Neuer Blick auf alte Heimat

Spiele Touri in deiner eigenen Heimat – so der Plan! Das Ziel: Hannover aktiv erkunden, vertraut geglaubte Plätze neu entdecken und dabei auch noch Geld verdienen. Das alles ist nur ein Ikon auf deinem Smartphone entfernt.

Vor mir erhebt sich unter wolkenlosem Himmel die Oper – ein großes, prachtvolles Gebäude. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich schaue mich um: Menschenmengen, die sich auf der Freitreppe vor dem Eingang tummeln, vorbeifahrende Cabrios und verspiegelte Sonnenbrillen. Nach langer Suche, bin ich auf etwas gestoßen – die App Streetspotr! Ein Anwendung für’s Smartphone, mit der man mit Hilfe von kleinen Aufgaben, die vor Ort ausgeführt werden, seine Stadt erkunden kann und nebenbei auch noch Geld verdient. Über ein ganz normales Foto oder Video zu machen, einen Service zu bewerten bis hin zum Beschreiben einer momentanen Situation ist alles dabei.

Und hier stehe ich also, mit dem Smartphone in der Hand vor der unter blauem Himmel aufragenden Oper Hannovers. Der übersichtliche Stadtplan, der nicht nur die ‚Spots‘ anzeigt, sondern auch nahegelegene Cafés, Restaurants und sogar Bus- und Bahnstationen, zeigt mir genau an, wo ich mich gerade befinde. Spot annehmen und los gehts!

Meine erste Aufgabe besteht darin, mindestens zwei Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven der Oper zu machen. Schnell ist die hochauflösende Handy-Kamera eingeschaltet, jetzt noch frontal vor die Sehenswürdigkeit stellen und binnen Sekunden ist das Bild im Kasten. Ich spüre förmlich, wie sich die neugierigen Blicke in meinen Rücken bohren. Gerade als ich auf den Auslöser für meine zweite Aufnahme drücken will, fällt mir auf, wie detailverliebt das große Gebäude gestaltet ist. Statuen namhafter Opernkomponisten säumen das Dach des Eingangs. Ich bin hier schon mindestens 100 Mal lang gelaufen, aber die Stuckverzierungen und der Kopf aus Stein, der sich ganz oben befindet, sind mir noch nie zuvor aufgefallen. Das Gefühl, an einem vertraut geglaubten Ort etwas Neues entdeckt zu haben, breitet sich in mir aus. Ich werde gefragt, wie viele Menschen sich ungefähr am genannten Ort befinden – zwischen 70 und 100, schätze ich. Schon ist der Spot beendet, wird nun überprüft und ich bin um 1,50,- reicher.

Ich bewege mich weiter in die Richtung des nächsten Spots, der nur wenige hundert Meter entfernt liegt. Die Kröpcke Uhr, einer der wohl bekanntesten Treffpunkte der Stadt Hannover. „Mache mindestens zwei Fotos, verschiedene Perspektiven“.

Also positioniere ich mich neben der Uhr, aber nicht wie sonst immer mit dem Rücken zu ihr gewandt, wartend auf meine Verabredung, sondern frontal davor. Ein ganz anderer Blickwinkel für mich! Kurz auf den Auslöser gedrückt und die erste Aufnahme ist gemacht. Danach gehe ich ganz nah an die Uhr ran, um in den Glaskasten zu fotografieren, in dem sich eine Art Skulptur befindet: Ein Kopf, auf einer Stange befestigt. Jedoch kein normaler Kopf, es sind mehrere Gesichter, in verschiedene Richtungen schauend. Auch etwas, was mir sonst nie aufgefallen wäre. Ich probiere verschiedene Positionen aus, mal näher dran, mal weiter weg. Ein junges Pärchen dreht sich nach mir um. Wie ein Tourist fühle ich mich. Nach einem interessierten Blick wandern ihre Augen auf das Objekt meiner Begierde – die außergewöhnliche Skulptur. In kurzer Zeit sind 3 Fotos gemacht und eine weitere Aufgabe folgt.

„Beschreibe das derzeitige Wetter“ – „Wundervoll sonnig“ – abgeschickt und dieser Spot ist auch erledigt. Immer mal wieder tauchen kleine oder auch größere Aufgaben auf, manche werden bezahlt, manche nicht.

Alles in einem gefällt mir diese App wirklich gut, anfängliche Skepsis ist ziemlich schnell verflogen, außerdem bin ich sehr angetan von der übersichtlichen Gestaltung und der Markierung von allen Essenmöglichkeiten in der Umgebung. Ich habe meine Heimat ein Stück weit aktiv neu entdeckt und werde Streetspotr immer mal wiederverwenden.

Ich stecke mein Smartphone in meine Tasche, die Sonne scheint mir ins Gesicht, zufrieden bummle ich weiter durch Hannovers schöne Innenstadt.

Von Vivian Klein

Foto: Lars Mund

[ssba]