„Ich war der Hooligan mit nationalen Anlagen“

Heiko Gruber* hat in seinem Leben schon viele Menschen zusammengeschlagen. Heute hat er fünf Kinder, denen er kein Haar krümmen würde. Er erzählt, wie er vom rechten „Kameraden“ zum fürsorglichen Papa wurde. Doch die aktuelle politische Situation und auch seine privaten Beziehungen stellen Heikos Lebenswandel auf den Prüfstand.   

„Jetzt reicht’s“, sagt Heiko. Er packt den Mann und nimmt ihn in den Schwitzkasten. Eine Leichtigkeit für Heiko Gruber. Er wiegt 140 Kilo und hat schon so einige Prügeleien hinter sich. Er ballt die Faust – bereit zuzuschlagen. Aber Heiko schlägt nicht zu. Dieses Mal nicht. „Ich musste an Maria und die Kinder denken“, sagt er heute. „Ich dachte: Wenn jetzt irgendwas passiert, fällt das auch auf die Kinder zurück.“

Wer ist Heiko heute?

„Hahaha, aufhören, Papa“, ruft Leon. Heiko hat den Kleinen auf seinen Schoß gezogen und kitzelt ihn mit seinen großen Händen, die wie bedrohliche Pranken aussehen. Heikos breiter Körper ist von Tattoos geschmückt, die unter der dunklen Kleidung hervorblitzen. Früher hat sein Äußeres gut zu Heikos Verhalten gepasst. Heute nicht mehr. Für seine Kinder ist nichts an ihm bedrohlich.

Vor acht Jahren heiraten Heiko und Maria. Sie bringt vier Kinder mit in die Ehe, die er wie seine eigenen aufnimmt. Die beiden bekommen ein gemeinsames Kind. Die Jungs sind Heikos ganzer Stolz. Früher hatte er nicht darüber nachgedacht, einmal Vater zu werden. Plötzlich hat er fünf Söhne. Seine Augen leuchten, wenn er von ihnen erzählt.

Auch im Beruf läuft es gut. Heiko arbeitet für ein großes Unternehmen als Operational Manager in der Verladetechnik. Unter der Woche ist er wegen der Arbeit in Frankfurt, am Wochenende bei der Familie. Erfolgreicher Karrieremann und fürsorglicher Familienvater – heute erinnert wenig an Heikos Vergangenheit. Aber Heiko erinnert sich noch gut.

Wie fing alles an?

Als Jugendlicher gründet Heiko mit zehn anderen Männern die Kameradschaft Westerwald. Aber nicht alle haben das gleiche Anliegen. „Die einen sind Hooligans. Die anderen tatsächlich Braune. Ich war irgendwo in der Mitte. Ich war der Hooligan mit nationalen Anlagen“, beschreibt sich Heiko. Ihm geht es hauptsächlich um die sogenannte dritte Halbzeit. „Das war für mich einfach ein Ventil.“ Wie vielen anderen ist auch ihm das Fußballspiel davor nicht wichtig. Manchmal schaut er es sich noch nicht einmal an, sondern sucht stattdessen gleich die anderen Hooligans. „Da treffen sich Menschen, die alle dasselbe Ziel haben: einfach was rauszulassen“, sagt Heiko. Eine Art Ehrenkodex gebe es auch, erklärt er: „Wir haben nie auf am Boden Liegende eingetreten. Der brave Familienvater, der mit seinem Sohn zum Fußballspiel geht, wäre auch nie unser Ziel gewesen. Wir haben unseres Gleichen gesucht und gefunden.“ Verletzte gebe es natürlich auch, wenn die Mannschaften sich gegenseitig abpassen und mitunter zu 50 Mann auf einander losgehen. „Aber nur gebrochene Nasen oder mal einen gebrochenen Knochen“, sagt Heiko.

Doch auch außerhalb der „dritten Halbzeit“ wird Heiko gerne gewalttätig. Als er gerade einmal 17 Jahre alt ist, wird er wegen versuchten Mordes und siebenfacher, schwerer Körperverletzung angeklagt. In einer Kneipe habe ihn einer blöd von der Seite angemacht. „Da bin ich ausgetickt und habe ihm einen Tisch hinterhergeschmissen. Habe ihn dummerweise mit der Tischkante im Genick getroffen“, erzählt Heiko. Die Freunde des Schwerverletzten habe er auch noch verprügelt – allein. Er sei nach Hause gegangen, wo ihn kurz darauf das SEK abgeholt habe. Heiko hat Glück, dass er nach Jugendrecht behandelt wird und die Anklage auf eine schwere Körperverletzung und siebenfache Körperverletzung reduziert wird. „Das Ganze wurde dann noch abgeschwächt, weil ich als 17-Jähriger alleine gegen sieben stand.“ Letztendlich kommt Heiko mit Sozialstunden und Bewährung davon.

Die Frage, wieso sie damals die Kameradschaft gründen, kann Heiko selbst nicht so richtig beantworten. „So ein Protest vielleicht auch einfach. Gegen den Mainstream, gegen alles. Ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt er. „Und es ging uns einfach auf den Sack, dass so viele junge Kerle rumgerannt sind und dummerweise ihren Arm hochgerissen und ‚Heil Hitler‘ geschrien haben. Damit haben sie auch uns in eine Ecke gedrängt haben, wo wir gar nicht hinwollten.“ Mit der Kameradschaft habe man das kontrollieren wollen. „Hat auch gut funktioniert“, sagt Heiko. „Eine Zeit lang“, fügt er kleinlaut hinzu.

