Barcelona genießen – Teil I: La Champagneria „Can Paixano“

Anschließend an den Reisebericht über Barcelona hier nun – nach Sightseeing und Kultur – das existenzielle: Die Bars – oder besser gesagt „die“ Bar. Denn sie gehört zum Grundprogramm in Barcelona.

 

Es ist mitten in der Nacht, so ungefähr 11:00 Uhr morgens. Man blinzelt. Die schemenhaften Schatten der letzten Abendstunden formieren sich im noch stark umnebelten Hirn zu vagen Erinnerungen. Man zwingt sich unter die Dusche, der Magen rebelliert gegen den Geschmack der Zahnpasta… Hilfe. Man braucht Hilfe.

Wie also verfahren? Eine fremde Stadt, fremde Menschen, fremde Sprachen… Man hat ja eigentlich gelernt sich in solchen Notsituationen selbst zu helfen , also bietet sich für logisch denkende Menschen nur eine Option: La Champagneria „Can Paixano“, in der „Reina Cristina“, Nummer 7 – einer kleinen, leicht schmuddelig anmutenden Nebenstraße des Hafenviertels „Barceloneta“. Hier läuft so mancher Tourist, geblendet von den blank gewienerten Fußwegen der Hauptstraßen, den funkelnden „Ray-Beri“ Sonnenbrillen der marokkanischen Straßenverkäufer und dem allgemeinen Glanz dieser Metropole, leicht vorbei. Unter anderem das macht die Bar so attraktiv. Denn hier tummeln sich vornehmlich einheimische Studenten, Künstler und Revolutionäre fortgeschrittenen Alters, die den Kampf um die Unabhängigkeit Kataluniens inzwischen mehr am Kneipentresen ausfechten, als auf der Straße. Die Champagneria bleibt zudem extrem unscheinbar, bis man direkt davor steht.

Denn in Spanien gilt, wie im vorausgangenen Reisebericht bereits erwähnt, generelles Alkoholverbot in der Öffentlichkeit. Diese Regelung wird hier von einem sehr sympathischen Security-Angestellten mit freundlicher Strenge durchgesetzt – wer dagegen verstößt oder wer gar in Mallorca-touristische Gröl-Arien verfällt, hat in dieser Bar, die in einem Wohngebiet angesiedelt ist und deren Charakter vehement solchen Unarten widerspricht, nichts verloren.

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„Can Paixano“, ehemals ein Geheimtipp unter Einheimischen, hat sich inzwischen leider doch zu einer kleinen Touristenattraktion entwickelt. Oft sind Veränderungen dieser Art eher skeptisch zu betrachten, jedoch büßt die „Champagneria” nichts von ihrem Flair ein. Sie zieht eben nur ein bestimmtes Klientel von Touristen an. Von 11:00 Uhr morgens bis 22:30 Uhr am Abend geöffnet, ist diese Bar besonders zwischen 15:00 Uhr und 17:00 Uhr extrem gut gefüllt. In dieser Zeit zwängt man sich, so höflich wie möglich und so bestimmt wie nötig, hinein und versucht sich an einem Kompromiss zwischen gemütlich stehen und angemessener Tresenreichweite.

Can Paixano - Barcelona 

Das Geschäftsprinzip der Champagneria ist einfach, aber genial:

Kommt man vor 17:00 Uhr kosten alle fünf Varianten Cava, also Sekt, zwischen 2,80 EUR und 3,60 EUR pro Flasche. Nach 17:00 Uhr kostet dann ein Glas zwischen 0,90 EUR und 1,20 EUR. Die Sorten reichen von lieblich-blumig (Rosat) bis hin zu extra trocken (Brut, “el Viejo”). Ich persönlich mag zum Einstieg, obwohl ich sonst so gar nicht auf liebliche Weine stehe, den Rosat und ab dann den sogenannten „Selecte“. Der Selecte ist zwar gleichzeitg auch am günstigsten – allerdings schmeckt er am ausgewogensten. Seine fruchtige Note überzeugt, ist dabei aber trocken genug um nicht lieblich zu sein.

