„Noch eben schnell“ – Von verhängnisvollen Kurzbesuchen im Supermarkt

Da bin ich nach der gefühlt längsten Arbeitswoche meines Lebens endlich auf dem Weg nach Hause, als mir einfällt, dass sich in meinem Kühlschrank noch ungefähr so viel Essbares befindet wie in der Speisekammer von Bilbo Beutlin nach dem unerwarteten Besuch von 13 hungrigen Zwergen. Also „noch eben schnell“ in den Supermarkt.

Ich sprinte durch die Gänge und staple Pizzakartons, Müslipackungen und Puddingbecher so hoch, dass ich die Spitze meines selbstkonstruierten Lebensmittelturms gerade noch mit dem Kinn fixieren kann. Ein echter Kerl braucht eben keinen Einkaufswagen. Nachdem ich im Vorbeigehen mit dem kleinen Finger noch etwas Knabberzeug aus dem Regal fische, biege ich auf die Zielgerade zu den Kassen ein. Hier zeigt sich, wie lang „noch eben schnell“ wirklich werden kann. Drei Kassen stehen zur Auswahl: links und rechts sind die Bänder voll und da sich der Turm in meinen Händen gefährlich nach vorne neigt, lasse ich meine Beute mehr oder weniger ästhetisch auf das Band der mittleren Kasse fallen. Während ich meine Puddingbecher aus der Zigarettenauslage sammle, werfe ich einen Blick auf die anderen Kunden.

Ganz vorne in der Reihe steht ein älteres Ehepaar, welches zwar längst bezahlt hat, aber noch immer mit der Kassiererin über den gestiegenen Preis von Sülze-Aufschnitten diskutiert. Nur einen Platz dahinter rangiert Großmütterchen, die sich ihre Rente angesichts des überdimensionalen Geldbeutels in ihren Händen augenscheinlich in Hartgeld hat auszahlen lassen. Ihre Sehhilfe hat sie natürlich zu Hause vergessen und so muss der junge Mann hinter ihr das Abzählen von 37,48 Euro übernehmen. „Hauptschule 2014“ ist auf der Rückseite seines Kapuzenpullovers zu lesen. Er selbst zahlt seine Dose Cola natürlich mit Karte.

Trotz alledem gelingt es auch mir letztendlich zu bezahlen. Als ich gerade damit fertig bin meine Einkäufe wieder übereinander zu stapeln, höre ich eine unheilvolle Stimme meinen Namen rufen. Resignierend drehe ich mich um und erblicke das naiv grinsende Gesicht eines entfernten Verwandten am Ende der Schlange. „Ewig nicht gesehen“, ruft er mir zu. „Warte doch kurz, dann erzähl ich dir noch eben schnell von Onkel Rüdiger.“

Von Nico Dodoo

Foto Lara Sagen

[ssba]