Im Pulk der Pedale  

Die Bewegung Critical Mass kämpft für mehr Sicherheit und Respekt für Radfahrer auf hannoverschen Wegen – Eine Begegnung 

„I want to ride my bicycle, I want to ride it where I like“, dröhnt es aus einem orangenen Fahrradanhänger. Es ist Viertel nach sechs. Der Platz am Klagesmarkt füllt sich. Menschen reden wild durcheinander. Die Gespräche mischen sich mit quietschenden Bremsen und klappernden Gepäckträgern. Noch fünfzehn Minuten, dann ist es soweit, dann wird los geradelt. Auf dem gepflasterten Platz versammeln sich klassische Damenrädern, reihen sich sportliche Mountainbikes an lässige Liegeräder. Plötzlich unterbricht eine Fahrradklingel die Unterhaltungen. Die Menschen werden nervös. Das metallische, schrille Geräusch scheint anzustecken. Immer mehr von ihnen klingeln, ordnen sich wie Marschierende hintereinander an. Dann schwingen sie die Beine über die Räder und treten in die Pedalen. Es ist das Kommando zum Aufbruch.

Jeden letzten Freitag im Monat trifft sich die Bewegung „Critical Mass“ (CM) –  auf Deutsch „Kritische Masse“ –, zu einer gemeinsamen Fahrradtour quer durch die hannoversche Innenstadt. Eine feste Route gibt es nicht, dafür aber ein gemeinsames Ziel. „Wir erradeln uns die Utopie, und zwar breite, gleichberechtigte Straßen, auf denen der Radverkehr neben dem Autoverkehr rollt“, sagt Teilnehmerin Anja Flötenmeyer. Auf dem Gepäckträger ihres leuchtend blauen Fahrrads klebt ein runder Aufkleber. “Copenhagenize“ steht in Großbuchstaben darauf geschrieben. „Wir möchten eine hannoversche Radkultur nach dänischem Vorbild“, erklärt sie mit einem fordernden Unterton. Die CM-Tour ist mehr als nur eine gemütliche Fahrt unter Gleichgesinnten – sie mischt politische Demonstration mit organisiertem Zufall. Die Teilnehmer prangern zu hohe Unfallzahlen an und fordern eine sichere und familienfreundliche Infrastruktur. Flötenmeyer zeigt auf den schmalen Boden des Radweges und schüttelt verständnislos den Kopf: „Ich habe keine Knautschzone. Für mich ist das lebensbedrohlich, wenn mir Autofahrer die Tür in den Lenker hauen“. Dabei sei Radfahren wichtig für die Mobilität von Familien, sozial Schwachen und Flüchtlingen.

Dann stoppt die bunte Masse ruckartig. Ein Handzeichen macht die Runde. Die Ampel zeigt rot. Meterlang stapelt sich der Pulk an Fahrradfahrern an der Kreuzung und wartet, dass grün wird. Das Recht, zwischen den Autos auf der Straße zu fahren, spricht ihnen Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung (StVO) zu: „Mehr als fünfzehn Rad Fahrende dürfen einen geschlossenen Verband bilden. Dann dürfen sie zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren“ – eine Sonderregel, die aus der radelnden Gruppe ein langes, gleichwertiges Fahrzeug macht.

Nach einer kurzen Pause geht es weiter, vorbei am Congress-Zentrum, fluchenden Autofahrern und verwunderten Fußgängern. Wer vorne fährt, führt die Gruppe. Überquert der Erste die Kreuzung noch bei grün, darf der Letzte trotz roter Ampel noch fahren. „Was soll denn das? Frechheit!“, brüllt ein Fahrer aus dem heruntergelassenen Fenster seines Wagens. Dann hupt er mehrmals, schlägt mit der Faust auf das Lenkrad und gibt dann doch nach. Für Knuth ist das nichts Neues. „Es gibt immer Autofahrer, die versuchen, sich trotzdem reinzudrängen. Die sind gewohnt, dass Radfahrer und Fußgänger zur Seite gehen“, sagt er. Seine leicht zotteligen, schwarzen Haare wehen im Fahrtwind, seine Beine treten im Takt in die Pedalen seines Liegerads. Der Tacho zeigt sechzehn Kilometer pro Stunde an. Knuth war schon damals dabei, als in den 1990-er Jahren alles anfing und die Bewegung aus Kalifornien nach Deutschland kam. Er interessiert sich für die Rad-Infrastruktur und findet, dass das Auto überbewertet wird. „Autos machen Dreck, wir nicht“, betont er. Dann beschleunigt Knuth, um die Lücke zum Vordermann zu schließen.

Ein Stück weiter vorne fahren Ulrike und Sebastian. Auch sie möchten den Verkehrsraum für das Rad zurückerobern. Sebastian macht noch kurz den Schulterblick, biegt dann nach links ab. Rund zwölf Kilometer fährt er jeden Tag auf dem Rad zur Arbeit – hin – und zurück. Ein Auto hat er nicht. „Ich habe es verkauft, um Geld zu sparen. Das Fahrradfahren tut gut, vor allem wenn man sonst nur im Büro sitzt“, sagt er. Sein Weg zur Arbeit führt direkt an der Leine entlang. Es sei ein entspanntes Fahren – Glück, das nicht jeder Fahrradfahrer in Hannover habe.

Inzwischen ist es Viertel nach acht. Knapp 22 Kilometer liegen hinter den etwa 175 Radlern. Zum letzten Mal ertönt das trötende Meer aus Hupen, zum letzten Mal biegt die kritische Masse für heute gemeinsam ab. Wie ein Bienenschwarm zieht sie sich durch die Celler Straße –  in der Hoffnung, dass sie etwas bewirken und die hannoversche Radkultur befruchten kann.

Von Milena Schwoge 

[ssba]