Sektglas 

Nachdem man seine Getränkebestellung aufgegeben hat, muss man im Rahmen des Angebots noch zwei verscheiedene Tapas dazu bestellen. Nachvollziehbar, denn die Betreiber der Bar möchten , dass jeder, der dort trinkt, auch eine anständige Grundlage hat. Hier wieder meine Empfehlung:

Bestellt zu Anfang eine gemischte Xorizo Platte und – ganz klassisch – Serrano Schinken. So hat man eine handfeste Grundlage und die erste Flasche wirft einen nicht sofort vollkommen aus der Bahn – was besonders in den frühen Morgenstunden von Vorteil sein kann.

Auch die hausgemachten Croquetas, kleine, mit einer Masse aus Huhn und Käse gefüllte Kroketten, sind wirklich extrem lecker, besonders zum Sekt. Falls jemand die in Deutschland erhältlichen Pendants aus der TK Abteilung im spanischen Supermarkt kennt – das ist absolut kein Vergleich. Insgesamt landet man dann pro bestellte Flasche bei 10,00 – 12,00 EUR. Bedenkt man, dass man sich so eine Flasche mit den zusätzlichen Tapas meist zu dritt teilt kommt man pro Person bei maximal 4,00 EUR raus. Die erschwinglichen Preise sind nicht zuletzt einer der Gründe, warum die Champagneria das beschriebene Klientel besonders anspricht.

Besonders in den Nachmittags- und Abendstunden ist die Bar so der perfekte Ort eine Abendbekanntschaft oder neue Freunde kennenzulernen oder einfach um interessante Gespräche mit Menschen aus aller Welt zu führen.

Bestellung 

Hat man nun allerdings die Absicht bei Can Paixano Stammgast zu werden, führt kein Weg an den verschiedenen belegten Brötchen (Bocadillos) vorbei. Die Preise sprengen auch hier nicht den Rahmen: Die kleinen Happen, wahlweise belegt mit Serranoschinken und Tomate, Käse, mit Xorizo oder einfach mit einem Frankfurter Würtschen, sind, gerade aufgrund der Einfachheit und der Liebe mit der diese Snacks zubereitet werden, auch wirklich empfehlenswert.

Brötchentheke 

Übrigens hat die Champagneria auch direkt einen Fabrikverkauf angegliedert. Hier bekommt man die Flaschen, die ihr auch während der Angebotszeit günstig erstehen könnt, zum gleichen Preis. Bestellt man diese im Internet zahlt man für eine Flasche „El Viejo“ (Angebotspreis 3,20€) satte 42,00€. Ein Schnäppchen und ein tolles Mitbringsel also auch für zu Hause.

Die Champagneria „Can Paixano“ ist letztendlich eine Bar die mit Herzblut eröffnet wurde und auch weiterhin davon lebt. Man kann dort nett etwas trinken. Man kann sich dort auch nett betrinken. Menschen, die, wie vorhin bereits erwähnt, einen Hang zum Grölen haben und anstrengend werden, wenn sie betrunken sind, gehören hier einfach nicht her.

An diesen Ort begibt man sich, wenn man die Zeit in angenehmer Atmosphäre und im Austausch mit tollen Leuten an sich vorbei plätschern lassen möchte. Daher sollte man auch bemüht sein, trotz vielleicht unzureichender Spanischkenntnisse, die Bestellungen aus Respekt vor den – doch sehr stolzen – Katalanen möglichst fehlerfrei auf spanisch aufzugeben. Wenn man sich das nicht traut, ist das auch kein Beinbruch. Man fragt einfach einen der umstehenden Spanier, welcher vielleicht mit Erasmusstudenten oder Freunden da ist. Gegen ein Glas aus der von euch bestellten Flasche gibt jeder gerne eure Bestellung auf, auch mit Extrawünschen.

Weiterer Vorteil: Man ist sofort im Gespräch. Die Fragen woher man kommt und was man in Barcelona macht bleiben nie aus – gerade diese Offenherzigkeit wird den Aufenthalt in Barcelona unvergesslich machen. Die Bedienungen mögen im Gegensatz dazu am Anfang vielleicht ein wenig grob und desinteressiert wirken – aber auch diese Art muss erst verstanden werden. Ist man dazu fähig, wird man diesen Laden lieben!

Von Jochen Heimann

[ssba]