Neuer Blick auf Altbekanntes: Fotograf Uwe Stelter im Interview

Hannover ist langweilig. Hannover ist einseitig. Hannover ist nicht schön. Denkste! Ein Interview mit dem Fotografen und Workshop-Leiter Uwe Stelter.

Wer seine Liebe zu unserer Landeshauptstadt neu entfachen will, sollte einfach mal die Kamera in die Hand nehmen und losfotografieren. Denn auch an den unscheinbarsten Orten in Hannover findet man die erstaunlichsten Motive. Interact hat mit Fotograf Uwe Stelter über seine Arbeit und neue Perspektiven geredet.

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Stelter entdeckt seit 2002 mit Hannoveranern neue Blickwinkel auf ihre Heimat. Sein Projekt „Eine Stadt“ sorgt bis heute für Aufsehen. Seine Fotoreihe zeigt auf dem ersten Blick Bilder aus Paris, Barcelona, Ankara oder Atlanta. Doch auf dem zweiten Blick sind vertraute Orte aus Hannover zu erkennen.  So verbirgt sich unter dem Fototitel „London“ beispielsweise ein Bild der Leibniz Universität, das alte Welfenschloss. Ein gedachter Weltspaziergang durch Hannover, der auch noch heute von Uwe Stelter erweitert wird. Nicht selten mit einem aktuellen politischen Bezug.

Interact: Herr Stelter, im Oktober haben sie zwölf neue Fotos zu ihrer „Eine Stadt“-Reihe hinzugefügt. Was zum Beispiel steckt hinter dem Bild „Ankara“?

Uwe Stelter: „Das ist ein Blick auf das Ernst-August-Denkmal in Hannover. Eine Reiterskulptur von doch großen Ausmaßen, die ist 5 Meter groß und ist in Hannover eigentlich der Treffpunkt. Man sagt immer man trifft sich unterm Schwanz, und diese Reiterskulptur von Ernst August ist eigentlich einer der markantesten Orte, sowieso vom Bahnhof stehend, aber auch als Skulptur. Und ich habe diese Skulptur schon länger im Blick gehabt, aber bisher keine Idee gehabt, diesen Ort neu zu inszenieren. Ich hatte den Eindruck, dass das, was in autokratischen Gegenden zurzeit passiert, mit dieser herrschaftlichen Geste, die diese Skulptur verkörpert, ganz gut zusammenpasst und hab mir erlaubt, das Ganze jetzt als Ankara zu bezeichnen.“ 

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Neben seiner Arbeit als Fotograf organisiert Uwe Stelter seit 2007 regelmäßig Workshops mit dem Motto „Click&Walk“. Außer dem Willen zur Kreativität und Spaß an der Fotografie sollten die Teilnehmer  aber auch gut zu Fuß sein.

Interact: Wie können Interessierte sich die Workshops, die Sie anbieten, vorstellen?

Stelter: „Es ist ne Wanderung. Die sich über Sechs bis acht Stunden, je nachdem wie das angelegt ist, erstreckt und in der wir dann ein paar Grundzüge der Fotografie besprechen aber wo es wirklich darum geht so über einen Geh-Rhythmus in einen Fotografie-Rhythmus zu kommen und sich langsam von Bildklischees zu lösen und neue Blicke zu entwickeln.“  

Die Zielgruppe des Workshops:  Alle die Lust haben. Egal ob Jung oder Alt: Jeder (und Jede) ist willkommen, Fotografie zu erlernen und anzuwenden. Auch mit Sprachlernklassen hat Stelter schon gearbeitet. Unterschiede zwischen diesen Gruppen sieht er keine.

Interact: Gestaltet sich ihre Arbeit mit Flüchtlingen anders? Haben sie Unterschiede in der Arbeit mit den Jugendlichen wahrgenommen?

Stelter: „Jetzt haben wir ja gesellschaftlich diese Situation, dass hier tatsächlich viele Menschen aus unterschiedlichsten Ecken der Welt ankommen und auf einmal hier landen und im Grunde genommen kaum keinen Zugang zu dem was hier passiert hatten, jetzt hier sind und natürlich unsere Gegebenheiten und Oberflächen mit einem ganz anderen Blick wahrnehmen und sehen und das ist sehr spannend. Da spielt es keine Rolle ob jemand aus dem Irak, aus Syrien oder aus dem Neubaugebiet in Laatzen oder aus der Gegend der Herrenhäuser Gärten kommt. Ich nehme da keine Unterschiede war.“  

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Eine Problematik hat sich mit der Zeit trotzdem herauskristallisiert: Es ist für Stelter oft schwieriger, Personen höheren Alters zu neuen Blickwinkeln zu motivieren. Dabei stellt nicht nur die Technik eine Herausforderung dar, sondern auch festgefahrene Meinungen und Bilder im Kopf. Altbekannte Orte neu zu betrachten, fällt also manchem schwerer als gedacht. Die Ergebnisse der Workshops sind der Meinung des Fotografen nach jedoch beachtenswert.

Interact: Gibt es Dinge, die sie bei ihrer Arbeit immer wieder begeistern?

Stelter: „Aber es ist tatsächlich so , dass da immer wieder völlig interessante Blickwinkel gerade auf Motive die man so übersieht rüberkommen. Und das macht eigentlich auch das Spannende dieses Workshops aus. Auch das Spannende für mich, immer wieder mit unterschiedlichsten Leuten und damit auch unterschiedlichsten Formen die Stadt oder Landschaft oder Gegenstände zu sehen und dadurch auch immer wieder was Neues zu entdecken.“  

Von Nina Räbiger 

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