Nachts vor der Leinwand


Ständig unterwegs in seinen Bildern und in der Tiefe der Malerei, auf der Suche nach dem Unerreichbaren: Der freischaffende und in Hannover lebende Künstler Nigel Packham verarbeitet in seinen Werken seine persönlichen Eindrücke und lässt sich dabei vom Fernweh treiben.

„Das Fernweh ist eine der wichtigsten Kräfte, die einen als Künstler antreibt“, erklärt Nigel Packham während er seinen Kaffeebecher auf den kleinen Kommodentisch zwischen den beiden Sesseln im Atelier stellt. Er läuft zur Musikanlage und dreht am Lautstärkeregler. Jazz-Musik erfüllt den Raum. Plötzlich fängt der Maler an zu tanzen, verliert sich, summt und bewegt leicht seine Hüften zum Rhythmus der Musik. Es ist früher Mittag und der freischaffende Künstler hat, wie so oft, noch bis spät in die Nacht gemalt.

An seiner tiefhängenden schwarzen Haremshose kleben noch die Farbspritzer seines letzten Werkes. Das Hemd leicht zerknittert, an den Füßen gemütliche Schlappen aus Wolle. Auf dem Kopf trägt er einen dunkelgrauen Baskenhut, den Maler und Literaten schon nach dem Ersten Weltkrieg als Symbol für eine künstlerische Ader erklärten. Durch die großflächigen Panoramafenster dringt das Sonnenlicht, das einen schimmernden Schein auf die Leinwände legt. In der Luft liegt der Duft von frisch angerührter Farbe.

Für Nigel Packham ist es das Parfüm seines Lebens. Er lebt in seinem Atelier, lebt für seine Kunst. Inmitten von kleinen und großen Staffeleien, leeren und bemalten Leinwänden, einem Meer von Farben und unzähligen Pinseln, hat er sich sein eigenes Reich geschaffen. „Als Freigeist sehne ich mich immer nach dem optimalen Ausdruck für meine Kunst“, sagt der gebürtige Engländer. Das Fernweh betreffe die idealen Werte, die in den Bildern erreicht werden könnten und äußere sich im allgegenwärtigen Streben nach Perfektionismus. „In den Bildern kann ich mich in die Ferne begeben und mich dem annähern, was eigentlich unerreichbar ist“, sagt er und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen.

Seine Augen verharren an einem sehr farbenfrohen und skurrilen Gemälde. Das Bild ähnelt einem Puzzle, in dessen Einzelstücke Packham sehr viel Detail verarbeitet hat. Es ist ein Spiegelbild seiner Erfahrung. „Das hier ist zum Beispiel ein Bild, in dem ich versinken kann. Ich verliere mich darin in meiner eigenen Vergangenheit“, berichtet Packham und wirkt nachdenklich. Es zeigt die Bildungswege und -ideale von einer Generation von Männern, die als Kriegshelden aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen sind. Packham selbst kam im Jahre 1951 auf die Welt, erlebte das Ende der Nachkriegszeit und probierte verschiedene Sachen aus, bis er seine Bestimmung fand.

Früher sei er ein junger Mensch mit Reiselust gewesen, erinnert er sich. Vom Kunststudium am Hammersmith College of Art in London wechselte er zum Grafikdesign-Studium an der Ealing School of Art. Der Großstadt überdrüssig, packte er 1973 seine Sachen und machte sich auf den Weg. „Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich musste raus und mehr von der Welt sehen“, sagt er. Auf der Suche nach einem Ort, der ihm Spielraum für die eigene Entwicklung gab, wollte er quer durch Europa reisen. Er schaffte es bis Griechenland, dann kehrte er um.

In Hannover hatte er eine Wohngemeinschaft und auch eine Frau kennengelernt, die ihn als Mensch und Künstler aufnahmen. Mit in seinem Gepäck ist auch heute noch immer sein kleines Skizzenbuch, in dem er seine Eindrücke zeichnerisch festhält.

„Ich bin noch immer viel unterwegs in meinem Geist“, sagt er. Unterwegs. So lautet auch der Titel von Jack Kerouacs autobiografischen Roman, einem Untergrund-Poeten aus der Beat Generation. Kerouac berichtet in seinem Buch von seiner Reise in den fünfziger Jahren, die ihn quer durch den amerikanischen Kontinent führte. Natur, Drogen, Jazz und Sex sowie die Suche nach dem Glück und Freiheit spielen in diesem Kultbuch eine große Rolle. Packham ließ sich von Kerouacs beschriebenen Erlebnissen und der kulturellen und literarischen Bewegung der Beat-Generation, die den amerikanischen Materialismus verabscheute, mitreißen und inspirieren. „Das hat den Samen für meine Kunst gelegt. Ich habe gelernt, dass ich mich nicht sesshaft machen soll, sondern für den Geist leben möchte“, sagt er.

Einzig allein sein Leben sei die Quelle seiner Inspiration. Ganz gleich, ob eine Bildserie sich mit dem Symbolgehalt des Camel-Zigaretten-Kamels beschäftigt, ob Kneipenszenen oder Historienmalerei: Packham nimmt den Betrachter in seinen Bildern mit in die Ferne, auf eine Reise in die Welt seiner Ansichten, die er sonst nirgendwo so frei ausleben kann.

Doch was von den verarbeiteten Eindrücken bleibt, gleicht auf den ersten Blick einem bunten Chaos. Wirres Farbspiel und Verwischungen, kombiniert mit viel Detail. Der Engländer ist im Expressionismus zu Hause. Er arbeitet ausschließlich mit selbst angerührten Pigment-Acrylfarben, die durch ihre starke Leuchtkraft und ihre Transparenz seine Bilder unverkennbar machen.

Doch was gibt ihm die Kunst? Packham wird plötzlich ganz ruhig. Ein zufriedenes Lächeln legt sich auf sein Gesicht. „Alles“, antwortet er. Seine gefühlvollen Worte danach gleichen einer Liebeserklärung: „Sie gibt mir Sinn, Erfüllung, Lebensinhalt, Freiheit des Geistes und Selbstbestimmung“, betont er mit einer sanften Stimme. Sehnsüchte, die für ihn nur in der Ferne der Bilderwelt zu erreichen sind.

Von Milena Schwoge

Foto: Stella Rohrwasser

[ssba]