Mein Kopftuch und ich

Für die einen dient es als Befreiung von der Wahrnehmung als Sexualobjekt, für die anderen ist es ein Ausdruck für kulturelle Zugehörigkeit: Die Gründe der Entscheidung für oder gegen ein Kopftuch sind ebenso vielfältig wie die dazugehörigen Meinungen in der Weltbevölkerung. Doch was verbirgt sich hinter dem kontroversen Stück Stoff? Ist es Ausdruck der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts? Oder bringen Frauen damit selbstbewusst ihre Religiosität zum Ausdruck?

VON MILENA SCHWOGE UND MAIKE SKERSTINS

Und sage den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren und ihre Reize nicht zur Schau stellen sollen, außer was (anständigerweise) sichtbar ist; und dass sie ihre Tücher über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen sollen (…) Und sie sollen ihre Beine nicht so schwingen, dass Aufmerksamkeit auf ihre verborgene Zierde fällt. Und bekehrt euch zu Allah allzumal, o ihr Gläubigen, damit es euch wohl ergehe.“   Sure Nûr, 24:31

Als Efdal Nur Tugrul im Urlaub in Saudi-Arabien Fotos vor einer Moschee macht, wird sie angesprochen. „Wo ist deine Abaya?“, fragt sie ein Einheimischer.
Die junge Muslima erklärt, dass sie lediglich Urlaub in Saudi-Arabien mache. Sie ist sich keiner Schuld bewusst, denn schließlich trägt sie wie immer ihr Kopftuch. Doch ihr Gegenüber ist wenig verständnisvoll. Denn anders als für in Deutschland lebende Frauen ist in Saudi-Arabien die Verschleierung in der Öffentlichkeit Pflicht. Der weibliche Körper muss mit einer Art Umhang, einer sogenannten Abaya, oder einer Hidschab verdeckt werden. Damit sich auch alle Frauen daran halten, wurde in Saudi-Arabien sogar eine Religionspolizei ins Leben gerufen. In der islamischen Welt herrscht allerdings Uneinigkeit darüber, in welcher Form sich Frauen in der Öffentlichkeit verhüllen müssen. Tugrul möchte sich nicht wegen ihres Kopftuchs rechtfertigen müssen, egal ob auf der Durchreise in Saudi-Arabien oder in ihrer Heimat Hannover. Die Studentin der islamischen Theologie ist eine von etwa viereinhalb Millionen Muslimen  in Deutschland. 47 Prozent von ihnen sind – laut Schätzungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge – Frauen. Der Untersuchung zufolge wird das Kopftuch von einem Drittel aller Musliminnen in Deutschland getragen.

Konfliktstoff Kopftuch

Es ist nur ein kleines Stückchen Stoff, das in der ganzen Welt für Schlagzeilen sorgt.  Die einen kombinieren das islamische Kleidungsstück mit westlicher Mode, andere tragen dazu dunkle Mäntel oder knöchellange Keuschheitsroben. Tugrul kann sich ein Leben ohne Kopftuch nicht vorstellen. Angefangen habe alles in der neunten Klasse mit ihrer besten Freundin. „Sie trug immer Kopftücher in vielen unterschiedlichen Farben. Das fand ich toll“, erinnert sie sich. Es dauerte nicht lang bis beide im Partnerlook durch die Gegend liefen. Anders sei es bei ihrer Schwester gewesen. „Sie hat sich damals gegen das Kopftuch entschieden. Natürlich war das für meine Eltern nicht einfach, aber sie respektieren es“, sagt die gebürtige Osnabrückerin. Die 25-Jährige möchte nicht durch ihr Äußeres die Aufmerksamkeit von Männern auf sich ziehen. In der westlichen Gesellschaft gilt eine Frau oft dann als attraktiv, wenn sie ihre weiblichen Reize offen der Welt präsentiert. Über eine Frau mit Kopftuch, die sich mit lockerer Kleidung bedeckt, würde ein Mann wohl kaum sagen: „Diese Frau ist für mich attraktiv.“

Zwischen Zwang und Freiheit

Während viele muslimische Frauen in Ländern wie Saudi-Arabien, Pakistan oder dem Sudan spätestens von der Pubertät an von ihren Familien gezwungen werden, Kopftücher oder auch Ganzkörperschleier zu tragen, entscheiden sich gerade in westlichen Ländern viele Frauen auch freiwillig für das Kopftuch als Zeichen ihrer Religion. Das tun sie manchmal sogar gegen den Willen ihrer liberalen Familien. Einige von ihnen lehnen die islamische Tradition ab. Andere tragen wiederum kein Kopftuch, weil es für Muslime in der Minderheitensituation eine Stigmatisierung bedeutet. Zudem könnte die öffentliche Kenntlichmachung des Glaubens als reine Äußerlichkeit wirken.  „Für mich gehört es als Symbol meiner Überzeugung vom Islam einfach dazu“, erklärt Tugrul. Ihr ist es wichtig, auch den Kindern in der Medrese Jama’at-un Nur e. V in Hannover Linden die freie Wahl zu lassen. Denn der Wortlaut des Korans schreibt nicht ausdrücklich vor, dass der Kopf bzw. die Haare der Frau bedeckt sein müssen.

Ein Zeichen der Ausgrenzung?

Doch was passiert mit einem gläubigen Mädchen, das sich gegen das Kopftuch entscheidet, wenn sich ihre Freundinnen darüber identifizieren? Einige Muslime legen die islamistischen Quellen so aus, dass die unverschleierte Frau so gut, verantwortungsbewusst und sozial leben kann wie sie nur will. Da sie jedoch ihre Reize in der Öffentlichkeit nicht versteckt, wird sie aus deren Sicht niemals Gottes Wohlgefallen erlangen – auch wenn im Koran nicht explizit von einer Bedeckung der Haare die Rede ist. Befürworterinnen des Kopftuches dürften zwar nicht an dem Glauben der unverschleierten Frau an sich zweifeln, wohl aber an dessen Ernsthaftigkeit Dass die meisten muslimischen Mädchen unter diesen Umständen beteuern, das Kopftuch „freiwillig“ zu tragen, scheint  in dem Zusammenhang nicht verwunderlich.

[ssba]