In Gedanken verschlungen 

Inspiriert vom amerikanischen Halloween-Kult, schrieb Interact-Autorin Maike Skerstins eine kleine, aber dennoch erschütternde Horror-Geschichte.

Der Kopf wählt aus einer Vielzahl an Möglichkeiten aus. Diesmal soll es der Vierkant sein. Mattroter Griff. Solide gefertigt. Damit töte ich sie. Die Stange rammt sich durch den Unterboden des Kiefers, in die Mundhöhle, durch die Zunge. Dann ein luftgefüllter Raum ohne Widerstand und anschließend durch den knackenden Gaumen. Meine Fingerkuppen nehmen das Durchdringen wahr, ähnlich wie ein Schaschlikspieß, der sich durch ein mehrstöckiges Sandwich bohrt. Die verschiedenen Schichten erfordern mal mehr, mal weniger Druck. Ihre Augen sind weit aufgerissen und suchen einen fixen Punkt in dem zornigen Gesicht gegenüber. Die gespannten und weit geöffneten Lippen sind vor Todesangst gelähmt. Jetzt habe ich die Frau mit dem schwarzen Dutt am Spieß baumeln. Die Kontrolle ihrer Kopfbewegungen besitze nun ich allein. Dich werde ich verbluten lassen, wie ein geschächtetes Lamm. Sie wird sich das nächste Mal in der U-Bahn umschauen, ehe sie sich mit dem Rücken zu mir setzt und meinen Zopf mit ihren Haaren streift und das ganze dreimal. Die Bahn kommt zum Halt: „Endstation, Fahrgäste bitte aussteigen“, ertönt es aus den Lautsprechern. Mein Blick richtet sich auf die ermordete Frau, deren Schritte energisch, zielgerichtet und sehr lebendig zur Tür schreiten.

Ich töte mehrmals täglich und niemand merkt es. Der eindrücklichste Mord geschah am letzten Abend des Oktobers vor exakt einem Jahr. Der Vorhang steht schon lange offen. Auf der Bühne stimmt der Tenor den Höhepunkt der Oper an. Aber neben mir spielt die eigentliche Szene. Mord aus faustgeballtem Hass. Es knurrt, knackt und gurrt in seinem Magen – widerwertig. Der unbekannte Mann neben mir – aufrechtsitzend. Die Winkel des Mundes abfallend und auch sonst wirkt der Rest eher entspannt. Nicht so meine Gesichtszüge. Die eingesogenen Wangen zwischen den Kauleisten zusammengequetscht, suche ich mir – in meinen Gedanken verborgen ungestört – eine Mordwaffe aus. Eine Wand und meine Kraft sollen das Bild meines Hasses mit seinem Blut zeichnen. Die rechte Seite seines Gesichts an einer rauen Putzfassade entlang gezogen. Mundwinkel, Augenlid und Wangenknochen schmirgeln sich melodisch ab. Tränenflüssigkeit, Speichel und Blut vermischen sich und beflecken die in unschuldigem weiß getünchte Wand. So weiß, dass sie an einem sonnigen Tag im Augapfel brennt. Es gurrt, gurgelt und gluckert. Er hat den Mund zu voll. Kläglich versucht er gegen seine eigenen Säfte im Hals anzuschreien. Herrlich wie es klingt, wenn man selbst diese Geräusche erzeugt hat.

Stille erfüllt den Raum. Der Saal hingegen tobt, jubelt und beklatscht das Bühnenwerk. Der unbekannte Mann macht das noch heftiger als alle anderen. Meine Ohren schmerzen nur wegen seiner Freude, die er mit tosenden Applaus zum Ausdruck bringt. Ich wähle erneut aus meinem Waffenarsenal aus. Und wenn ich abends zu Bett gehe, bedecke ich mich mit Unschuld und Reinheit. Nichts war ein Traum, alles ist real, nur weiß es keiner. Meine Bettwäsche ist schmerzhaft weiß, wie ein frisch geweißeltes Haus oder gezuckerte Schlagsahne. Mord ist umso süßer, je mehr man davon frisst.

Happy Halloween

Von Maike Skerstins

Foto: Lisa Eimermacher 

[ssba]