Klangvolles Kontra 

Er ist Poetry Slammer, Rapper, Bratschist und seit kurzem auch Buchautor – für Johannes Berger sind Musik und Literatur der Mittelpunkt seines Lebens. Er wandert von Bühne zu Bühne, um seine Gedanken mit anderen zu teilen. In seinen Texten verarbeitet er persönliche Themen und lässt sein Publikum bei seinen Auftritten daran teilhaben. Doch wer verbirgt sich hinter dem jungen Dichter, der sogar schon einen Meistertitel trägt?  

Es ist laut. Ein wirres Stimmengewirr erfüllt den Raum. Hier und da klirren die Gläser. Während am Fenstertisch drei langhaarige Freunde auf ihr Bier warten, eilt die Kellnerin in ihrer olivgrünen Leggings und dem zu kurzen Minirock durch den Raum. Es ist Freitagabend, der Gastraum im Café Übü in Linden füllt sich. Johannes steht dort, wo er am liebsten ist: auf der Bühne. Er schaut durch den Raum, begrüßt die hereinströmenden Menschen mit einem festen Handschlag und einer kurzen Umarmung – er scheint sie näher zu kennen. Dann dreht er sich um, hebt das Mikrofon auf, prüft noch einmal die Technik. Er nimmt einen Schluck aus dem mit dampfend heißen Tee gefüllten Glas und wischt sich mit der linken Hand kleine Schweißtropfen aus seinem geröteten Gesicht. Seine Lippen bewegen sich, doch er sagt nichts, starrt und stammelt leise vor sich hin. Dann dreht  er sich eine Zigarette und geht vor die Tür.

Ein stolzer Titelträger: U20-Meister 2014

Mittendrin, dort  fühlt er sich wohl. „Ich bin ’ne Rampensau“, gibt Johannes zu. In seinem schwarzen Kapuzenpullover steht er auf der Bühne, blickt durch seine braune Brille in die erwartungsvollen Gesichter seines Publikums. Ihm gefällt es, seine Gedanken mit anderen Menschen zu teilen – allerdings ohne  moralischen Zeigefinger. „Ich mag es, meine Sicht der Dinge zu erläutern, aber will anderen nichts aufdrücken. Das ist nicht die Aufgabe eines Künstlers meiner Meinung nach“, sagt er. Vor zwei Jahren wurde Johannes deutschsprachiger U20-Meister im Poetry Slam  – ein Titel, auf den der 21-Jährige sehr stolz ist.  Außerdem ist er leidenschaftlicher Musiker, studiert Jazz-Bratsche an der Hochschule für Musik, Theater und Medien und ist seit kurzem auch Buchautor. Alles begann am 4. März 2012 mit seinem ersten Auftritt in seiner Heimatstadt München. Johannes erinnert sich noch ganz genau an die Geburtsstunde seiner Begeisterung für das Slammen: „Meine Ex-Freundin hat damals geslamt. Ich habe sie öfter mal bei Auftritten begleitet, es dann auch mal probiert und bin dann dabei hängen geblieben“.

Von Liebe über Rassismus bis hin zu Homophobie

Plötzlich ertönt das Schlagzeug, die Gespräche werden eingestellt. Johannes wirft seinen Bandkollegen einen kurzen, kontrollierenden Blick zu, nickt, schnappt sich sein Instrument und dann geht es los. Harter Rapp mischt sich mit zarten Klängen einer Bratsche.
Dann wird geslamt. „Wir verschwenden Gedanken nur an Negatives. Wo ist die Liebe? Wo ist die Freude? Wo ist das gesunde Hippie-Tum?“, ruft er in die Menge. Er hebt seinen linken Arm hoch in die Luft und lässt ihn fallen, nimmt ihn wieder hoch und wieder runter, hoch und runter.  „Man muss das Leben genießen. Wir sind geboren, nicht um uns gegenseitig abzuschießen, sondern um raus zu gehen, Sex zu haben, Alkohol zu trinken, mit 200 Sachen über die Autobahn zu brettern bzw. wenn das nicht euren Moralvorstellungen entspricht, euch nett zu unterhalten, Kakao zu trinken und Fahrrad zu fahren“. Johannes und seine Worte polarisieren. Das Publikum lacht, klatscht und jubelt.  Seine Texte handeln von Themen wie Liebe, Rassismus und Homophobie – Themen, die den Musikstudenten beschäftigen. Da ist der gemeinsame Urlaub mit seinem besten Freund Thema, mal aber auch Geschichten aus dem Alltag seiner eigenen Familie. Wie auf der Bühne stellt er sich auch in seinen Texten in den Mittelpunkt – alles bewusst.  „Mir ist bei meinen Texten einfach wichtig, dass es immer was mit mir zu tun hat“.

Jugendsünden eines Teenagers

Auch sein im Frühjahr erschienenes Buch mit dem Titel „Jugendsünden“ handelt von den persönlichen Erfahrungen des Musikbegeisterten. Findet er es nicht komisch, als 21-Jähriger über Jugendsünden zu schreiben? „Das ist natürlich alles so ein bisschen selbstironisch. Mir ist ja klar, dass ich jetzt kein alter Sack bin“, sagt er und schmunzelt. Das Buch ist eine Sammlung seiner Texte, teils Lyrik und teils Kurzgeschichten, alles aus der U20-Zeit – so nennt sich die Kategorie der Poetry Slammer, unter der Texte von Siebzehn- bis Zwanzigjährigen zusammengefasst werden. Er schreibt über die Liebe zu seiner Mutter, die ersten Versuche, sich einem Mädchen anzunähern und von bescheuerten Vorurteilen. Einige Texte würde er zwar heute nicht mehr so schreiben, aber warum sollte er sie verstecken? Johannes erklärt das Konzept seines Buches:  „Es gibt zu jedem Text ein Bild. Auf dem Cover bin ich abgebildet und jedes Bild von den Texten ist ein Tattoo auf meinem Körper. Daher Jugendsünden.“

Ein Leben für die Musik

Und wo sieht Johannes sich in einigen Jahren? „Ich sehe mich als Universalschaffender. Mein Zukunftsplan ist die Musik und die Band Yunus.“ Zwar würde er eigentlich auch gerne Arzt sein, aber er könne kein Blut sehen. Aber Romane schreiben, dazu hätte Johannes Lust.  „Ich glaube, es ist auch immer zufällig, was passiert. Wenn jemand meine Musik gut findet und ein Plattenlabel auf mich zukommt, wird weniger geschrieben. Wenn ein Literaturagent kommt, gibt es halt weniger Musik“, sagt er.  Dann greift er zu seinem Buch und sucht die mit einem kleinen Knick markierte Seite. Eine letzte Kurzgeschichte liest er dem Publikum an diesem Abend noch vor. Dann klappt er es zu – aber nur für heute, denn die nächste Bühne wartet schon.

Wer Johannes Berger mal live on Stage erleben möchte, findet hier Informationen zu seinen aktuellen Terminen.

Von Milena Schwoge 

[ssba]