„Leider sind Gewohnheiten nur mit Schmerzen zu ändern“

Peter Holik ist Vereinsvorsitzender des Fährmannsfest Vereins und richtet jährlich das größte alternative Open-Air-Festival in der Region Hannover aus. Früher konnten die Gäste das Festival besuchen ohne Eintritt zahlen zu müssen. Das hat sich inzwischen geändert. In einem Interview spricht Holik über die Schwierigkeiten, Möglichkeiten, aber auch Hoffnungen eines Veranstalters.

Sie nehmen seit 2001 Eintritt für das Fährmannsfest. Wie haben die Besucher darauf reagiert?

Die überwiegende Mehrheit des Publikums hat den Eintritt respektiert  und angenommen. Wir konnten immer auf die unbestrittene Qualität unseres Festes verweisen.

Wir waren mal ein „umsonst und draußen“-Festival. Wir halten diese Qualität auch weiterhin für unser Kinder- und Kulturfest und den eintrittsfreien Sonntag für das Musikfestival aufrecht. Leider Gewohnheiten sind nur mit Schmerzen zu ändern, deshalb hat das Fährmannsfest auch einen kleinen Gästestamm, der die Erhebung eines Eintrittsgeldes  als abzulehnende Kommerzialisierung mit Widerspruch aufgenommen hat. Es gab sogar vereinzelte Versuche zu einem Boykott aufzurufen, der allerdings verpuffte.

Wie haben sich die Besucherzahlen seitdem verändert?

Die Besucherzahlen sind kontinuierlich gestiegen und haben sich in den letzten Jahren auf ca. 5000-6000 Besucher pro Tag eingependelt.  Wir haben die Eintrittseinnahmen auch zu einem guten Teil dafür verwandt, internationale Musikgrößen zu engagieren.

So eine Großveranstaltung verursacht hohe Kosten durch Bands, Bühne, Logistik und Mitarbeiter. Die geringen Ticketpreise und die Einnahmen aus der Gastronomie werden das nicht stemmen können. Wie finanzieren Sie das?

Der Fährmannsfestverein hat 30 ordentliche Mitglieder und 100 Fördermitglieder, und wirtschaftet nicht gewinnorientiert.

Gegenüber gewinnorientierten Veranstaltern haben wir einen erheblichen Kostenvorteil bei den Personalkosten, da viele Arbeiten im Vorfeld unentgeltlich erledigt werden. Dazu arbeiten für  uns professionelle Dienstleister zu einem „non for profit“ Tarif. Etwa 60 Vereinsmitglieder arbeiten während des Festes beim Aufbau, an den Kassen, beim Kinderfest, im Catering und in der Organisation, für eine kleine Aufwandsentschädigung.

Zudem erhalten bei uns nur die überregionalen Headliner eine Gage. Die übrigen Bands, die vornehmlich in der Region Hannover zu Hause sind, begnügen sich mit einem Fahrtkostenbeitrag. Wäre dieser Kostenvorteil nicht gegeben, müssten wir eine Tagespreis von 20 bis 25 € verlangen, der aber für unser Publikum nicht bezahlbar ist.

Seit 2008 gewinnen Sie zunehmend Sponsoren für dieses Event. Wie reagieren Unternehmen auf Ihre Anfragen?

Es war sehr schwierig, Sponsoren für unser Fest zu akquirieren. Wir sind nicht mainstream und betonen den regionalen Charakter des Festes. Unsere Verortung als „alternatives“ Festival mit eindeutiger politischer Positionierung „bunt statt braun“, macht uns für das doch eher konservative Kultur- und Marketingverständnis vieler Unternehmen unattraktiv.

Erst mit der 100 000-sender Auflage unseres 16 seitigen Programmheftes konnten wir, über konventionelle Druckwerbung, einen inzwischen treuen Kundenstamm von Firmen erfolgreich an uns binden. Wenn man sich die Werbekunden in dem Programmheft ansieht, fällt auf, dass es überwiegend kleinere Unternehmen aus unserer Nachbarschaft sind, die uns aus kultureller Sympathie unterstützen.

Das ist ja doch ein hohes Risiko. Was passiert, wenn genau an diesem Wochenende das Wetter umschlägt und nur wenige Gäste kommen?

Wir haben schon einige Male durch Wetterwidrigkeiten keine Kostendeckung erreicht. Da aber fast alle Unternehmen mit uns schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten, hat sich eine Kultur des gemeinsamen Schuldentragens und Schuldenabbaus entwickelt. Wir haben dann mit unseren Gläubigern ganz persönlich eine Abzahlung der ausstehenden Rechnungsbeträge vereinbart und es immer wieder geschafft, sie zufrieden zu stellen.

Dieser „Gläubigerschutz“ hat seine Grundlage in der nonprofit Struktur unserer Veranstaltungsweise, der regionalen Verankerung und unserer Treue zu unseren Dienstleistern, Standbetreibern und Vereinsmitgliedern.

Wo sehen Sie das Fährmannsfest in 5-10 Jahren?

Das Fährmannsfest ist nur aus der sehr persönlichen Geschichte vor Ort zu verstehen und auch sehr an eine kleinen Kreis von Aktivisten  gebunden. 5- bis 10 Jahre wird das wohl noch stabil bleiben. In jedem Fall wird sich dann etwas ändern, weil sich die Verzichtskultur dieses Personenkreises nicht so einfach fortschreiben lassen wird.

Der Charakter des Fährmannsfests, mit seiner Mischung aus Rockfestival und Stadtteilkulturfest, wird  erhalten bleiben. Das Fährmannsfest ist eine Kultmarke, die nicht beliebig manipulierbar ist.  Es bleibt selbstverständlich ein immerwährendes Bemühen, ein gutes qualitatives Programm für unser Publikum zu erarbeiten. Unser quantitatives Maximum kennen wir. Wir können nicht größer werden.

Es wird sehr darauf ankommen, ob wir die finanziellen Mittel aufbringen können und die galoppierenden Gagenforderungen der Musikbands (Headliner) bedienen zu können. Wir hoffen, weitere Sponsoren an uns binden zu können und werden auch notwendigerweise in kleinen Schritten die Eintrittspreise erhöhen müssen.

Einen besonderen Beitrag zu alledem müssen uns die Wettergötter gewähren.

Von Jessica Preuss

Foto: Lara Sagen

[ssba]