Mit dem Riesenrad auf Deutschland-Tour

 Wo fühlt sich jemand heimisch, der ständig auf Achse ist? Klaus Wilhelm muss es wissen. Der Schausteller reist mit seinem Riesenrad durch Norddeutschland. Ein Stopp ist das Oktoberfest in Hannover.

Die Gondeltür knatscht, als der Riesenrad-Mitarbeiter im roten Pullover die Gäste bittet, einzusteigen. Das weiße Abteil wankt leicht hin und her – es geht los. Reifen bringen das riesige Rad in Bewegung. Immer weiter entfernt sich die Gondel vom Boden. Der Maschsee und das Rathaus tauchen langsam auf. Alles erscheint zum Greifen nah.

Alltag für Klaus Wilhelm. Der Schausteller ist auf Volksfesten zuhause. Da, wo das Riesenrad mit dem leuchtenden „W“ steht, ist für ihn ein Stück Heimat. Immer an einem anderen Ort. Die Route kennt der 68-Jährige. Sie führt durch Norddeutschland bis ins Erzgebirge. „Auf einigen Jahrmärkten war schon mein Vater“, zwinkert er. Paderborn, Leipzig, Oldenburg – das sind nur einige Stopps. Mehr als sieben Volksfeste pro Saison sind nicht zu bewältigen. Allein der Aufbau dauert 30 Stunden.

Die Gondel steigt und steigt. Mit jedem Meter wird der Überblick über den Schützenplatz besser. Familien, die durch geschmückte Gassen schlendern, das große Festzelt und die Crepés-Stände – von oben sieht es aus wie eine Miniaturwelt.

Hinter dem Riesenrad stehen die Wohnwagen der Schausteller. Auch der von Klaus Wilhelm. „Der Schausteller ist da, wo sein Fahrgeschäft ist“, stellt er klar. Alles, was er zum Leben braucht, hat er auf wenigen Quadratmetern. Aber wirklich heimisch fühlt er sich in Seelze. Wenn der Familienvater nicht durch Deutschland reist, kommt er gerne in seinen Geburtsort zurück. „Es ist immer ein schönes Gefühl, wieder auf den Hof zu kommen“, erzählt er. Doch nicht nur seine Frau Petra, auch seine Kinder Claus, Markus und Vivien haben sich an ein Leben auf dem Rummel gewöhnt. Sie sind dort aufgewachsen, haben bereits eigene Imbissbuden und Fahrgeschäfte.

Die Metallstangen rattern. Plötzlich bleibt die Gondel stehen. Sie schwingt leicht im Wind. Der höchste Punkt ist erreicht – fast 50 Meter über dem Boden. Ein flaues Gefühl breitet sich im Magen aus. Verwehte Stimmen sind zu hören.

Stillstand kennt Klaus Wilhelm nicht. Sein Beruf geht aus langer Familientradition hervor – seit 1871. Solange wie möglich will er seinen Job noch ausüben. Was ihn daran am meisten begeistert? „Die Atmosphäre ist toll, jeder Platz ist anders.“ In einigen Städten kennt er den Bürgermeister, in anderen so manchen Mechaniker. Manchmal entstehen Freundschaften – manchmal ein bisschen Heimat.

Langsam bewegt sich das Rad wieder. Noch drei Runden, dann ist die Gondel wieder am Boden. In ein paar Tagen steht das leuchtende „W“ still, dann ist das Oktoberfest vorbei. Aber auf Klaus Wilhelm wartet das nächste Fest. Schon bald dreht sich das Riesenrad in einer anderen Stadt.

Von Moritz Muschik

Foto: Lena Schwarze

[ssba]