In Gesundheit und Krankheit – An einen Rollstuhl gefesselt in dem ein anderer sitzt 

Erika  sitzt in einem großen, ledernen Sessel – seinem Sessel. Ein Überbleibsel einer anderen Zeit. Kaum etwas in dem Haus hat sich verändert seitdem. Alles ist noch da, wo es auch vor drei Jahren schon war. Nur das Bett im Schlafzimmer ist jetzt ein Einzelbett.

Sie ist einige Momente still während sie das Bild in dem bereits vergilbten Fotoalbum betrachtet. Es ist schwer zu sagen, was sie gerade empfindet – Reue, Liebe, Verlust? Drei Jahre ist es nun her, dass ihr Mann Hans-Martin verstorben ist. Drei Jahre in denen sie ein Stück Leben zurück bekommen hat. Sie selbst bereut die Zeit an seiner Seite nicht, sagt sie.

Es Begann in den 80er Jahren mit einem entzündeten Sehnerv. Kurze Zeit später begann Hans-Martin zu stolpern und verlor immer wieder das Gleichgewicht. Sein linkes Bein war gelähmt. Erst zwei Jahre später diagnostizierte ein Neurologe, was sich hinter den Symptomen versteckte: Multiple Sklerose.

Bei MS handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Nervenkrankheit, deren Ursache noch immer ungeklärt ist. Sie kann fast jedes neurologisches Symptom vorweisen und gilt als unheilbar. Frauen sind doppelt so häufig von der Krankheit betroffen wie Männer. Allein in Deutschland gibt es 122 000 MS-Erkrankte und gehört damit zur häufigsten chronisch-entzündlichen Nervenerkrankung in Mitteleuropa. Multiple Sklerose ist in den meisten Fällen keine tödliche Krankheit, kann aber zu schweren Behinderungen kommen. Die Schübe kommen in der Regel im Alter von 15 bis 40 Jahren. Hans-Martin war damals 52.

Natürlich konnte das Paar weiterhin reisen und Ausflüge machen – wenn auch zu anderen Konditionen als ihre Freunde. Machte der Kegelclub einen Ausflug mit einem Planwagen, so setzten sie sich in ein Lokal und warteten auf deren Rückkehr. Bummeln durch die Altstadt wurde auf Grund des holprigen Kopfsteinpflasters mehr eine Herausforderung als ein netter Spaziergang. Und während sie ihre Füße ins Meer hielt, konnte Hans-Martin nur von der Promenade aus zu schauen.

Erika blieb nie lange fort von ihrem Mann. Besuchte sie Freundinnen, dauerte es nicht lange bis sie es wieder nach Hause zog. Auch Hans-Martin erfüllte ein mulmiges Gefühl ohne seine Gattin. Jede Art von externer Hilfe, zum Beispiel von einer Tagespflege, lehnte er vehement ab.

Manchmal trauert Erika über die verlorenen Jahre. Sie habe schon viel verzichtet, sagt sie heute. Aber vorgeworfen hätte sie ihrem Mann das nie. „Wenn du jemanden so liebst, dann kannst du ihm einfach nicht böse sein“, sagt sie, während sie die Bilder im Fotoalbum betrachtet. Und nun sieht man ihren Augen an, was sie gerade empfindet, man hört es in ihrer Stimme, sieht es in der Art, wie sie mit der Hand über die Bilder fährt: Liebe, Aufrichtigkeit, Dankbarkeit.

Ein Jahr nach Hans-Martins Tod packte Erika ihre Koffer und machte eine Kreuzfahrt durch den Atlantik – etwas, das sie vorher nie in Erwägung hätte ziehen können. Heute lässt sie sich Zeit beim Einkaufen oder beim gemeinsamen Kaffeetrinken mit Freunden. Sie kann hingehen wohin sie will, wann sie will und vor allem solange sie will.

Von Madeleine Buck

[ssba]