„Kulturjournalisten müssen wirklich verrückt sein“

Gabriela Jaskulla war jahrelang als „Krisenreporterin“ beim Fernsehen für den NDR unter anderem im Nahen Osten, in Russland und England unterwegs und hat es danach geschafft, sich als Kulturjournalistin beim Radio und Schriftstellerin einen Namen zu machen. In einem Interview mit Interact spricht sie über Ihre Leidenschaft zur Kultur, ihren beruflichen Werdegang und die Zukunftschancen junger Journalisten.

Sie haben Kunstgeschichte und Literatur studiert, warum hatten Sie sich damals für diese Studienfächer entschieden?

Ich wollte immer schon Journalistin werden. Ich dachte, es würde nicht schaden, von einem Fachgebiet richtig was zu verstehen. Da ich in das Ressort Kultur wollte, kamen erst einmal nur Literatur, Theater und Kunst in Frage.

Was hat Sie an den Berufsmöglichkeiten gereizt?

Falsche Frage! – Ich hab eigentlich nie ernsthaft was anderes in Erwägung gezogen. Seit meiner Kindheit habe ich geschrieben. Ich habe auch schon immer Journalisten und Schriftsteller bewundert. Ich fand es eine Möglichkeit, sich der Welt zu nähern und die Welt zu erobern – und zwar egal, ob man die Welt eher fürchtet oder sie eher im Sturm oder wie ein Indianer erkunden will. Ich dachte, dass es eine gute Möglichkeit wäre, die Welt zu verstehen und vielleicht sogar in Teilen auch ein bisschen zu verändern.

Sie haben Ihr Volontariat beim NDR absolviert. Warum ausgerechnet dort?

Aus Anhänglichkeit. Ich bin im Sendegebiet des NDR – in Braunschweig – aufgewachsen, kannte viele Sendungen und Moderatoren und bewunderte vor allem einige Dokumentarfilmer sehr, wie z. B. Klaus Wildenhahn oder auch Horst Königstein, dessen semifiktionale Filme ich ganz toll fand. Außerdem wurde in Hamburg beim NDR die Tagesschau gemacht. Ich dachte es wäre wichtig, auch klassischen Nachrichtenjournalismus zu lernen. Deswegen habe ich mich tatsächlich auch nur beim NDR beworben und hatte das riesige Glück auch genommen zu werden. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das war wirklich Harakiri, aber es hat funktioniert!

Sie waren mehr als 15 Jahre für den NDR tätig. Wie haben Sie es geschafft, sich dort durchzusetzen?

Das ist gar nicht so sicher, dass ich mich da „durchgesetzt“ habe. Der NDR hat mich tatsächlich nach der Ausbildung übernommen, das schon. Darüber war ich sehr glücklich. Aber ich war ja immer Redakteurin. Ich bin weder Chefredakteurin noch Programmdirektorin geworden. Ich wollte mich auch nicht „durchsetzen“, so hab ich den Laden nicht verstanden; ich wollte Teil eines funktionierenden Teams sein. Die Teams waren die Redaktionen, in denen ich gearbeitet habe. Also: Ich hatte nicht das Ziel, große Karriere zu machen, sondern die Themen, die ich für wichtig hielt, mit Hilfe von Kollegen platzieren zu können. Und nur in diesem Sinne habe ich mich, wenn Sie so wollen, „durchgesetzt“.

„Ich habe das ‚Old-Men’s-Network‘ unterschätzt“

Darüber hinaus haben Sie es ja auch geschafft Beiträge beim Deutschlandfunk oder auch Deutschlandradio Kultur zu platzieren. Wenn Sie Ihren Werdegang rückblickend betrachten: Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Ich würde mich in jüngeren Jahren mit Kolleginnen, also mit anderen Frauen verbünden. Ich habe das „Old-Men’s-Network“ unterschätzt – sowohl beim Norddeutschen Rundfunk, als auch bei Printmedien. Ich weiß jetzt im Nachhinein wie wichtig es ist, dass sich gerade jüngere Kolleginnen vernetzen, zusammenarbeiten und gegenseitig unterstützen! Heute sind die Möglichkeiten einfacher, sogar international zusammenzuarbeiten. Es gibt globale Netzwerke von Journalisten. Das schätze ich als riesigen Fortschritt. Ich rate allen jüngeren Kollegen, sich beizeiten darum zu kümmern.

Wenn jemand von uns Kulturjournalist für den NDR oder auch Deutschlandfunk werden möchte – was würden Sie ihm/ ihr raten?

