Ist kurz und knackig gut genug?

Beim Speeddating treffen Singles in 35 Minuten fünf unterschiedliche Persönlichkeiten. Doch reicht das zum Kennenlernen?

Sein fein kariertes, blau-weißes Hemd ist bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. Zwischen den Fingern seiner rechten Hand dreht er nervös einen dunklen Kugelschreiber. Der linke Arm flach auf dem kleinen, quadratischen Tisch vor ihm abgelegt, sitzt er schräg auf einem modernen, braunen Holzstuhl. Bereit zum Aufspringen und Loslaufen. Drei dumpfe Schläge sind zu hören. Ein Stift wird gegen ein Windlicht geklopft. „So, die Herren rücken nun bitte einen Platz weiter.“ Er lächelt der jungen Frau ihm gegenüber zu, steht auf und geht zum Nachbartisch. Vier weitere Männer tun es ihm gleich.

Die fünf Tische sind durch eine Stufe leicht von der restlichen Einrichtung der Bar abgetrennt. Jeweils zwei gegenüberstehende Stühle, ein kleines „Reserviert“-Schild und ein flackerndes Windlicht in der Mitte des Tisches. Das Licht ist gedämmt. Ruhige, spanische Musik ist zu hören. Es herrscht eine gemütliche, harmonische Stimmung.

Wie die meisten der anderen ist Sebastian zum ersten Mal beim Speeddating. Der 28-jährige Hannoveraner ist seit eineinhalb Jahren Single. Nun versucht er auf diese Weise seine wahre Liebe zu finden. Doch ist das in der kurzen Zeitspanne überhaupt möglich? Und auf wen trifft man dabei? Fast jeder hat vom Speeddating schon mal gehört, aber die allerwenigstens waren wirklich dabei.

Sebastian stellt sich seiner neuen Tischnachbarin vor, reicht ihr die Hand und setzt sich. Nervös erzählt er von sich: Beruf, Herkunft, Hobbys, Musikgeschmack. Sie lenkt interessiert mit ein, lächelt viel, lacht leise und schafft ein höfliches Gespräch. Immer noch klammert er sich an seinen Kugelschreiber und sitzt wie bereit zur Flucht auf der Stuhlkante. Es herrscht eine freundliche und doch beklemmende und befremdliche Stimmung, die sich langsam lockert. Dumpfe Schläge. „Die Zeit ist schon wieder um. Die Herren rutschen nun bitte einen Tisch weiter“.

Beim Speeddating haben die Teilnehmer sieben Minuten Zeit, sich kennenzulernen. Danach wird gewechselt. „Ich schaue da allerdings nicht genau auf die Sekunde, sondern höre erst mal wie die Stimmung gerade ist“, erklärt Karsten. Der Veranstalter ist nun seit etwa zwei Jahren mit dabei und betreut jeden Sonntag die Datings von drei verschiedenen Altersgruppen. „Das Alter wird aber nicht kontrolliert. Jeder kann selber entscheiden, wo er am besten hinein passt“, so Karsten. Die beiden späteren Gruppen wurden für heute wegen zu weniger Anmeldungen wieder abgesagt. „Das ist das erste mal, dass die mittlere Gruppe ausfällt“, wundert sich der 45-Jährige. „Hier in Hannover sind leider immer nur sehr wenige Anmeldungen. In Köln, Berlin oder Hamburg trauen sich die Leute schon eher her zu kommen. Hier kommt es leider öfter mal vor, dass wir eine Gruppe absagen müssen.“

Sebastian arbeitet als Feinmechaniker, hat jedoch auch viel mit Kunden zu tun. Mit Smalltalk kennt er sich gut aus. „Ich habe mal ein zweitägiges Smalltalk-Seminar besucht. Das kann ich hier nun gut anwenden.“ Die Kenntnisse braucht er bei seiner nächsten Bekanntschaft jedoch noch nicht. Die junge Frau ihm gegenüber ergreift direkt das Wort und plappert laut drauf los. Den Hannoveraner entspannt das. Er sitzt nun gerade auf dem Stuhl, die Füße locker unter dem Tisch überschlagen, die Hände vor sich verschränkt. Es entsteht ein unverkrampftes, leichtes Gespräch. Ob es bei den beiden wohl ein weiteres Treffen geben wird?

