Kein Zoo, keine Panik

„Pass gut auf dein Handy und dein Portemonnaie auf“, rät mir meine Mutter, während ich mir meine Schuhe anziehe. Schon seit ein paar Minuten schaut sie mich sorgenvoll an – als würde ich mich gleich auf den Weg machen, um ein Hochsicherheitsgefängnis voller Straftäter zu besuchen. Mein Weg führt aber lediglich in eine Flüchtlingsunterkunft.

Solche seltsamen Situationen sind fast jedes Mal entstanden, wenn ich jemandem erzählt habe, wohin ich heute gehe. Es ist ja sehr fürsorglich, dass sich die Leute in meinem Umfeld darüber Gedanken machen, ob ich beklaut oder sexuell belästigt werde. Nur ist ein Flüchtlingsheim nicht unbedingt der Hotspot solcher Straftaten. Oder doch?

Ich fahre Auto. Meine Gedanken fahren Achterbahn. Auf der einen Seite ist da eine leise Vorfreude, denn einen Einblick in solch eine Einrichtung habe ich bislang nicht bekommen. Und auch mit Flüchtlingen habe ich bisher noch nie ein Gespräch geführt, das über freundlichen Smalltalk hinausging. Doch auch mein Gewissen meldet sich zu Wort, denn es kommt mir ein bisschen so vor, als würde ich in den Zoo fahren und eine Horde seltener Tiere beobachten. Naja, und dann ist da tatsächlich noch ein ganz kleines, mulmiges Gefühl.

Nach einer halben Stunde Autofahrt stehe ich dann endlich vor dem Haus, das mir Erkenntnis bringen soll, einem unscheinbaren weißen Wohnblock – der Flüchtlingsunterkunft. Das Gebäude ist etwas in die Jahre gekommen. Die alte, dunkelbraune Haustür steht offen. Eine Einladung nach drinnen, der ich gerne folge. Der Flur ist in Gelbtönen gehalten, an manchen Stellen bröckelt der Putz von den Wänden. Unser Treffpunkt ist ein Aufenthaltsraum im Keller des Hauses. Das Zimmer, obwohl es recht klein ist, erinnert an einen Klassenraum: Ein paar Stühle, ein paar Tische, eine Tafel mit Kritzeleien.

Als ich den Raum betrete, sind schon alle Plätze belegt. Kein Wunder, ich bin mal wieder spät dran. Aber ganz hinten in der Ecke steht noch ein freier Stuhl. Neugierige Blicke folgen mir, während ich möglichst leise durch den Raum tapse. Ich habe kaum zwei Schritte gemacht, als ein Bewohner aus Somalia aufspringt und mir höflich seinen Stuhl anbietet. Der aufmerksame Mann heißt Mustafa, wie ich später erfahre.

Nach nur wenigen Minuten weiß ich: Kein Zoo, keine Panik. Wir sind eine kleine Gruppe von Flüchtlingen und Studenten in einem spartanisch eingerichteten Raum. Die Einrichtungs-Leiterin erzählt zunächst anhand einer Power-Point Präsentation einige Details über das Flüchtlingsheim. Sudan, Somalia, Syrien, Afghanistan – Die Menschen, die hier leben, kommen aus den verschiedensten Ländern, sagt sie. Man achte darauf, Kulturen, die sich feindlich gegenüberstehen, möglichst nicht zusammen in einem Haus unterzubringen. Das Konzept geht auf, die Bewohner sind freundschaftlich im Umgang miteinander. Und auch uns Besucher empfangen sie mit viel Offenheit und Neugier. Nachdem der theoretische Teil des Nachmittags beendet ist, haben wir Zeit, einander kennenzulernen.

Wie bei jedem fremden Menschen, den ich kennenlerne, beobachte ich mein Gegenüber zunächst eine Weile. Es ist Mustafa. Er ist etwa Ende 20, hochgewachsen, trägt eine Jeans und einen Pullover. Seine Haare sind kurz und sein Hauttyp ist sehr dunkel. In seinen großen braunen Augen liegt Wärme, aber auch Unsicherheit. Er spricht deutsch mit mir, weil er zeigen möchte, wie viel er schon gelernt hat.

Anfangs stockt unser Gespräch, doch schnell ist die anfängliche Scheu verflogen und Mustafa erzählt von der tollen Landschaft in seiner Heimat Somalia. Vom Deutsch lernen und vom Fußball spielen. Seit 18 Monaten ist er bereits hier, aber er würde gerne zurück nach Hause. „Ich hatte ein schönes Haus, aber ich konnte da nicht bleiben. Bei uns ist Bürgerkrieg“, gibt er preis.

In unserem Gespräch trifft mich die Erkenntnis mit aller Deutlichkeit. Vielleicht haben wir nicht in allen Dingen dieselbe Sichtweise, haben verschiedene Geschichten, verschiedene Kulturen und verschiedene Sprachen. Aber wir besitzen eben auch genug Gemeinsamkeiten. Egal woher jemand kommt, Unterschiede wird es immer geben. Meine anfänglichen Zweifel, aber auch meine Vorfreude scheinen mir absurd, denn: „Flüchtlinge“ – Das sind Menschen, genau wie du und ich. Auch bei Mustafa klingelt morgens um sechs der Wecker, dann muss er zur Schule. Nachmittags geht er Fußball spielen und abends bereitet er mit seiner Frau das Abendessen vor. Die Wohnung der beiden ist klein und übersichtlich, Designermöbel und einen Flachbildschirmfernseher sucht man vergeblich. Trotzdem leben sie hier zufrieden. Nicht am Abgrund, aber erst recht nicht im Überfluss.

Von Leonie Herzfeldt

[ssba]