„Journalisten sollten eine Mission haben, sonst haben sie den Job verfehlt“

Hans-Peter Fischer arbeitet als freier Hörfunkjournalist unter anderem für den NDR. In einem Interview mit Interact spricht er über seine beruflichen Anfänge und die Chancen aktueller Studierender im journalistischen Bereich.

Sie haben in Braunschweig Germanistik studiert. Wie sind Sie über diesen Weg zum Journalismus gekommen?

Das war Zufall. Streng genommen habe ich Lehramt studiert und wie viele Studierende stellte ich mir irgendwann Fragen zu diesem Studium und zu meinem späteren Leben. Ich überlegte, ob ich mit 30, 40 oder 50 Jahren noch einen Draht zu Schülern haben könnte. Ich war mir da nicht so sicher, also suchte ich nach Alternativen. Das war total breit gefächert: Das ging über Informatik, Architektur, Politikwissenschaften, bis eben zum Journalismus. 1994 hatte ich dann Glück, dass ich mein erstes Praktikum in dem Bereich machen durfte. Klar, natürlich gab es vorher so was wie die Schülerzeitung. Aber das erste Mal so richtig beschäftigte ich mich 1994 mit dem Beruf. Ich bekam ein Praktikum bei der Wernigeröder Zeitung und das war eine sehr spannende Zeit. Nach diesem Praktikum war für mich klar, dass ich gerne in dem Beruf arbeiten möchte.

Sie haben im Anschluss ein Aufbaustudium beim IJK Hannover gemacht. Was haben Sie schon während des Studiums getan, um Ihr Ziel zu erreichen?

Ich habe damals vor allem viel Hörfunk bei dem damaligen Lokalsender Radio Flora gemacht. Das hatte zwei Gründe: Zum einen hätte ich mich, wenn ich für andere Medien hätte arbeiten wollen, deutlicher verbiegen müssen. Zum anderen war es mir auch nicht so wichtig über den Journalismus Geld zu verdienen. Ich hab da eher andere bekloppte Studijobs gemacht. Das war nicht so intelligent möchte ich im Nachhinein behaupten. Außerdem habe ich dann nebenbei so „Kleinkram“ gemacht. Ich habe z. B. für Stadtmagazine in Braunschweig geschrieben und auch ein bisschen was für die HAZ gemacht. Aber das Kerngeschäft war wirklich Radio Flora im journalistischen Bereich.

Wie ist Ihnen direkt nach dem Studium der Einstieg in das Berufsleben gelungen?

Ich hab mich selbstständig gemacht. Ich bin in ein Büro eingestiegen, das Absolventen des IJK gegründet hatten. Die hatten so etwa zwei bis vier Jahre vor mir absolviert. Als einer von ihnen ausschied, wurde ein Platz frei. Das hieß damals O-Ton Funkbüro – die haben also hauptsächlich Hörfunk gemacht. Das war am Anfang wirklich mühsam. Ich glaube die ersten drei Monate habe ich nicht einen Beitrag verkauft und dementsprechend nebenbei weiter Teppiche verkauft.

Hatten Sie eine Art Vorbild, jemanden an dem Sie sich orientiert haben?

Nee, leider so gar nicht. Ich glaube, das hätte mir vielleicht geholfen, um einfach irgendwie eine Idee zu haben, wo ich hin möchte und die hatte ich leider nicht.

Seitdem waren Sie als freier Hörfunkjournalist u. a. für den Deutschlandfunk und den NDR tätig. Wie haben Sie es geschafft sich dort durchzusetzen?

