ist mit seinem Verein, dem PTV 1877, extra nach Hannover gereist um an den Special Olympics teilzunehmen. In den letzten zwei Tagen hat er bereits eine Gold- und eine Silbermedaille gewonnen. „Für mich zählt aber mehr der Spaß“, sagt der 33-Jährige, „Gewinnen ist Nebensache.“ Trotzdem ist er froh über seine guten Platzierungen. Ümüt ist, wie alle anderen Teilnehmer des Wettbewerbs, geistig behindert. Er stottert und braucht etwas länger um sich zu artikulieren. Doch das ist unwichtig, hier zählt nicht, wer du bist oder was du gewinnst. Hier zählen Sportsgeist und Spaß. Für Ümüt ist Boccia vor allem eins: Kopfsache. Er braucht die geistige Anstrengung, das Gefühl sich konzentrieren zu müssen. „Boccia heißt Fingerspitzengefühl“, so der Bremer. Daher sind die sportlichen Wettbewerbe für den jungen Mann geistig ziemlich anstrengend. Am letzten Veranstaltungstag ist er erschöpft, braucht eine Pause um aufzutanken. „Wenn ich Zuhause bin spiele ich erstmal kein Boccia“, erklärt der sportliche Ümüt, „Dann spiele ich Basketball, gehe Laufen oder Schwimmen.“ Nach ein paar Tagen Ablenkung geht es dann wieder zum Training mit seinem Verein. Besonders stolz ist Ümüts Mutter auf ihren erfolgreichen Sohn. Sie ist sein größter Fan, unterstützt ihn wo sie kann. Zu Wettbewerben fährt sie jedoch nie mit. „Mama kann die Spannung nicht ertragen, aber das ist okay“, erklärt ihr Sohn. Direkt nach einem Spiel umarmt er daher nicht seine Mutter, sondern seinen Trainer, die Mannschaftskollegen oder einfach den Gegner. Fairness und Toleranz werden bei den Special Olympics großgeschrieben. Jeder freut sich mit jedem, egal ob über Sieg oder Niederlage. Das ist die Philosophie der Spiele: Eine Gemeinschaft auf Augenhöhe bilden und den sportlichen Wettstreit nicht dominieren lassen. „Es gibt gute Gegner bei denen du weißt: Hier musst du zeigen, was du gelernt hast“, weiß Ümüt. Und wie geht er mit einer Niederlage um? „Man war dabei, einfach weitermachen.“

[ssba]