Die Teilnehmer vom Speeddating lernen sich hier nur unter einem Pseudonym kennen. Nach der Veranstaltung können sie ihre Favoriten unter einem bestimmten Link auswählen. Entscheiden sich zwei von ihnen füreinander, werden die Kontaktdaten sichtbar und dann kann das Daten richtig beginnen.

Sebastian hat inzwischen noch zwei weitere Frauen kennen gelernt. An seinem letzten Tisch sitzt ihm eine hübsche, dunkelhaarige Türkin gegenüber. Seine Smalltalk-Kenntnisse kann er nun doch noch einmal ganz besonders nutzen und hat direkt einen guten Start durch ihr Pseudonym: Mini Maus. „Wie bist du denn auf den Namen gekommen?“, fragt sie der 28-Jährige, „Passt das zu dir?“ Die Antwort ist nicht sehr lang und nach seinen anschließenden, typischen Fragen nach Beruf, Herkunft, Hobbys und Musikgeschmack kommt er schließlich zur Lieblingsfarbe und schafft damit noch etwas neuen Gesprächsstoff. Dong, Dong Dong. Sebastian schaut erleichtert auf, als Karsten seinen Kugelschreiber gegen das Windlicht klopft. „Das war es schon. Die Männer sind einmal ’rum und ihr habt euch nun alle ein wenig kennen gelernt. Nebenan ist ein großer Tisch für euch reserviert. Wer möchte, kann die Gespräche jetzt ganz locker in großer Runde weiterführen.“

Stühle werden zurück geschoben. Manche langsam, andere schnell und ruckartig. An einem Tisch gar nicht. Die beiden Teilnehmer unterhalten sich weiter, als wäre nichts geschehen. Ein Großteil der anderen schlendert gemütlich zum Tisch im Nachbarraum. Zwei Frauen verlassen die Bar auf direktem Weg und Sebastian steht noch zögernd neben dem Stuhl an seinem letzten Tisch. Wie geht es jetzt weiter?

War dieser kurze Abend nun erfolgreich? „Ich bekomme ja leider nicht mit, wer sich hinterher nochmal trifft“, erzählt der Veranstalter, „aber einige Männer sehe ich hier öfter mal. Der eine Teilnehmer heute war bestimmt schon das vierte Mal hier.“ Die Erfolgsquote ist also schwer zu erkennen. Laut Internetseite der Agentur liegt sie jedoch bei 83%.

Aber was sagt Sebastian zu diesem Abend? „Es hat Spaß gemacht! Das Spannende dabei ist es, sich alle paar Minuten auf ganz neue Leute und auf komplett unterschiedliche Persönlichkeiten einzulassen. Ich habe heute eine Bankkauffrau, eine Mode-Designerin, eine Controllerin, eine Regieassistentin aus der Oper und eine Ernährungsberaterin kennen gelernt. Wo schafft man das sonst in 35 Minuten?“ Viel aufgeschrieben hat sich der Feinmechaniker nicht. Auf seinem Notizzettel stehen bloß fünf Wörter. Die Namen, genauer gesagt, die Pseudonyme der Frauen. „Ich setze mich nun in Ruhe hin, gehe alle Gespräche nochmal durch und schaue, ob die Faktoren zusammen passen. Macht sie gerne Party oder gerade nicht? Hat sie einen ähnlichen Musikgeschmack wie ich? Was sind ihre Hobbys? Und dann entscheide ich, wen ich online auswähle.“

Direkt gefunkt hat es für Sebastian in der kurzen Zeit bei keiner der Damen, „bei der einen hätte er mir aber ruhig auch 15 Minuten geben können.“

Sebastian schaut sich zögernd um, wartet kurz. Dann verlässt er die Bar und geht.

Von Kathrin Gatzemeier

Foto: Lara Sagen

[ssba]