Konzertreview Anti-Flag: Punk mit Herz und Verstand

Ein Moshpit, der die gesamte Konzerthalle ausfüllt und ein euphorisches Publikum, das den Laden unsicher macht – davon können viele Bands nur träumen. Doch Anti-Flag gelingt genau das. Als die Polit-Punkband aus Pittsburgh, Pennsylvania, nach drei Vorbands die Bühne betritt, geht die Show erst richtig los.


Aber bevor es auch hier richtig ans Eingemachte geht, gibt es erst mal einen kurzen Überblick zu den Vorbands. Dass Punkrock auch ohne schrammelige Gitarren, dröhnende E-Bässe und scheppernde Drums funktionieren kann, beweist „The Homeless Gospel Choir“ mit seiner Akustikgitarre und den gesellschaftskritischen und politischen Texten. Die Einmann-Band um Derek Zanetti aus Pittsburgh, der jedes Lied mit den Worten „This is a fucking protest song!“ ankündigt, bringt einen mit melancholischen, aber selbst-ironischen Acoustic-Songs zum Schmunzeln. Nicht ganz so laut wie die anderen Bands, aber genauso intim und „In-die-Fresse“ wird es, als der Sänger kurzerhand beschließt, den Rest des Sets inmitten der Zuschauer fortzusetzen und man die Spucketropfen förmlich fliegen sieht als er voller Inbrunst die Nummer „Normal“ zum besten gibt. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auf charmante Art und Weise „raw and personal“ wie man in Amerika so schön sagt.
Obwohl sich alle Bands insgesamt in den Topf des Punk-Rocks stecken lassen, sind dennoch eigene Variationen zu erkennen und es wird bei der musikalischen Vielfalt von Folk/Indie (THGC) zu Pop Punk/Melodic Hardcore (Trophy Eyes) zu Punk-Rock (Red City Radio) und Politpunk (Anti-Flag) nicht langweilig.
Nicht langweilig wird es auch während des Auftritts der australischen Pop-Punk Band „Trophy Eyes“. Die aufstrebenden Musiker waren Anfang des Jahres mit „Knuckle Puck“ und „Neck Deep“ unterwegs und spielten unter anderem auf der Warped Tour. Dass sie auch in Deutschland nicht unbekannt sind, zeigt ihre Fangemeinde. Ein männlicher Fan, der das mit dem „hart abgehen“ scheinbar etwas zu ernst genommen hat und plötzlich während des Auftritts mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegt, sich aber partout nicht medizinisch versorgen lassen will, (nicht mal, als Sänger John Floreani das Set unterbricht und sich erkundigt, ob alles okay sei), denn „Trophy Eyes spielt, Mann!“, macht dabei ganz besonders auf sich aufmerksam.
Auch Red City Radio aus Oklahoma heizen dem Publikum ordentlich ein und bereiten alle auf den Hauptact Anti-Flag vor. Als die Band um Sänger und Gitarrist Justin Sane, Gitarrist Chris Head, Bassist Chris Number Two und Schlagzeuger Pat Thetic die Bühne betritt, explodiert der Saal. Fast jeder singt die Texte mit, alle bewegen sich in irgendeiner Form.
Die Jungs von Anti-Flag nutzen ihre Verärgerung über gesellschaftliche Missstände und Ungerechtigkeit in dieser Welt wie Rassismus und Krieg für kritische Songs und Musik, die verbindet. Mit Klassikern wie „Turncoat“, „The Press Corpse“, „Broken Bones“ und „1 Trillion Dollars“ machen sie auf Polizeigewalt, Korruption und unberechenbare Regierungen aufmerksam. Aber auch Neuheiten wie „The Brandenburg Gate“ und „Fabled World“ vom neuen Album American Spring sorgen beim Publikum für positive Resonanz. Obwohl sich jeder automatisch aus Versehen beim Tanzen in die Rippen rammt, ist eine Verbundenheit zu spüren, die man sonst nur selten erlebt. Dieses Gefühl der Verbundenheit stärkt Bassist Chris Number Two mit den Worten „Now that we all know each other, put your arms around your neighbour“, nachdem er Derek von „The Homeless Gospel Choir“ für den nächsten Song auf die Bühne gebeten hat.
Trotz ausgelassener Feierwut werden relevante aktuelle Probleme angesprochen. So äußern sich Anti-Flag zur Flüchtlingsfrage und rufen zu Solidarität und Hilfsbereitschaft auf. Doch sie reden nicht nur, sie handeln auch, wie zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.
Die Band muss das Publikum weder zum Klatschen, Mitgröhlen, noch zum wilden Tanzen auffordern – das passiert ganz von allein. Anti-Flag besticht nicht mit Pyrotechnik oder aufwendig inszenierten Spezialeffekten bei der Bühnenshow, sondern mit authentischer, energiegeladener Livemusik, Publikumsnähe und Ehrlichkeit. Wenn man ein Konzert mit diesem wohligen Kribbeln des Restadrenalins und einem Funken Hoffnung für diese (oft so chaotische) Welt verlässt, ähnlich wie nach einem richtig guten Film, spricht das eindeutig für eine gelungene Show. Und eben das haben Anti-Flag und ihre Vorbands geschafft; eine gute Show abgeliefert und das Publikum vom Alltag abgelenkt.
Wer von Punks brutale Gewalt und sinnlose Aggression erwartet, hat sich bei dieser Band gewaltig geirrt. Man sollte meinen, das Einzige was man als verschwitztes Bandmitglied nach einer anstrengenden Show tun will, ist duschen und sich im Tourbus verkriechen. Doch weit gefehlt bei diesen Jungs. Sie stürzen sich lieber in die Menge noch verschwitzterer Fans und verteilen Umarmungen.
Bei dieser Art von Konzert gibt es neben Stempeln auf dem Handgelenk blaue Flecken an sämtlichen Körperstellen vom Moshen und Pogen. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn die Blessuren erinnern an eine geile Nacht, die selbst nach ihrem Verblassen nicht so schnell vergessen wird.
Hätte ich am nächsten Tag nochmals die Chance gehabt, auf ein Konzert der Band zu gehen, wäre ich ohne überlegen zu müssen zum nächsten Veranstaltungsort gedüst.
Anti-Flag machen Punk so wie er sein sollte: mit Herz und Verstand.

Von Lisa Eimermacher

Anm. d. Red.:Das Konzert fand am 07. November in der Faust-60er-Jahre-Halle statt.

[ssba]