Was passiert, wenn Kapuzenpulliträger Leitartikel schreiben?

„Die Vorsilbe [Online-] sollten wir uns am Ende des Jahres schenken können – weil möglichst alle Kollegen verstehen, dass man die Möglichkeiten des digitalen Mediums bitte zu nutzen beginnt, wenn man Journalist ist.“ sagte Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Sueddeutsche.de, in einem Interview im Onlineforum „Vocer“ auf die Frage, was den digitalen Journalisten 2014 auszeichnen soll.

Plöchinger (37), ist seit 2011 für den Onlineauftritt der „SZ“ verantwortlich. Zuvor war er geschäftsführender Redakteur und CvD bei Spiegel Online und Redakteur bei der „Financial Times Deutschland“. In München studierte er zunächst Politologie, Soziologie und Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, zudem ist er Absolvent der Deutschen Journalistenschule.

Ende vergangenen Jahres wurde bekannt, dass Plöchinger in die Chefredaktion der Süddeutschen befördert werden soll. Dieser Vorschlag wurde bereits vom aktuellen Chefredakteur Kurt Kister und den Gesellschaftern der SZ durchgewunken, er muss jetzt noch vom „Impressionisten-Rat“ bestätigt werden. Der Impressionisten-Rat besteht aus den leitenden Redakteuren und Ressortleitern der Print-Redaktion.

Wie die Zeit in ihrer jüngsten Ausgabe berichtet, wehrt sich der Impressionisten-Rat dagegen. Seine Mitglieder reagierten teils empört und abwehrend auf den Vorschlag, den „Kapuzenpulliträger“ zu befördern. Dieser habe sich kein schreiberisches Profil erarbeitet und zeige zu wenig Demut, dafür sei er „selbstbewusst“. Sie hätten Angst, dass er nun wohlmöglich Leitartikel im gedruckten Blatt schreiben werde.

Sonntag druckte die FAS in ihrer Rubrik „Die lieben Kollegen“ einen Kommentar zu diesem Thema ab.

“Wobei ja vielleicht wirklich nichts dagegen spricht, einen Internetexperten in die Führungsriege der Zeitung aufzunehmen. Wäre es aber dann nicht sinnvoll, auch einen Journalisten in die Chefredaktion von „Süddeutsche.de“ zu holen?“.

Daraufhin bildete sich eine Solidaritätswelle von Journalisten in Twitter. Die Hashtags #Hoodiejournalismus und #Kapuzenpulliträger, sowie der Tumblr http://journalisten-hoodies.tumblr.com/ entstanden. Selfies von Menschen in Kapuzenpullis überschwemmten die Timeline. Manche entstanden im Büro, manche entstanden zuhause. Es waren sowohl Online-, als auch Print-Journalisten von renommierten Medien wie dem Stern, der dpa, dem ZDF, der taz, der SZ, sowie auch viele freie – sowohl jung, als auch alt.

Diese Artikel und Aktionen zeigen, wie tief die Gräben zwischen dem Print- und dem Onlinejournalismus tatsächlich noch sind. Geht es in der Personalie Plöchinger tatsächlich um seine Qualifikation als Journalist, oder doch viel mehr um Existenzängste von alteingesessenen Print-Redakteuren, die täglich zusehen wie ihre Auflagen schrumpfen? Sollte sich der Impressionisten-Rat doch noch dazu durchringen den Onliner in ihre Chefredaktion aufzunehmen, dürfen wir wohl bald beobachten, was passiert wenn Kapuzenpulliträger Leitartikel schreiben.

Von Jessica Preuss

[ssba]