Ehrlich gesagt hat mir das Büro im Rücken geholfen – in mehrerlei Hinsicht. Zum einen haben die mich einfach angespornt. Die haben gesagt „Hier komm, wenn du das willst, dann musst du die Qualität bringen. Dann musst du dich daran setzen, dann musst du noch daran arbeiten.“ Die haben mich aber auch persönlich gestärkt und haben gesagt, dass das alles keine Geheimwissenschaft ist und man es lernen kann. Außerdem eben auch Beharrlichkeit, akribische Arbeit, typische preußische Sekundärtugenden. Ich behaupte mal, es war auch einfach eine gewisse Qualität der Arbeit. Wenn wir die Redaktionen gefragt haben, warum wir beauftragt wurden, dann fielen häufig solche Sachen wie „Wir wissen, wenn wir euch beauftragen, dann kommt da immer eine gleichbleibende Qualität und die ist überdurchschnittlich.“

Sie haben auch ein paar Monate als Journalist in Schweden gelebt und gearbeitet. Wie sind Sie da rangekommen?

Das deutsche Programm des schwedischen Rundfunks suchte Redakteure – befristet für elf Monate. Ich fand das ganz spannend. Ich hatte im Studium schwedisch gelernt. Nicht wirklich gut, also ich spreche auch heute noch ziemliches Indianerschwedisch, aber es reicht halt so. Ich fand die Herausforderung spannend und bin dann im Jahr 2000 für ein dreiviertel Jahr nach Schweden gegangen.

Würden Sie Berufsanfängern raten auch Berufserfahrung im Ausland zu sammeln?

Jein. Also ich glaub das hängt immer individuell vom Lebensplan ab. Wenn jemand weiß, dass er von vorneherein nur in Deutschland arbeiten möchte – vielleicht zu sehr deutschen Themen wie Lokaljournalismus, Innenpolitik, Bundesliga – dann braucht er nicht unbedingt Auslandserfahrung. Andererseits wenn man anders arbeiten möchte, vielleicht auch mal über den Tellerrand schauen möchte, dann ist das Ausland wirklich eine unwahrscheinlich gute Schule – auch abseits der Praxis. Ich habe auch in meinen beiden Auslandsaufenthalten sehr viel über mich selber gelernt und über mein Land. Es ist hilfreich so eine Perspektive von außen auf das eigene Tun und das eigene Land zu haben. Ich finde, es ist in der Berichterstattung auch mal ganz schön, wenn man darauf zurückgreifen kann.

Wenn jemand auch Hörfunkjournalist werden möchte – was würden Sie ihm/ ihr raten?

Soviel wie möglich praktisch zu arbeiten und da ist fast schon egal, wo man das macht. Also es ist natürlich toll, wenn man sagen kann, dass man schon seit zwei Jahren freiberuflich nebenbei für NDR oder Deutschlandradio gearbeitet hat. Das ist später auf dem Markt aber gar nicht erforderlich. Stattdessen sollten Journalisten viel Erfahrung haben und eine möglichst hohe Bandbreite an Darstellungsformen bedienen können. So kann man einfach aus dem Start mehr oder weniger sofort professionell einspringen. Es ist wichtig, dass ich die Standards kenne, dass ich Formate erkenne, dass ich die Sprache meiner Zielredaktion spreche und die Sprache meines Zielpublikums. Und das geht nur, wenn ich viel gemacht hab, wenn ich nicht mehr groß darüber nachdenken muss, wie so ein gebauter Beitrag geht oder eine Reportage. Das können Sie analog auf alle anderen Bereiche übertragen. Wenn Sie in die Moderation wollen, müssen Sie eben einfach schon was moderiert haben. Da ist der lokale Radiosender Leinehertz in Hannover eine wirklich gute Adresse, weil Leinehertz wirklich eine Menge ermöglicht. Das können Sie aber auf andere Städte mit entsprechenden Medienangeboten genauso übertragen. Also so viel wie möglich machen und möglichst auch schon gleich Verbindungen aufbauen.

 Häufig wird gefragt „Kennst du nicht jemanden?“

Sind solche Kontakte auch für den späteren Berufsweg wichtig?