„Dann hat‘s irgendwann nicht mehr funktioniert.“ Ein paar linke Gruppierungen im Westerwald seien handgreiflich gegen die Kameradschaft vorgegangen. „Das ist sehr unschön gegipfelt mit Straßensperre im Wald und dem Einsatz von Baseballschlägern“, erzählt Heiko schmunzelnd. „Sind auch ein paar Autos kaputtgegangen. Daraufhin gab‘s eine polizeiliche Ermittlung und dann wurde die Kameradschaft Westerwald hochgenommen. Das war‘s dann.“

Wieso Heiko in jungen Jahren überhaupt zur rechten Szene kommt, weiß er nicht genau. „Da habe ich schon lange drüber nachgedacht, ob das schon in meiner Kindheit manifestiert ist oder so, aber ich bin nie zu einer Antwort gekommen. Ich denke, das ist wirklich typbedingt“, sagt er. Er erinnere sich nicht an irgendwelche speziellen Vorkommnisse, die ihn dazu bewegt hätten.

Warum hat Heiko sich verändert?

An die Gründe für seinen Ausstieg aus der Szene erinnert er sich hingegen noch genau: Als die Kameradschaft Westerwald 2003 behördlich aufgelöst wird, ist Heiko schon längst nicht mehr so stark involviert wie früher. „Das hatte berufliche Gründe. Ich war damals auf Montage und eigentlich mehr unterwegs als zuhause. Und wenn man dann zuhause war, hat man auch nicht nur die Kameradschaft im Kopf“, sagt er. Dazu kommt ein Umzug. „Dabei verliert man auch die Kontakte und hat immer weniger Zeit für so was. Und irgendwann ist man dann halt draußen.“

Doch auch nach den Kameradschaftszeiten gibt es immer wieder Situationen, in denen Heiko handgreiflich wird. Bis er 2006 Maria kennenlernt. Sie wollen heiraten. Heiko hat plötzlich eine Familie mit vier Kindern. Als er einen Freund besucht, fährt dessen Nachbar zu dicht an Heikos Auto vorbei und zerkratzt den Lack. Es kommt zum Streit. „Es gab ein kurzes Handgemenge. Ich hatte ihn im Schwitzkasten und hatte schon ausgeholt und wollte ihm die Nase brechen. In dem Moment zuckte es mir durch den Kopf: Nee, es geht jetzt nicht. Jetzt sind Maria und die Kinder da“, schildert Heiko die Situation. „Ich habe mich umgedreht und bin gegangen.“ Heute sagt er darüber: „Irgendwann wird man eben erwachsen und kann einfach nicht prügelnd durch die Gegend laufen.“

Wenn Heiko heute auf seine Vergangenheit zurückblickt, bereut er nichts. „Alles, was ich getan habe, habe ich aus einem Grund gemacht. In dem Moment war es richtig, auch wenn es im Nachhinein vielleicht falsch war“, sagt er. „Alles, was wir erleben, macht uns zu dem, was wir sind. Und das, was ich bin, da bin ich eigentlich ganz schön stolz drauf.“

Wird Heiko rückfällig?

Solche Sätze klingen wenig einsichtig. Oft sagt Heiko auch: „Generell habe ich ja nichts gegen Ausländer. Aber wer als Gast in unserem Land ist, muss sich an Recht und Gesetz halten.“ Dabei hat er doch selbst schon oft gegen das Gesetz verstoßen. „Aber habe mich nicht erwischen lassen“, sagt er lachend. Er scheint sich der Doppelmoral nicht bewusst zu sein. Wird es in Heikos Leben einen zweiten Wandel geben – vom Familienvater wieder zum rechten Schläger?

Seit Kurzem sind Heiko und Maria getrennt. Die Kinder sieht er nur noch jedes zweite Wochenende. Viele alte „Kameraden“ melden sich wieder. Heiko sieht sie bei Motorradtreffen. „Das war echt schön, aber den Drang, dass ich mich noch mal irgendwo beweisen muss, habe ich nicht mehr“ sagt er. Die Frage, ob unter den alten Freunden auch Rechtsradikale sind, bejaht Heiko. Doch sofort rudert er zurück. Er möge den Ausdruck nicht und finde, dass er viel zu leichtfertig gebraucht werde.

Heiko hält es für sehr wahrscheinlich, dass sich „gerade in der aktuellen Zeit mit unserer Flüchtlingsproblematik“ wieder eine Kameradschaft gründen wird. Aber er sagt auch: „Ob das so passend ist und ob uns das weiterbringt, wage ich zu bezweifeln. Ich denke, da ist unsere Politik mehr gefordert.“ Sollte es wieder eine Kameradschaft geben, würde Heiko jedenfalls nicht beitreten. „Wer macht dann meine Arbeit? Wer kümmert sich um meine Kinder?“

*Alle Namen von der Redaktion geändert

Von Johanna Stein

Foto: Milena Schwoge

[ssba]