„Life’s short, have some fun“

Hardcore-Punk-Legende Henry Rollins bringt mit seiner Talking Show „Charmingly Obstinate“ die Apostel Paulus Kirche in Berlin Schöneberg zum Beben.
Nicht selten wird der Amerikaner Henry mit Titeln wie Musiker, Journalist, Aktivist, Schriftsteller und Schauspieler überhäuft, um nur einige zu nennen. Er selbst beschreibt sich folgendermaßen: „I’m a troublemaker. I’m an asker of questions. I am someone that goes places‚ ’cause I wanna know.“
Am besten bekannt ist Henry Rollins wohl als (Ex-)Frontman und Sänger der Hardcore-Punk-Kultband Black Flag. Schon in den 80ern, während seiner Black Flag-Zeit, stand der 55-Jährige als Spoken-Word-Artist auf der Bühne.
Doch was genau ist Spoken-Word überhaupt? Gute Frage. Im Grunde ist es eine Unterhaltungsform der Darstellenden Kunst, bei der ein lyrischer Text oder eine Erzählung vor Publikum präsentiert wird. Henry mag zwar Geschichten erzählen, aber es sind Geschichten aus der Realität. Stellenweise kann es durchaus an Stand-Up Comedy erinnern, lebt aber vorrangig von dem gesprochenen Wort und Situationskomik und ist in seinem Fall nicht einstudiert.
Henry steht nicht auf der Bühne, um sich selbst im blendenden Scheinwerferlicht zu beweihräuchern und zu inszenieren. Er teilt seine Geschichten von seinen Reisen in alle Ecken der Welt (bis dato hat er über 90 Länder bereist) und erzählt von hautnahen Begegnungen, die manchmal auch unter die Haut gehen. Keinesfalls stellt er sich über seine Zuhörer, nach dem Motto „Ich weiß so viel mehr als ihr“. Im Gegenteil, Mr. Rollins schafft eine faszinierende Verbindung zum Publikum und bleibt auf Augenhöhe. Anders als bei manchen Universitätsprofessoren fällt es nicht schwer, ihm fast drei Stunden am Stück zuzuhören, ohne dabei gelegentlich einzunicken oder die neusten Jodel zu checken. Denn unmissverständlich ist klar, der Mann hat eine Mission, der Mann hat etwas zu sagen, das von Bedeutung ist und uns alle betrifft. Wo er steht und über die Welt philosophiert, spielt die Musik, ohne dass andere Instrumente außer seinem Mikrofon und seiner Stimme zum Einsatz kommen. Mit ungefilterter Ehrlichkeit liefert Henry Rollins seine Erlebnisse und nimmt das Publikum mit auf seine Reisen.
Als Einstieg erzählt er von seinen ersten Begegnungen mit Berlin, im Februar 1983, noch zu Zeiten der Mauer. Damals tourte er mit seiner Band Black Flag um die Welt. Dass er als Sänger der Band nicht selten Schläge aus dem Publikum kassieren musste, war nicht ungewöhnlich. Doch als Henry scheinbar grundlos einen Schlag ins Gesicht bekam und die Gitarre von Greg Ginn spurlos verschwindet, wird klar, dass die Uhren in der DDR anders tickten. Die Intensität, die in Ostberlin zu spüren war, faszinierte ihn als 22-Jährigen. Nach dem Mauerfall sei Berlin nur noch eine aufregende Stadt in Europa.
Eine gewisse Intensität strahlt Henry selbst aus. Doch in dem harten, muskelbepackten, tätowierten Kerl steckt auch ein weicher, sensibler Kern. Und der kommt zum Vorschein, wenn er von seiner Beziehung zu dem kürzlich an Krebs verstorbenen Lemmy Kilmister von Motörhead erzählt. „Lemmy wurde auf der ganzen Welt geliebt und er war sich dessen bewusst. Er inspirierte und begeisterte Millionen von Menschen. Und so lebt er durch seine Musik weiter. Er selbst lebte genauso wie er es wollte. Deshalb kann ich nicht um jemanden trauern, der sein Leben zelebriert hat. Sein Leben war ein Triumph. Er war einer meiner Lieblingsmenschen.“
Wenn man Henry zuhört, fragt man sich, ob sein Tag aus irgendeinem Grund mehr als 24 Stunden hat und wie dies überhaupt möglich ist. Sein Wissensdurst, seine Neugierde und seine Wut über alles erdenklich Ungerechte, Unmenschliche und Einfältige treiben ihn an, jede Sekunde seines endlichen Daseins produktiv zu nutzen. „I don’t work for money. I work because I’m furiously active, because one day it all comes to an end“.
