#leinegang

 

Ein Bild vom Starbucks-Becher mit dem morgendlichen Kaffee, der mit frisch lackierten Fingernägeln fest im Griff gehalten wird, der leckere Obstsalat aus der Mittagspause und das obligatorische Gute-Nacht-Selfie – gemeinsam mit den passenden „#tags_for_likes“ scheinen solche Motive bei Instagram ihr Zuhause gefunden zu haben. Dass das soziale Netzwerk aber noch viel mehr kann, als Klischee-Accounts demonstrieren, beweist „Die Leinegang“. Sie zeigen bei Instagram nicht nur ihre Heimat Hannover, wie sie wirklich ist: Für die Leinegang ist Instagram selbst zu einem Stück Heimat geworden.

Ich stehe am Opernplatz vor einer hölzernen Parkbank, als ich auf André „egonprczybylsky“ warte. Die Bank kommt mir bekannt vor, zahlreich kann man sie in seinem Instagram-Profil sehen. Auf der Bank wechselndes Personal: Ein Pärchen und eine Dame, die verträumt in die Gegend schauen; zwei Männer, die sich in ihre Mäntel eingemummt haben – sie alle wurden hier von dem 36-jährigen in seiner Mittagspause abgelichtet. Ich schaue mich um, nach wem genau weiß ich nicht. André’s Motive sind vielseitig – Gebäude, Treppen, alte Spielplätze und vieles mehr. Das berühmte Selfie jedoch findet man bei ihm nicht. Anders als auf meinem Profil, denn mich scheint der Mann, der geradewegs auf mich zukommt, erkannt zu haben. Er ist leger gekleidet. „Instagrammer undercover“, kommt mir spontan in den Sinn. Ich bin sogar ein bisschen froh darüber, dass er nicht dem Klischee entspricht. Vielleicht hätten mich zerrissene Jeans, Nietenjacken und Männer-Dutts in Kombination mit seinen über zehntausend Followern verunsichert. Zu meiner Erleichterung ist die Begrüßung herzlich. „Hannover muss man eine zweite Chance geben“, stellt André gleich zu Beginn klar. „Wenn du dir etwas Zeit nimmst, wirst du überrascht sein, wie viel es zu entdecken und zu teilen gibt“, heißt es schon in seinem Profil.

In diesem Sinne machen wir uns auf den Weg, abseits der Touristenrouten, in Richtung Linden. Bereits unterwegs wird das iPhone 6, die Waffe eines Instagrammers, gezückt, erste Motive werden abgelichtet. André’s Fotostil ist authentisch: Er bearbeitet wenig und zeigt die ungeschönte Wahrheit. Für ihn ist Instagram wie ein Tagebuch. Dennoch sei es ihm auch wichtig, anderen seine Heimat näher zu bringen. Hannover sieht er als Stadt mit Charakter. „Als Kreativer ist man hier gut aufhoben“, stellt er fest, den Blick hat er durch seine Handykamera gerichtet.

Besonders repräsentativ für Hannover seien das Rathaus, der alte Funkturm und das Ihmezentrum – alles Motive, die er mehrfach auf seinem Profil zeigt. Auch heute, bei seiner kleinen Stadtführung nach Instagrammer Art, darf das Ihmezentrum nicht fehlen. Auch mir juckt es nun in den Fingern, ein paar Schnappschüsse zu schießen. 57 Bilder später machen wir uns auf den Weg zur Glocksee – dem „Geburtsort“ der Leinegang. Vor einem Jahr traf sich hier im Rahmen des „World Wide Instameets“ Hannovers Instagram Szene. Dabei fand sich der feste Kern der Leinegang, der sich regelmäßig trifft und gemeinsam fotografiert. Angekommen an der Glocksee, stoßen spontan zwei weitere Mitglieder und ein Instagrammer aus Hamburg dazu. Spontanität wird bei der Leinegang groß geschrieben, wie ich selbst merke. Zu fünft machen wir uns auf den Weg zurück in Richtung Innenstadt. „Unter uns herrscht keine Rivalität. Es ist toll, durch Instagram sogar Freunde gefunden zu haben.“, so André. „Mein Heimatgefühl wurde durch Instagram nur gestärkt. Es fällt einem immer wieder Neues auf und man bekommt eine ganz andere Sicht auf die Dinge“.

Von Brianna Lache

Foto: Lena Schwarze

[ssba]