Bei uns ist das wie in allen anderen Bereichen auch. Wenn Sie da vernünftige Kontakte haben in Medienbetriebe, hilft Ihnen das. Wenn Sie sich da, sagen wir mal, zumindest keinen schlechten Namen gemacht haben, ist das hilfreich. Berufseinsteiger werden später immer wieder feststellen, dass viel über Empfehlungen geht. Es wird viel untereinander geredet. Auch unter den Redaktionen. Häufig wird gefragt „Kennst du nicht jemanden?“ Und da ist es gut, wenn man viel gemacht hat, wenn man so ein bisschen auf den Radarschirm der Kolleginnen erschienen ist. Das geht relativ schnell. Natürlich kann man sich auch über Kaltakquise etablieren, also, dass man sich irgendwie reinfühlt in eine Redaktion die einem völlig fremd ist. Aber das ist immer schwierig. Es geht. Natürlich geht das. Aber es ist aufwendig, man muss sich viele doofe Fragen gefallen lassen, man muss häufig vorarbeiten. Da ist es manchmal einfacher, wenn man über Vitamin B eine Chance bekommt. Und das ist häufig nur eine Chance. Also wenn da jemand sagt „ich kenn da jemanden“, heißt das nicht, dass man drin ist. Man muss sich dann erst noch bewähren.

Wie schätzen Sie die Chancen aktueller Berufsanfänger in dem Bereich ein?

Die sind ehrlich gesagt nicht rosig. Das liegt einfach daran, dass es weiterhin ein Trendberuf ist. Der Markt ist voll mit Leuten, die gerne journalistisch arbeiten möchten – und dies auch können. Ich glaube, dass das Ausbildungsniveau, das Kompetenzniveau heute so hoch ist, wie eigentlich noch nie. Wir haben andererseits den Zustand, dass viele Redaktionen und viele Medienhäuser eher Stellen abbauen, als Leute einstellen. Ich halte das für eher kontraproduktiv, weil das Publikum eigentlich, wenn es Journalismus will, auch Qualitätsjournalismus will. Also eigentlich besteht ein Bedarf an gut ausgebildeten Journalisten und Journalistinnen. Trotzdem sind die Marktchancen eher schlecht. Ich glaube jemand der in den Bereich will, braucht ein dickes Fell, Durchhaltevermögen, braucht eine hohe Kompetenz und leider auch ein bisschen Glück. Es ist leider einfach genauso. Damit möchte ich niemanden entmutigen, ich will damit eigentlich eher ermutigen. Es gibt da eine Chance, man muss sie halt ergreifen und man muss vielleicht härter dafür arbeiten, als jemand der z. B. Maschinenbau studiert.

Welche drei Eigenschaften sollten Journalisten mitbringen und warum?

Das hört sich immer so doof an, aber ich finde Journalisten sollten zuhören können. Ich erlebe das immer wieder, dass Kollegen nicht zuhören und mit vorgefassten Meinungen irgendwo hingehen. Ich habe auch einen ganzen Sack voll vorgefasster Meinungen, aber man sollte als Journalist auch in der Lage sein die zu überprüfen. An diesem Komplex „Zuhören können“ hängen all die Sozialkompetenzen dran, die es eben auch braucht. Man braucht eine gewisse Empathie, man muss sich einfühlen können, man muss sich vorstellen können, wie Menschen leben, denken, handeln. Sowohl als Privatperson, als eben auch als institutionelle Person.

Darüber hinaus müssen Journalisten kompetent sein. Sie müssen wissen was sie können, was sie können müssen und sie müssen ihr Publikum bedienen können in ihrem Medium. Diese ganzen Kompetenzen, preußische Sekundärtugenden, ein sicheres Handwerk, das müssen wir mitbringen. Das stellt dann auch sicher, dass die Berichterstattung vernünftig ist.

