„Man muss die Bereitschaft haben alles zu geben“

Ein Jahr freiwilliger Wehrdienst aus der Sicht einer Frau

Johanna Jung*, 20, aus Stuttgart hat nach dem Abitur ein Jahr freiwilligen Wehrdienst geleistet. Ihre Erfahrungen waren überraschend positiv, an ihre Grenzen ist sie dennoch oft gestoßen. In einem Interview mit Marie Röthlingshöfer spricht sie über ihre Erfahrungen.

Wie bist du zu der Entscheidung gekommen, nach dem Abitur zur Bundeswehr zu gehen?

Ich habe mehrere Freunde, die schon bei der Bundeswehr waren und mir davon viel Positives erzählt haben. Außerdem wollte ich wissen, ob es dort wirklich so streng und disziplinär zugeht, wie ich es mir vorgestellt habe. Es war für mich eine große Herausforderung meine psychischen und körperlichen Grenzen zu stoßen.

Männer haben oft Vorurteile gegenüber Frauen bei der Bundeswehr. Hast du damit auch Erfahrungen gemacht?

Natürlich hatten sie mir gegenüber Vorurteile, aber ich habe immer die gleiche Ausbildung wie die Männer mitgemacht und habe dafür auch irgendwann ihren Respekt bekommen.

Dann musstest du dir sicher auch mal dumme Sprüche anhören…

Ich habe mir schon ab und zu dumme Sprüche anhören müssen, aber ich habe selbst auch mal gekontert. Am Anfang war ich oft eingeschüchtert, aber irgendwann gewöhnt man sich daran und nimmt nicht mehr alles so ernst. Man darf sich einfach nicht alles gefallen lassen und muss ein bisschen selbstbewusster sein.

Welche Fähigkeiten muss man mitbringen, um bei der Bundeswehr als Frau zurechtzukommen?

Man muss die Bereitschaft haben alles zu geben und bis an seine Grenzen zu gehen. Man braucht einen starken Willen, um die ersten drei Monate zu schaffen. Außerdem muss man gutes Durchhaltevermögen mitbringen und darf sich nicht so schnell unterkriegen lassen.

Wie sah ein typischer Tag bei dir aus?

Um 6:35 Uhr war Vollzähligkeit. Das heißt es wurde geschaut, ob alle da sind. Danach wurde alles geputzt. Dann gab es ein Antreten, wo Sachen verkündet wurden und Sport gemacht wurde. Weil ich die Fahrerin des Zugführers war, musste ich oft einfach Fahrdienst leisten, habe Sachen sortiert oder Material für Ausbildungen ausgegeben. Normaler Dienstschluss war um 17 Uhr. Ab und zu mussten wir auch Nachtwache halten, dafür hatten wir tagsüber länger frei.

War der freiwillige Wehrdienst im Nachhinein die richtige Entscheidung?

Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung und ich würde es auch jederzeit wieder machen. Ich habe viele Leute kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte und ich habe auch viel gelernt. Es war zwar hart, aber ich habe mich auch in vielen Dingen weiterentwickelt.

Von Marie Röthlingshöfer

Foto: Lara Sagen

*Name von der Redaktion geändert

[ssba]