„Meine Heimat ist Hannover 96“

Zwischen Fußballklubs und ihren Anhängern besteht oft schon ein Lebenlang eine tiefe Verbundenheit. Der Klub als Lebensmittelpunkt – ein Besuch bei einem Fan des Bundesligisten Hannover 96.

„Komm, ich zeige Ihnen mein Heiligtum!“ Karl-Heinrich Hurkuck (56), kurz Hacky, führt mich in den Keller und schon die ersten Stufen hinab lassen erahnen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. An den Wänden hängen etliche Erinnerungsfotos jahrzehntelanger, hingebungsvoller Fanleidenschaft. Auf einem Bügel drapiert baumelt eine dicke Jeansweste. Zwischen lauter Fußball-Aufnähern kann man den Jeansstoff fast nur erahnen. „Meine Kutte“, sagt Hacky. „Da passe ich aber nicht mehr rein.“

Meinen ersten Schritt auf Kellerboden setze ich auf eine große, in die Fliesen eingelassene „96“ aus Granit. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich noch meine Straßenschuhe anhabe. Hacky lacht. Ausziehen muss ich sie nicht. Der Eingang zum Heiligtum – dem Fankeller – wird ehrenhaft von Hackys erster Bundesliga-Eintrittskarte gekrönt. 3. Februar 1973: Hannover 96 gegen Borussia Mönchengladbach. Der Einlass ins Heiligtum.

Wir trinken Wasser und Rhabarbersaft aus 96-Gläsern und ich habe fast das Gefühl: Daraus schmeckt alles besser. Während Dete Kuhlmann im Hintergrund die Stadionhymne „Alte Liebe“ schmettert, zeigt mir Hacky Torwarthandschuhe von Robert Enke, Spielankündigungsplakate, alte Stadionmagazine und das Archiv. In dicken Ordnern sammelt er sämtliche Artikel und Berichte über die „Roten“. Die Ordner nehmen inzwischen eine ganze Regalwand ein. Daneben das berühmte Fußballzitat von Liverpools Trainerlegende Bill Shankly: „Die Leute sagen, Fußball wäre ein Spiel auf Leben und Tod. Ich teile diese Meinung nicht, für mich ist es viel mehr“. Und auch für Hacky ist es viel mehr: „Hannover 96 ist mein Leben, es ist mein ganzer Inhalt. Sie sehen das ja hier selber im Keller: ich lebe das. Ich lebe Hannover 96. Das ist mein Verein.“ Dass er diesen Verein lebt, spiegelt sich nicht nur in seinem Fan-Dasein wider. Hacky war selbst 18 Jahre lang Ordner bei 96 und trainierte eine Jugendmannschaft der „Roten“, die er bis in die Landesliga führte.

Auf einer Fototapete zeigt mir Hacky seinen Stammplatz in der Nordkurve. Seit zehn Jahren sitzt er dort schon mit Freund Jürgen, Mitgliedern seines Fanklubs „Rote Teufel“, seiner Frau und anderen Bekannten. Eine Fußball-Familie mit engem Zusammenhalt: Abseits des Stadions wird zusammen gegrillt, es werden gemeinsam Geburtstage gefeiert. Seine „96-Familie“ sieht er öfter, als die „richtige“ Familie, gesteht Hacky. Nicht zuletzt, weil ihn das Stadion magisch anzieht. Auch zur Goldenen Hochzeit seiner Großeltern war der Drang zum Fußball größer. „Ich bin bis zur Suppe geblieben und zum Dessert wiedergekommen!“, erzählt Hacky.

Halten kann man ihn nicht. Das hat auch die Bundeswehr damals nicht geschafft. Während eines Wachdiensts haute Hacky ab, um kein Spiel der 96er zu verpassen. „Das ist Verbundenheit und Beklopptheit für den Verein!“, lacht er. „Es gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht an Hannover 96 denke, glaube oder mir nicht Gedanken mache über diesen Verein. Diese Verbundenheit zu dem Verein, von Kindesbeinen an: Das ist meine Heimat. Meine Heimat ist Hannover 96.“

Von Kerstin Hess

Foto: Lars Mund

[ssba]