Sachverstand sammeln, Wissen sammeln, Kompetenz sammeln! Kompetenz ist ja noch etwas anderes als Faktenwissen. Also sich bewegen, ganz viel anschauen, lesen, Musik hören, unermüdlich unterwegs sein. Man muss, um Kulturjournalist zu sein, wirklich verrückt sein, weil das ein Bereich ist, der üblicherweise nicht sehr nachgefragt ist. Es ist Nischenjournalismus, und dort kommen tatsächlich nur die in diesem Sinne Verrücktesten durch, die Engagiertesten. Man muss auch bereit, sein die Grenze zwischen Privatleben und Berufsleben, die im Journalismus ja eh fragwürdig ist, noch weiter aufzuweichen: Kulturveranstaltungen finden gern zu unmöglichen Zeiten und am Wochenende statt. Entweder man liebt das – oder man wird schnell aufgeben. Man muss das so in sein Leben integrieren, dass es möglich wird, sich dabei wohlzufühlen.

Wie haben Sie es geschafft, das Ganze mit Ihrem Privatleben zu vereinbaren?

Mal so, mal so, würde ich sagen. Es war, als ich angefangen habe, noch schwieriger als heute. Summa summarum hat es vielleicht 20 Jahre gedauert, bis ich einigermaßen eine Balance zwischen Berufs- und Privatleben hinbekommen habe. Ich habe die Prioritäten früher immer zugunsten der Arbeit gesetzt. Darunter haben viele Freundschaften gelitten.

Wie schätzen Sie die Chancen aktueller Berufsanfänger in dem Bereich ein?

Schlecht, aber die waren schon immer schlecht. Man hat mich schon vor 20 Jahren gewarnt, dass das eine völlig brotlose Kunst sei und aus mir „nichts werden“ würde. Deswegen sage ich ja, es kommt ganz, ganz stark auf das persönliche Engagement an – neben dem Quäntchen Glück, das jeder braucht. Es ist heute möglich, Fernsehen, Hörfunk, Print und Online zu machen, also eigentlich mit vier Medien zu arbeiten. Es ist also wichtig, dass man sich in allen Medien einigermaßen heimisch fühlt und dann mal so und mal so arbeiten kann. Man sollte früh auch die eigene professionelle Flexibilität schulen und etablieren.

„Auslandserfahrung ist unverzichtbar“

Sie waren während Ihrer Studienzeit in Spanien und haben später beruflich in England gelebt. Würden Sie Berufsanfängern raten auch Berufserfahrung im Ausland zu sammeln?

Ich war für den NDR nicht nur in England, sondern auch im Nahen Osten, in Russland, oft im Baltikum und in Skandinavien. Ich war eine Zeit lang so eine Art „Krisenreporterin“. Auslandserfahrung halte ich für unverzichtbar. Damals, als ich studiert habe, in den achtziger Jahren, war das noch etwas Besonderes. In meinem Fach, der Kunstgeschichte, ging man üblicherweise nach England. Ich hab mich halt in Spanien verliebt. Außerdem gab es in Santiago Stipendien. Heute ist das schon eher normal und umso unverzichtbarer – wenn man das Wort steigern könnte. Auch dann übrigens, wenn es keinen unmittelbaren zählbaren Nutzen für das Studium hat – sprich keine Credit Points bringt. Man lernt ungeheuer viel dazu: Weltläufigkeit, Lebenserfahrung, Sachwissen, Verständnis fremder Kulturen, andere Arbeitsweisen, etc. Unbedingt raus aus der Komfortzone!

Welche 3 Eigenschaften sollten Journalisten mitbringen?

Zunächst: grenzenlose Neugier. Kritischer Verstand. Und als drittes würde ich sagen: Empathie, Einfühlungsvermögen in andere.

Wie sehen Sie die Zukunftschancen des Kulturjournalismus?

Ich glaube, dass es im Kulturjournalismus, sowie in den anderen Fachformen des Journalismus auch, sehr schwierig ist. Es werden nur wenige Formen erhalten bleiben. Heutzutage glaubt ja jeder, sich journalistisch im Netz verbreiten zu können. Es werden also nur die Formen weiterhin überhaupt verstanden und gewollt werden, die sich durch eine besonders hohe Professionalität auszeichnen – also besonders intensiv und professionell gemachte Stücke. So etwas wie investigativer Journalismus muss auch im Kulturjournalismus viel stärker gepflegt werden. Ansätze dazu gibt es. Es gibt auch in der Kultur sehr kritische, sehr heikle Themen. Nicht nur die Restitution einst gestohlener Kunstwerke, um ein Beispiel zu nennen. Es wird also mehr als früher um hart recherchierte Fakten gehen. Das zweite sind erzählende Formen. Also z. B. der große Essay oder die große Reportage oder das intensive Portrait – hier trennt sich die Spreu vom Weizen, also der gut ausgebildete und begabte Journalist vom schreibenden Amateur. Und deswegen gehört für mich, neben dem großen Sachverstand und die Weltfreundlichkeit, für den Journalisten auch unbedingt eine gute Schreibe hinzu: die berühmte Edelfeder.

Von Jessica Preuss

Foto: Lara Sagen

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