Manch einer mag sich jetzt fragen „Aber weshalb sollte ich mir freiwillig drei Stunden lang den Hintern platt sitzen und irgendeinem in die Jahre gekommenen Revoluzzer beim Schwätzen zuhören?“ Die Antwort ist simpel: Denn nicht Jedem mag die Chance vergönnt sein, inmitten von Pinguinen in der Antarktis zu schlafen und dabei das Album „Raw Power“ der Stooges in voller Länge zu hören, den Regenwald Ecuadors zu erkunden oder nach Nordkorea reisen zu dürfen. Ob man derartige Reisen nun selbst beabsichtigt oder nicht, die Erlebnisse, die Henry zum Beispiel von Teheran mitbringt, sprechen Bände. So erzählt er von seinem geglückten Versuch, die dortige Jugend mit den Bad Brains, The Misfits, P-Funk, Fugazi und weiteren essentiellen Musikzuckerstücken anzustecken.
Scheinbar ganz nebenbei beschäftigt er sich noch mit der Entwirrung des Gordischen Knotens, also der Problemstellung, was den Menschen plagt und heimsucht. Warum wir den Planeten zerstören und nichts dagegen tun. Mit der Idee eines vereinten „Wir“ habe er abgeschlossen. Denn da gebe es das Kirchenlied „We shall overcome“, -„we won’t, actually“. „Wir“ werden all diese Probleme wie Rassismus, Sexismus und Umweltverschmutzung nicht überwinden, da sich alles Milliarden Jahre später wiederholen wird. Und auch er mit seinen drei Badezimmern und der Klimaanlage sei Teil des Problems. So kommt er zu der Schlussfolgerung, dass wir gleichzeitig zu hoch- und zu unterentwickelt sind. Es gehe eher um das „du und ich“. Am Beispiel eines Fisches, der ihm bei einem Tauchgang von
Angesicht zu Angesicht stand und ihn eindringlich beäugte, betont er, dass jedes einzelne Lebewesen Informationen verarbeitet, sich gegenseitig wahrnimmt, voneinander abhängt und miteinander interagiert. „Everything’s checking each other out. You do something and the world notices. And so you have to have some respect and some care about your actions, because there’s nothing you do that does not have any effect.“
Am Ende gibt Henry dem Publikum noch einen gut gemeinten Rat auf den Weg: Einen Tauchschein machen, Antarktis erleben, eine Kopflampe besorgen (denn nur so gehe man auch an Orte, wo man eine Kopflampe braucht) und ganz viel Ärger machen. Denn ohne all das würden wir den Planeten nur noch weiter zerstören. In den letzten Jahren habe er gelernt, dass er sehr klein unter der Sonne sei und er versuchen wolle, mit anderen Lebewesen klarzukommen. Um ihn solle man sich keine Sorgen machen, denn „wir“ sind alle im Arsch, aber jeder Einzelne habe die Zukunft der Welt in der Hand. „The only thing I can now depend on is you.“ Und das ist auch der Grund, weshalb man die Menschheit nicht abschreiben dürfe: denn obwohl sie Kriege führt und Drohnenangriffe verübt, gibt es doch noch gute Seelen da draußen.
Und genau das kann auch ich feststellen, als ich am nächsten Tag nach der Veranstaltung aufgrund von Blitzeis 15 Stunden in einem Fernbus im Stau stehe und Anwohner mit heißem Tee und Herzenswärme die endlose Schlange von Auto zu Auto abklappern. Henry fasst es treffend zusammen: „And so basically what I’m saying is that you meet these people and they inspire you to be better than you are, to be braver than you are, standing there right now. Like I said before, it being that we’re all interconnected. And so I cannot see much seperation between you and me“.
Fazit: Henry Rollins ist eine charismatische Persönlichkeit und ein grandioser Geschichtenerzähler. Man nimmt tatsächlich etwas zum Nachdenken mit, nachdem man seinen plattgesessenen Hintern vom kalten Kirchenboden oder, wer pünktlich da war, von der Kirchenbank, pellt.
Und so verabschiedet sich Henry mit einem „Danke, dass ihr mich ertragen habt.“

Von Lisa Eimermacher

[ssba]