Nach 14 Jahren Bundesliga: Danke für die Erinnerungen, 96!

Derby gegen Braunschweig, 10.000 Fans in Kopenhagen und ein Überraschungssieg gegen Bayern: Seit dem Aufstieg 2002 ist bei Hannover 96 viel passiert. Momentan dominiert die Enttäuschung, steht der Abstieg in die zweite Liga doch bevor. Für 96-Fan Moritz Muschik Zeit, zurückzublicken und Danke zu sagen – für Erlebnisse und Emotionen.

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Christian Pander zieht aus 20 Metern ab, Luiz Gustavo fälscht den Ball ab – und die Kugel landet unhaltbar für Bayerns Keeper Manuel Neuer im Netz. Ein Moment der völligen Ekstase in der Nordkurve. Ich schreie, liege meinen Freunden in den Armen. Was für ein 2:0 gegen den Rekordmeister! Ganz nebenbei ein fantastisches Geburtstagsgeschenk. An diesem Sonntag im Oktober 2011 werde ich 16 Jahre alt.

Der 2:1-Sieg gegen die Münchener ist mittlerweile fünf Jahre her. Ich bin in der Zeit vier Jahre älter geworden – und mit Hannover ging es stark bergab. In der Saison 2011/2012 noch Bayern-Bezwinger und am Ende Siebter in der Tabelle, davor das Jahr Platz vier. Heute ist der Abstieg in die Zweitklassigkeit eigentlich nur noch rechnerisch abzuwenden. Praktisch glaubt angesichts von elf Punkten Rückstand aufs rettende Ufer keiner mehr an die Rettung bei den „Roten“.

Seit ich selber kicke, halte ich es mit 96. Und seitdem ich mich für Fußball interessiere, spielt Hannover im Oberhaus es deutschen Fußballs. Der Aufstieg in die erste Liga 2002, die Teilnahme an der Europa League und die Nominierung von Torwart Ron-Robert Zieler in den Weltmeister-Kader: In vielen Fan-Jahren hat mich der Verein mitgerissen, begeistert – und jubeln lassen. Wie weggefegt ist jetzt die Leidenschaft der Mannschaft, das Feuer der Fans, der Erfolg in der Bundesliga. Das Schlimme daran: Der Abstieg schockiert mich kaum. In den vergangenen Jahren ging es stetig bergab – der Gang in die zweite Liga ist die logische Konsequenz. Dennoch: In diesen Tagen ist es Zeit, zurückzublicken und Danke zu sagen für die vielen Momente und Erinnerungen.

So wie an diesem einen kalten Wintertag in Kopenhagen. 10.000 Hannover-Fans sind mitgereist, um das Team von Trainer Mirko Slomka in der dänischen Hauptstadt zu unterstützen. Immerhin geht es um die K.o.-Phase in der Europa League. Nach dem 0:1 durch Dame N’Doye gleicht Jan Schlaudraff in der zweiten Hälfte aus. Nur drei Minuten später dreht Lars Stindl das Spiel mit einem Traumtor – und sorgt für kollektiven Jubel auf der Tribüne hinter dem Kasten. Stindl dreht ab, hält sich seine Hand ans Ohr, als würde er telefonieren. „In Kopenhagen schellt das Telefon“: Ein Satz aus einem Fangesang, den jeder 96er allzu gut kennt. Manuel Schmiedebach eilt heran, springt dem Torschützen auf die Schultern. Beim Gedanken daran bekomme ich immer noch Gänsehaut.

Oder das Derby-Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig nur ein Jahr später. Das Spiel an sich blieb blass und ohne Tore. Aber die Atmosphäre rund um das Duell gegen den großen Rivalen war wie aufgeladen. Von unschönen Pyro-Aktionen auf den Rängen, Schmähgesängen und mäßiger fußballerischer Leistung blieb mir aber vor allem eins in Erinnerung: die große Choreographie vor dem Anpfiff in der Nordkurve. Ein Freund und ich standen mit unserer Dauerkarte im Block N4, als die riesigen Transparente über unsere Köpfe gezogen wurden. Darunter streiften wir schnell die grünen Plastik-Tüten über, die für ein stimmungsvolles Gesamtbild sorgen sollten. Nebenbei schmetterten wir gemeinsam mit zehntausenden Anhängern die Kult-Hymne „Alte Liebe“. Nächstes Jahr gibt es voraussichtlich wieder das Derby, dann aber in der zweiten Liga.

Und wir sind ganz schön herumgekommen mit dem Verein. Die Auswärtsspiele in Frankfurt, Mönchengladbach oder Freiburg waren mehr als nur Support. Es waren Tagesfahrten, Erlebnisse und tolle Eindrücke aus vielen Bundesliga-Stadien, die weit über die vergangenen Bundesliga-Jahre von 96 hinausreichen werden. Das waren mehr als nur Fußballspiele, die Unterstützung war und ist ein Teil meines Lebens. Und das wird sie bleiben. Auch in der zweiten Liga werde ich 96 die Treue halten. Dann eben gegen St. Pauli, Düsseldorf und Bochum. Denn trotz sportlicher Misere und Missständen im Verhältnis zwischen Clubführung und Fans wird sich eines nicht ändern: Die volle Identifikation mit den „Roten“.

Nach vielen Heimsiegen lief der Klassiker „Won’t Forget These Days“ von Fury in the Slaughterhouse im Stadion. Stimmt, diese Tage werde ich nicht vergessen. Danke für die Erinnerungen, Hannover 96! Hoffentlich kommen bald wieder gute dazu…

Von Moritz Muschik

[ssba]