Und drittens halte ich es für wichtig, dass Journalisten so eine Art „Mission“ identifizieren, dass sie sagen „Ich möchte mit meinem Job gerne das und jenes“. Wir gelten ja nicht umsonst als vierte Macht im Staat. Nicht jeder von uns möchte gerne politisch arbeiten, das sehe ich absolut ein. Aber jeder sollte für sich irgendwas definieren, was er in seinem Job gerne bewegen möchte. Also wo man hin will, warum man das als wichtig erachtet. Wenn man den Job als unwichtig sieht und ihn nur betreibt um sich den Kühlschrank vollzustellen, hat man den Job so ein bisschen verfehlt.

Oder man sagt der Partnerin „Weißt du was Schätzelken: Die Kneipe findste auch alleine, ich arbeite jetzt hier nochmal ein bisschen weiter“.

Als Journalist hat man unbeliebte Arbeitszeiten. Wie bringen Sie diese mit Ihrem Privatleben in Einklang?

Naja, da muss man sich halt ein Umfeld schaffen, dass das akzeptiert. Da hat man als junger Mensch in der Regel weniger Schwierigkeiten, da ist man einsatzbereiter. Ich verallgemeinere jetzt mal von mir ausgehend, aber ich glaube die Beobachtung stimmt einfach. Je jünger man ist, desto stärker ist man auch bereit da flexibel zu sein und Privates hinter Berufliches zurückzustellen. Da sagt man eher mal „Na gut, dann geh ich halt auf den Abendtermin“ oder man ist am Wochenende im Einsatz. Oder man sagt der Partnerin „Weißt du was Schätzelken: Die Kneipe findste auch alleine, ich arbeite jetzt hier nochmal ein bisschen weiter“. Aber je älter man wird und je mehr Zwänge sich vielleicht auch einfach so im Privatleben auftun, desto stärker sind dann die Kollegen häufig auch bemüht das mit dem Privatem in Einklang zu bringen. Das Schöne ist: Je länger man in dem Job arbeitet, desto besser wird ja auch in der Regel das Standing. Dann sind plötzlich Sachen möglich, die am Anfang vielleicht so nicht möglich waren. Eine gewisse Flexibilität muss man natürlich weiterhin mitbringen, aber man kann dann später häufig auf die Familie verweisen und muss dann nicht mehr alles annehmen.

Wie sehen die Zukunftschancen des Journalismus aus?

Puh, ich bin kein Wahrsager. Ich hab da eine ambivalente Haltung. Ich sehe einerseits, dass viele Kollegen heute sehr gut ausgebildet sind und einen guten Job machen. Das Kompetenzniveau ist hoch und auch der Bedarf an Journalismus ist sehr hoch. Wir sehen, dass die Welt nicht einfacher wird, sie wird eher komplexer. Die mediale Vermittlung spielt eine große Rolle. Viele Leute brauchen Orientierung und suchen und finden sie im Journalismus. Insofern ist eine meiner Haltungen, dass der Journalismus eine sehr sehr gute Zukunft hat, weil wir sehr viel und auch sehr viel Komplexeres vermitteln müssen in Zukunft, als wir das heute tun. Und auch als wir das noch vor 20 bis 30 Jahren machen mussten.

Andererseits, wenn wir unter den ökonomischen Bedingungen weiter arbeiten müssen, die wir aktuell vorfinden, wird es schwierig werden. Also wenn irgendwelche Manager glauben, dass sie immer mehr billig-billig irgendwo outsourcen, dann werden wir irgendwann schlechtere Produkte sehen und dann haben wir ein Problem. Ich glaube aber, da wird sich die Medienlandschaft ausdifferenzieren. Ich glaube, dass die Betriebe, die für sich den Qualitätsjournalismus entdeckt haben, derzeit umdenken. Wenn ich mir solche Häuser angucke, wie die Süddeutsche Zeitung oder auch den NDR, die sehen mit Qualitätsjournalismus kommen wir weiter, als wenn wir alles billiger machen. Wie weit das dann durchgreift, müssen wir einfach mal gucken.

Von Jessica Preuss

Foto: Lara Sagen

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