„Merkur und Mond sind ziemlich konträr“

Ein mystischer Besuch bei der Star-Kartenlegerin Sylvie Kollin

 

Ein dunkler, mit Fellen und Vorhängen verhüllter Raum, der schwere Duft von Räucherstäbchen umhüllt mich. Mit diesen Klischeevorstellungen im Kopf drücke ich den Klingelknopf von Sylvie Kollin, einer professionellen Zukunftsdeuterin. Doch in der Arbeitsstätte der netten Dame mit feuerrotem Schopf fallen meine Erwartungen in sich zusammen: Weiße Wände, bunter Karoteppich und eine tickende Wanduhr im iPhone-Design.
So sieht also das schicke Apartment einer Star-Kartenlegerin im 21. Jahrhundert aus. „Hereinspaziert. Ich mach erst mal einen Kaffee“, lädt mich die warme Stimme von Sylvie ein, die seit  22 Jahren Einblicke in die Zukunft ihrer Klienten gibt. Zu denen zählen unter anderem auch Ex-Bundespräsident Christian Wulff und Schauspieler Uwe Ochsenknecht.

Bei Kaffee und Gebäck erzählt die Hannoveranerin, warum sie keine Glaskugeln oder Beschwörungen nutzt: Die Karten sind die schnelle Lösung.  „Das liegt mir einfach mehr, weil ich selbst wohl auch ein wenig schnell bin. Sobald ich in die Karten sehe, geschieht etwas in meinem Unterbewusstsein und die zukünftigen Geschehnisse werden sichtbar.“ Prompt fordert mich Sylvie auf, einen Stapel Karten gut zu mischen. Kipper-Karten heißen sie und sind, ähnlich wie Tarot, mit Bildern verschiedener Szenarien bedruckt. Mischen, auslegen, deuten. Sylvie kneift ihre knallrot geschminkten Lippen zusammen, legt die Stirn in nachdenkliche Falten und verkündet dann: „Merkur und Mond sind ziemlich konträr. Du bist also definitiv ein Kopfmensch, der allerdings viel aus dem Bauch heraus entscheidet.“

Trifft zu, ist für mich allerdings noch kein Indiz für eine übernatürliche Gabe. Die  Zukunfts-Prognose bleibt dennoch spannend: „Laut den Karten steht nächstes Jahr viel Stress für dich an, was aber später mit ausbleibenden Geldsorgen belohnt wird. Vorsicht vor falschen Freunden solltest du walten lassen, sowohl im Job, als auch privat.“ Sahnehaube ist schlussendlich die Herzdame, die es definitiv für mich gibt. Alles in allem: eine tolle Prognose! Nach einer guten Stunde intensiven Gesprächs verabschiedet mich die Kult-Kartenlegerin mit dem Ratschlag: „Das Leben ist wie eine Bahnfahrt, Dennis. Wenn die Zeit gekommen ist, bist du an der richtigen Haltestelle!“
Als ich die knarrenden Stufen im Treppenhaus herunter gehe, begleiten mich gemischte Gefühle. Daran, dass man tatsächlich in einen Dialog mit der Zukunft treten kann, glaube ich nicht. Aber Zuversicht und Selbstvertrauen sind eindeutig gesteigert nach einer solchen Sitzung. Und reicht nicht das allein aus, um alles zu schaffen, was man sich vornimmt?

Von Dennis Schmitt

Foto: Najib Alhasan

 

[ssba]