Ja ne is klar – 20 Zentimeter? 

Genau so winzig ist sie. 20 Zentimeter. Braucht man denn mehr? Es kommt doch auf die inneren Werte an. Das gilt zumindest für Handtaschen.

Über innere Leere kann sie sich auch nicht beklagen. Die klaffenden Zähne des Verschlusses gieren ständig nach mehr, und genau das wurde ihr zum Verhängnis. Man kann die Beziehung zu dieser Tasche, wie die zwischen einer liebenswerten Frau und deren Kater sehen. Die Besitzerin stopft den Kater so voll, dass er platzt. Eben genau das ist dieser Tasche widerfahren. Mit einem verschnörkelten Blumenmuster – ähnlich dem einer kitschigen Gartentischdekor – liegt sie nun da. „Wir hatten so ein erfülltes Leben gemeinsam“, zippt die Tasche ein letztes Mal bevor ihr Innenleben schwinden wird. Der Miniatursalzstreuer, ein billiger Werbekuli und das rote Taschenmesser – von dem wir alle wissen wer es erfunden hat – ziehen jetzt um.

„Der harte Aufprall, weißt du noch? Als du wutentbrannt mich gegen die Wand geworfen hattest. Ich dämpfte die Wucht mit meiner ledernden Haut.“

Eine Erinnerung die sie als Trumpf gezückt hatte, aber ihr Ende ist besiegelt. Die Tasche mit dem winzigen Loch wird eingemottet. Das Loch ist nur ein Vorwand der Besitzerin, vermutet sie: „Das zu Flicken wäre doch kein Aufwand! Ich verstehe nicht wieso es nicht mal versucht wird.“ Die Klagen prallen ebenso an der Eigentümerin ab, wie die Argumente der Tasche stark sind. Der klägliche Versuch eines verstoßenen Partners ist jedem wohlbekannt: „Wollen wir es nicht nochmal probieren?“ Einzig und allein in den Gedanken verborgen schlummert der wahre Grund. Es liegt nicht an ihr, der Tasche, sondern an der Besitzerin. Vor Monaten hatte sie mit einer neuen Handtasche im Schaufenster geliebäugelt. Der Moment, die alte Beziehung zu beenden, scheint günstig zu sein. „Ich habe es schon vermutet, schließlich war ich ja dabei“, gesteht sich das Stöffchen Elend ein. Zusammengefallen und leer hat sie eine neue Aufgabe gefunden: Es ist das Abwarten im Schrank bis es einen zweiten Frühling geben wird. „Stark ist die Liebe zu Neuem und schwach ist, das Altbewährte ersetzen zu wollen“, ein letzter Gedankenanstoß der Tasche an die Ex-Trägerin. Das Täschchen jedenfalls hofft auf die schnelle Rückkehr des User-Looks.

Von Maike Skerstins

Foto: Milena Schwoge

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