„Man baut eine Schutzmauer“

Die Johanniter sind deutschlandweit diakonisch aktiv, tragen Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen. Doch auch in der Flüchtlingshilfe engagieren sie sich mit ehrenamtlichen und festangestellten Mitarbeitern. So leiten sie z. B. in der Kleinstadt Bad Oeynhausen eine Notunterkunft zur Erstunterbringung. Dominic Fricke, Bereichsleiter für Kommunikation und Marketing der Johanniter, spricht in einem Interview professionelle Distanz in der Flüchtlingshilfe.

Bei all den Schicksalen mit denen Sie tagtäglich konfrontiert werden, mit Menschen die alles verloren haben, Kindern und Jugendlichen die alleine ihre Heimat verlassen mussten, wie schwer fällt da professionelle Distanz?

Ich glaube das ist etwas, was man im Laufe der Zeit lernt, anfangs war es bei meinen Mitarbeitern so, dass sie diese Distanz, je länger die Flüchtlinge da waren, mehr und mehr verloren haben, weil man sich kennenlernt. Sie haben aber sehr schnell gemerkt, dass man selber dann irgendwann „wunde Punkte“ hat. Und irgendwann fängt man automatisch an eine gewisse Distanz aufzubauen und das ist das, was hier bei allen passiert ist. Das ist ein Lernprozess den man hat. Je länger man hier arbeitet, desto eher fängt man an eine gewisse Schutzmauer aufrecht zu erhalten.

Und wie erschafft man diese Mauer?

Indem man viele Dinge einfach nicht mehr so an sich heranlässt und auch einfach nicht mehr darüber nachdenkt, sondern als gegeben hinnimmt. Anders kann das auch gar nicht funktionieren. Wenn ich mir jeden Tag Gedanken über die Sorgen anderer Menschen machen würde, und das sind ja hier immer bis zu 210 Menschen auf einem Mal, dann wäre ich ja nur noch damit beschäftigt. Man muss irgendwann einfach lernen zu akzeptieren, dass jeder seine Sorgen hat und man sich nicht um alle Sorgen kümmern kann. Man kann ihnen den Aufenthalt hier erleichtern, aber man ist nicht dafür da ihre Sorgen zu lösen.

Man hat ja viele verschiedene Menschen mit denen man umgeht; wo macht man da Unterschiede und wie sind die Unterschiede, wie es an einen ran kommt?

Unterschiede macht man natürlich. Jeder erreicht irgendwann den Punkt, wo er sagt: „der ist mir sympathisch“. Da lässt man Dinge schon eher an sich ran als bei Leuten, die einem von Anfang an unsympathisch sind. Natürlich ist es auch so, dass man zu den Leuten, mit denen man sich verständigen kann, eher eine Bindung aufbaut als zu Personen mit denen man überhaupt nicht kommunizieren kann. Dass sind so Punkte, wo es gar nicht möglich ist, eine Bindung aufzubauen. Von daher glaub ich, dass diese Sprachbarriere die größte Hürde ist um überhaupt eine Bindung aufzubauen. Dadurch, dass wir hier bis zu 210 Personen haben, kann man sich nicht mit einzelnen Personen stundenlang beschäftigen. Das geht einfach nicht.

Sie sind hier der Leiter der Unterkunft. Wie nah sind Sie denn an den Flüchtlingen dran? Wie intensiv sind Sie in das Leben der Flüchtlinge eingebunden?

Bei den Flüchtlingen, die hier in der Notunterkunft wohnen, weniger als am Anfang, da ich mich mittlerweile mehr um den ganzen Leitungs- und Führungsbereich kümmere. Anfangs war das wesentlich stärker. Da hat man mehr Kontakt zu den Leuten gehabt, weil man mehr in der Betreuung drin war, um die Mitarbeiter anzulernen, ihnen zu zeigen wie was funktioniert. Mittlerweile habe ich ein eingearbeitetes Team, das weiß wie es mit den Dingen zu verfahren hat, sodass ich mich dort rausnehmen und um die Hintergrunddinge kümmern kann. Neben dieser Notunterkunft haben wir gleichzeitig noch eine Wohngruppe für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, die wir aufbauen. Da bin ich im Moment wesentlich mehr eingebunden, weil das wirklich wieder dieser Punkt ist, wo es um die Aufbauarbeit geht und darum die Mitarbeiter anzuleiten. Und in dem Moment hat man dann natürlich auch wieder einen sehr intensiven Kontakt zu den Bewohnern dieser Wohngruppe.

Wie unterscheidet sich die Arbeit mit den minderjährigen Flüchtlingen, die in diese Wohngruppe kommen sollen, zu den „normalen“ Notunterkünftlern?

Naja, die Minderjährigen sind im Endeffekt auf sich allein gestellt. Ihre Eltern sind nicht da und das Ziel dieser Wohngruppe ist es, ihnen hier ein Leben zu ermöglichen und sie zu verselbstständigen. Es ist das, was im Endeffekt jedes Elternteil macht: seinen Kindern beibringen, wie man alleine lebt, damit sie dann, wenn sie volljährig sind, auf eigenen Beinen stehen können. Im Endeffekt ist diese Wohngruppe ein Familienersatz. Das ist natürlich schon etwas anderes als die Notunterkunft, wo es darum geht Obdachlosigkeit zu vermeiden. Die Leute in der Notunterkunft sind hier, damit sie nicht auf der Straße schlafen müssen. Das ist das eigentliche Ziel.

Was macht Ihrer Meinung nach die Johanniter in der sogenannten Flüchtlingskrise geeigneter als andere Organisationen um Erstaufnahmestellen und auch langfristige Unterbringungen der Menschen zu organisieren?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich denke zum Einen, dass wir eine christliche Hilfsorganisation sind. Wir sind Teil der evangelischen Kirche. Das ist die Diakonie zwar auch, aber die Diakonie ist in diesem Bereich eher seltener unterwegs, zumindest wenn es um diese Notunterkünfte geht. Zum Anderen unser Leitbild, welches wir ja auch als Mitarbeiter grundsätzlich vertreten, dass wir versuchen, allen Menschen zu helfen und das auch versuchen zu leben, dass wir für uns selber gewisse Ziele gesetzt haben, was wir als Johanniter erreichen möchten und dass sich die Menschen, die für die Johanniter arbeiten, sei es haupt- oder ehrenamtlich, mit diesem Leitbild und diesen Zielen identifizieren können.

Von Lena-Maria Schwarze

Foto: Lara Sagen

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